Wir sind nicht alle gleich. Man muss nicht alles wissen. Aber man sollte etwas können.

„V“ wie Vielfalt, Vertrauen, Vernetzung, Verantwortung, verrückt sein, Verpflichtung, Vision, Visualisierung usw. … ist das Motto des diesjährigen Projektcamps in Berlin. Die Initiatoren haben zu einer Blogparade „Vielfalt in Projekten und darüber hinaus“ aufgerufen, der persönlichen Bitte dazu einen Beitrag zu leisten komme ich gerne nach. Ich kann zwar selbst an dem Camp nicht teilnehmen, fühle mich aber als seelenverwandter Mitstreiter virtuell mittendrin.

Spontan (keine Ahnung warum, Synapsen sind unergründlich) ist mir dazu folgender Intellektuellenwitz eingefallen, der die Vielfalt von Kommunikation, Verstehen und die damit verbundenen Missverständnispotentiale aufs Korn nimmt: Kommt ein Römer in eine Bar, an einer Hand zwei Finger zum „V“ erhoben: „5 Bier, bitte!“ Ich hab tatsächlich mal versucht (in vordergründig passendem Umfeld) eine Bestellung auf diese Weise aufzugeben. Ich bin dabei sehr mitleidig angeschaut worden. Muss man einen Witz erklären, dann ist es zu spät. Doch Spaß beiseite!

Vielfalt – das Gegenteil davon ist Einfalt. Muss man darüber reden ob besser Einfalt oder Vielfalt? Schauen wir auf unser Bildungs- und Arbeitssystem: Normierte Studiengänge, zahllose Stellenbeschreibungen und Jobs sind dieser Einfalt zu oft näher als wir es uns leisten können. Die meisten Jobs des industriellen Zeitalters und die meisten in der Dienstleistung waren Tätigkeiten, bei denen es neue Probleme nicht zu lösen gab. Es handelte sich fast immer um die Abarbeitung von Routinen und vorgegebenen Abläufen. Das war nicht nur in der Fabrik und an der Kasse im Supermarkt so. Selbst unter „Wissensarbeitern“ wurden immer kleinere arbeitsteilige Gruppen eingerichtet, um Problemstellungen „beherrschbar“ zu machen. Bloß keine Überraschungen oder widersprechende Meinungen! Es gibt nur den einen, den besten Weg.

Ist die Methode intelligent, kann der Ausführende ruhig dumm sein, so ein alter Aberglaube industriell-mechanischen Denkens. Das reicht heute kaum noch zum Überleben in dynamischen Märkten. Wissen entsteht durch Lernen und Vergessen. Dabei kann nicht mehr entstehen als ein Abbild der Wirklichkeit, nichts Neues also. Für Neues braucht man Können, die Fähigkeit auf unbekanntem Terrain problemlösend zu handeln. Von meinem „Meister“ Gerhard Wohland stammt die Metapher des uralten Fernsehgerätes. Die Methusalems unter uns erinnern sich an diese Gerätegeneration, für „Digital Natives“: Das hat es wirklich mal gegeben, ist noch gar nicht sooo lange her. Sie hatte u.a drei Regler für Helligkeit, Kontrast und Schärfe. Diese waren in gegenseitiger Abhängigkeit verknüpft, eine Veränderung der Einstellung an einem hatte unweigerlich Auswirkungen auf die beiden anderen Regelbereiche. Es gehörte einige Übung dazu, eine optimale Einstellung zu finden, die natürlich subjektiv differierte. Aber es funktionierte, irgendwie.

Wer sich ein wenig mit der Neuro-Wissenschaft beschäftigt weiß, dass unser Gehirn drei einander beeinflussende Variablen noch gerade zu beherrschen weiß. Kommt eine vierte hinzu sind wir allerdings überfordert. Wo gibt es heute noch Problemstellungen mit nur drei Regelbereichen? Bei TV-Geräten nicht mehr, schon gar nicht bei den Problemen, die uns bei den Herausforderungen unserer Jobs in dynamischen, von Überraschungen geprägten Märkten begegnen. Ernüchternde Konsequenz: Der Einzelne und das Einfältige sind keine adäquaten Lösungsstrategien für komplexe und dynamische Umgebungen, für die Welt in der wir leben.

Nach W. R. Ashby benannt ist das Gesetz, dass eine komplexe Umwelt nur durch ein entsprechend komplexes Steuerungssystem effektiv geregelt werden kann, oder: Je mehr verschiedene Möglichkeiten ein System hat um zu steuern und zu regulieren, desto mehr Störungen oder Überraschungen wird es ausgleichen oder kompensieren können. Komplexität im Umfeld braucht ihre Entsprechung in der Organisation. Ashby formulierte sein Gesetz in den 40er Jahren, er war Psychiater, Forscher und Leiter einer Nervenklinik. Anekdotisch sei angemerkt, dass „Ashby’s Law“ angeblich in einer Gummizelle entstanden ist. Das lässt jedoch nicht auf den Geisteszustand des Erfinders schließen, wohl aber auf seine Gesinnung. Laut war es in den Heilanstalten damals, ist es vermutlich heute noch. Ashby war es zu inhuman, alle brüllenden Patienten in eine Gummizelle zu stecken. Also richtete er sich selbst ein Arbeitszimmer in einer Gummizelle ein, um in Ruhe arbeiten zu können. Paradoxe Intervention ist eine schöne Bezeichnung für solche eine Vorgehensweise.

Die reflexartige Antwort „Team“ auf die komplexe Herausforderung greift leider zu kurz, sie bleibt nur an der Oberfläche. Dahinter steht die Illusion, Teams plan- und zielgerichtet gestalten und einsetzen zu können. Auch gute Teams kann man nicht machen, sie sind ein Geschenk. Es bleibt bei günstigen Rahmenbedingungen, die man gestalten kann. Der Rest ist Emergenz, oder eben nicht.

Der orientalische Schalk und Narr Nasrudin stellt in einer Geschichte 7 Weisen die Frage „Was ist Brot?“ und erhält darauf als Antworten:

  • Brot ist Salz, Wasser und Mehl,
  • Brot ist gemahlenes und gebackenes Korn,
  • Brot ist ein Geschenk des Himmels,
  • ein Grundnahrungsmittel,
  • ein Symbol des Lebens,
  • eine Gottesgabe
  • und zuletzt ein chemisches Substrat.

Die Unfähigkeit der Weisen, eine einfache und einhellige Antwort auf eine einfache Frage zu geben lässt Nasrudin die Weisheit der Sieben in Frage stellen. Rationale Intelligenz ist verschieden von ganzheitlicher Intelligenz. Echte Weisheit entsteht als Dialog in Resonanz mit einem konkreten Problem, nicht als Reproduktion von persönlichem Wissen ohne sozialen Kontext. Wer solch einfache Fragen nicht entscheiden kann ist unfähig für die wirklich schwierigen Fragen und Probleme, so schlussfolgert Nasrudin.

Ganz praktisch kommt Vielfalt am besten in einem sozialen System zur Geltung, das ohne Einmischung arbeiten kann. Wo Probleme verständlich beschrieben sind, „unter die Haut gehen“, erzeugen sie eine gefühlsmäßige Resonanz mit Könnern. Die gibt es in jedem Unternehmen, auch wenn so mancher Chef das nicht glauben mag. Im Gegensatz zu Wissen ist Können komplex, Können führt nie zum gleichen Ergebnis, es kreiert Neues. Denn es gibt ihn nicht, den einen besten Weg, es gibt viele Möglichkeiten. Können ist personengebunden, niemand kann es klauen, es klebt an der Person.

Meister nannte man früher Menschen, die etwas können. Dieses Wort klingt heute reichlich antiquiert. Doch es bekommt wieder Bedeutung. Meisterschaft beschreibt ein Entwicklungsverhältnis, aus dem Können entsteht. Meister können ihre Schüler vieles lehren. Schüler müssen sich Wissen aneignen, üben, üben und nochmals üben. Sie können selbst Meister werden, doch niemals werden sie ihre Meister ersetzen können – das sollen sie auch nicht. Meisterliche Aufgabe ist es, Schüler auf der Grundlage von Wissen zu Könnern zu machen. Das geschieht vor allem durch die Provokation mit fordernden Aufgaben. Können ist nicht vermittelbar, es entscheidet sich immer wieder aufs Neue und ist immer anders.

Es gibt Unternehmen, die mit ihren Talenten auf eine normale, unaufgeregte Art und Weise umgehen. So entspannt die Menschen in solchen Unternehmen mit ihren Ideen und Produkten verfahren, so halten sie es auch untereinander. Vertrauensvolle Beziehungen zeichnen sich dadurch aus, dass die Partner auf Augenhöhe agieren. Neid und Eifersucht sind überflüssig, niemand muss etwas verbergen, Irrtümer gehören zum Lernen dazu. Könner akzeptieren Könner, weil ihr Selbstbewusstsein genügend groß ist, um sich weder gleicher noch größer machen zu müssen.

Könner sind keine eigenbrötlerischen Einzelgänger. Sie sind gut vernetzt, genießen Respekt, sie haben Verbündete und gewinnen andere, wo sie an Grenzen stoßen. Könner kann man nicht machen. Vielfalt kann man auch nicht machen. Führungskräfte können nur günstige Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass Probleme verstanden werden, Könner Bedingungen vorfinden, in einem geschützten Raum probieren zu können, um andere mit ihren Lösungen zu infiltrieren. Ich bin tief davon überzeugt: Jeder hat Talent, nur viele haben es noch nicht entdecken können oder dürfen. Manchmal braucht es nur etwas Mut dazu.

„Kann ich auch“ wird nicht wirklich gebraucht. Und: Jeder ist mehr als gleich. Das ist echte Vielfalt.

 

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