Schuld und Krise

faehrmann

 

Fußball ist eine todernste Angelegenheit. Manche meinen, diese Feststellung sei maßlos untertrieben.

Wenn man wie ich in Gelsenkirchen mitten im Pott geboren und aufgewachsen ist, kennt man nicht nur Sonnenseiten des Lebens. Angesichts der augenblicklichen Talfahrt von Schalke 04 schon gar nicht. Eigentlich wollte ich niemals über Fußball schreiben. Jetzt tue ich es doch.

Fußball ist Herzensangelegenheit. Aber eben auch immer wieder wunderbares Anschauungsmaterial, nicht nur für einen Berater & Coach. Was würde ich dem Verein raten, wenn jetzt das Telefon ……. . Ich habe keine Informationen darüber, was hinter den Kulissen wirklich los ist. Daher kann ich nur Allgemeines anmerken. Das aber ist schon eine Menge und wahrscheinlich besser als die üblichen Rezepte, die verschiedene Beteiligte und Unbeteiligte schon wieder handeln.

Krisen sind normal und nützlich. Sie haben nie klare Ursachen. Deshalb helfen Rezepte so wenig, sie unterstellen immer: klare Ursache, ich hab da eine schneidige Maßnahme, klare Auswirkung. Fertig. Doch die komplexe Welt des Fußballs, sie ist nicht so. Wie wäre es denn mal statt Durchhalteparolen und Zwangsmaßnahmen mit einem klaren Bekenntnis: Wir sind in einer Krise und irgendwie haben Trainer, Management und Mannschaft dazu beigetragen. Ende der Diskussion über Schuld & Unschuld. Im Fußball haben Wirkungen nie klare Ursachen (in Organisationen übrigens auch nicht). Das „System Schalke“ hat in dieser Saison nicht funktioniert, jedenfalls nicht so wie Fans und Verein es erwarten und wünschen. Systeme sind keine Menschen, sie werden bestimmt durch die Interaktionen der in dem System agierenden Personen.

Nun könnte man an den eingeübten Interaktionsmustern im Verein arbeiten. Das wird mühsam sein, eine messianische (kommt von „Messias“, nicht Messi!!!) Haltung der Beteiligten erfordern und viel Zeit benötigen. Die hat der Verein nicht. Die Alternative: neue Interaktionsmuster schaffen. Krisen sind instabile Zustände, manchmal braucht es ein „Reset“. Es ist dann zwar nicht wie früher, aber anders. Das schafft Chancen. Wichtig nur: Auch indirekt darf „Reset“ nicht aussehen wie Schuldzuweisung. Suspendierung von Spielern, Entlassung von Trainern, Neuverpflichtung von „Stars“ ohne den Kontext „Wir schaffen einen neuen Anfang“ werden sehr wahrscheinlich unglaubwürdig wirken und schnell die alten Muster wiederbeleben.

Ein anderer Verein im Pott ist dieses Jahr in einer ähnlichen Situation. Vergleiche sind immer falsch, ich empfehle nicht eine Wiederholung in anderen Farben. Aber alle verstehen: Da findet ein Neuanfang statt. Keine „Bauernopfer“, statt dessen Raum für neue Interaktionen. Bei diesem ungenannten Verein ist der Trainer die „Galleonsfigur“, die mit alten Mustern im Verein und in der Öffentlichkeit identifizert wird. Auf Schalke gibt es andere Muster. Diejenigen in ihren Schnittstellen sollten sie erkennen und anerkennen, dass der Fußball größer ist als das eigene Ego.

Für die Zukunft sehe ich blauweiß. Die herausragende Nachwuchsarbeit könnte einer der Bausteine sein, mit denen neu angefangen werden kann. Das wird nicht reichen, ist aber schon mal was. Wissen tut man immer erst hinterher. Nur anfangen muss man.

 

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