Ohne meinen Kontext sage ich nichts!

Ich hatte angekündigt (hier), ab und an meinen Freund und Lehrmeister Pu an dieser Stelle zu bemühen . Wir wissen seine unendliche Weisheit zu schätzen. Ich staune selbst immer wieder, was so ein kleiner Bär alles zu sagen hat.

Ihr kennt die Geschichte zum Bild? Pu und Ferkel gehen durch den Wald, auf der Suche nach Wuschels und Wischels. Sie finden Spuren im Wald, erst eine und dann immer mehr. Furcht kommt auf, wer weiß ob da nicht jemand feindliche Absichten hegt? Angesichts der Möglichkeit einer bedrohlichen Situation erinnert sich Ferkel, zu Hause noch etwas Wichtiges zu erledigen zu haben. Gut, dass Pu durch einen Pfiff von Christopher Robin gerettet wird, der hoch auf einer nahegelegenen Eiche alles beobachtet hat. Auf seinen Hinweis hin denkt Pu „so nachdenklich, wie er nur denken kann“ und findet die Lösung: Es sind die eigenen Spuren, denen Pu und Ferkel gefolgt sind. Die werden natürlich beim Rundgang durch das Dickicht immer mehr.

Dann entspannt sich folgender Dialog zwischen Pu und Christopher Robin:

»Ich war ein verblendeter Narr«, sagte er, »und ich bin ein Bär ohne jeden Verstand.«
»Du bist der beste Bär der ganzen Welt«, sagte Christopher Robin beruhigend.
»Stimmt das?« sagte Pu voller Hoffnung. Und dann erhellte sich plötzlich seine Miene. »Auf jeden Fall«, sagte er, »ist es schon fast Zeit zum Mittagessen.« Deshalb ging er nach Hause.

Klar: wer den besseren Überblick hat (etwa von einem Baum) versteht den Kontext besser als die im Dickicht Stehenden. Und wer sich erstmal in närrische Einbildungen verstrickt, der tut sich mit dem Öffnen der Augen für Neues richtig schwer. Besonders wenn gerade kein Honigtopf zur Hand ist.

Zusammenhänge verstehen ist unbedingt notwendig, bevor Schlussfolgerungen gezogen werden. Noch wichtiger ist: Nur selten können wir Zusammenhänge völlig ergründen und verstehen. Wir versuchen gerne im nachhinein passende Erklärungsmuster zu finden, doch Kausalitäten können auch genau umgekehrt sein, oder es gibt überhaupt keine Ursache-Wirkungs-Beziehung. Die „narrative Verzerrung“ tut ihr Übriges, Ereignisse nachträglich seiner persönlichen Sammlung von Fakten zuzuschreiben, diese dann in Form einer heldenhaften Geschichte dem eigenen Mindset sowie der Öffentlichkeit anzubieten. Hört sich immer gut an, doch nur Junkies glauben daran.

Wie also können wir besser verstehen lernen? Am Besten sind immer unterschiedliche Sichtweisen. Sie zu betrachten, Überschneidungen und Unterschiede festzustellen, Muster zu erkennen und auch Unwahrscheinliches als Möglichkeit nicht a priori auszuschließen. Lernen ist zunächst mehr Beobachten als Schlussfolgern. Je später letzteres an die Reihe kommt, desto mehr zum Nutzen des Betrachters.

“Observing without evaluating is the highest form of human intelligence.” Beobachten ohne zu bewerten ist die höchste Form menschlicher Intelligenz. Das ist das Prinzip „Achtsamkeit“.

Der menschliche Geist neigt bevorzugt zur Suche nach Rezepten. Die lesen sich so schön einfach. Ich habe manches Projektgespräch geführt, wo einfache Lösungsformeln gegenüber einem offenen Herangehen präferiert werden sollten. Das ist zugegebenermaßen schwieriger und dauert oft länger, hat aber mehr Aussicht auf dauerhaften Erfolg. Strohfeuer sind leicht zu entzünden, doch sie wärmen nur kurze Zeit.

Für alle, die sich schon mal geirrt haben: Besser als dann wie Ferkel (s. o.) einfach nach Hause zu gehen ist es (sich selbst gegenüber) zuzugeben, dass man verblendet und von geringem Verstand ist. Dazu lässt sich lernen. Ich jedenfalls gebe es zu: Das Wissen um diese Zusammenhänge schützt einen selbst vor Torheit nicht. Vor allem, wenn es um einen selbst geht.

 

Wen es interessiert: die obige Illustration von Ernest E. Shepard hat seinerzeit mit 95.000 Pfund einen Auktionsrekord für den Illustrator bei Sotheby’s in London erbracht (siehe hier). Bei so viel Bärenverstand!

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[…] anderen Systemen, sie sind nicht isolierbar. In komplexen Systemen ist Kontext alles (siehe auch hier)! Sie können nicht losgelöst von ihrem Kontext betrachtet werden. Introvertiertheit komplexer […]

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