Der „konstruktive Irritierer“ ist mein Markenzeichen. Ich finde diese Zeichnung des Karikaturisten Hugh großartig. Sie passt einfach zu mir, zu meiner Arbeitsweise, zu meinem Rollenverständnis als Coach und Berater. Ein signiertes Original dieser Karikatur hängt über meinem Schreibtisch, ich habe sie immer vor Augen. Das Schöne ist: Sie gefällt nicht nur, sie hat auch gute und fundierte theoretische Wurzeln im radikalen Konstruktivismus und in der Systemtheorie.
Wir tun so, als würden wir Menschen die Welt erkennen, wie sie ist, als gäbe es da draußen eine objektive Realität und Lernen bedeutet, diese Realität möglichst korrekt ins Gehirn zu kopieren. Doch Erkenntnis ist nicht Abbildung, sondern Konstruktion. So die Sicht des radikalen Konstruktivismus.
Wir Menschen beobachten nicht die Welt. Wir beobachten unsere Konstruktionen von Welt. Das Gehirn ist kein Fenster zur Realität. Es ist Sinn-Erzeuger, kein Sinn-Empfänger. Wahr ist nicht, was stimmt, sondern was für uns passt – was in unserem eigenen Erfahrungshorizont funktioniert. Lernen bedeutet nicht: Mehr Wissen aufzunehmen, Lernen befähigt uns, bessere Konstruktionen zu bauen, mit der wir unsere Wirklichkeit in Einklang bringen können.
Lernen ist niemals eindeutig. Wenn jede Erkenntnis konstruiert ist dann gilt und jede Beobachtung in einem ganz bestimmten Kontext geschieht, dann hat jeder Kontext seine ganz spezifische Wahrheit. Es gibt keinen Standort außerhalb aller Kontexte. Zwei Menschen lernen nie dasselbe, selbst wenn sie im selben Raum sitzen.
Lernen ist psychisch. Organisationen sind sozial. Dazwischen gibt es keinen direkten Zugriff. Wer glaubt, man könne Menschen trainieren, um Organisationen zu verändern, hat Radikalen Konstruktivismus nicht begriffen.
Hegel schmunzelt im Hintergrund, denn Entwicklung geschieht nicht durch Belehrung mit dem moralischen Zeigefinger, sondern durch Irritation. Nicht: „Ich erkläre Dir wie die Welt ist.“
Sondern: „Ich bringe Deine Konstruktionen ins Wanken.“ Lernen beginnt dort, wo eigene Gewissheiten nicht mehr funktionieren. Nicht durch Antworten, sondern durch Negation der eigenen Sicht.
Die unbequeme Konsequenz für Führung und Change:
👉 Menschen können nicht belehrt werden.
👉 Wissen kann nicht übertragen werden.
👉 Bedeutung entsteht nur im jeweils eigenen System.
👉 Führung ist keine Wissensvermittlung, sondern Irritation.
Nicht: „So ist es richtig.“
Sondern: „Welche Konstruktion passt hier noch – und welche nicht mehr?“
Lernen ist kein Fortschritt zur Wahrheit. Lernen ist ein Wechsel der Perspektive. Lernen ist Kontextverschiebung.
Wer lernen will, muss aufhören, Recht haben zu wollen.
Irritationen dienen der Anregung. Sie helfen, Überraschungen zur Normalität werden zu lassen. Wir Menschen und unsere Organisationen brauchen die Wiederherstellung dieser Unsicherheit in einer Welt, in der unser industriell geprägtes Ordnungsdenken auf eine zunehmend komplexe und unberechenbare Wirklichkeit trifft.
So paradox es klingt: Irritation fördert Innovation! Sie hilft, innere Starrheit zu überwinden und fördert die Anpassungsfähigkeit an veränderte Umfeldbedingungen.
„Konstruktive Irritierer“ sind Evolutionsbeschleuniger.
Siehe auch „Irritation oder Sturz ins eigene Heldenbild“ und „Wo das denken an der Wirklichkeit vorbeiläuft“.
