Rettet das Öl!

Wie wir eine Energiekrise bekämpfen, indem wir viel Geld dafür ausgeben, unsere Abhängigkeit von Energiekrisen zu erhalten.

Es ist wieder Krise. Diesmal kommt sie aus dem Nahen Osten. Energie wird teurer, Benzin wird teurer, Transport wird teurer und irgendwann steht auch beim Bäcker ein neues Preisschild. Das Überraschende daran ist vor allem, wie überraschend uns das alles offenbar trifft.

Man könnte nun auf die verwegene Idee kommen, ein Land, das fast seine gesamte fossile Energie importiert, müsse solche Abhängigkeiten möglichst schnell verringern. Aber das wäre vermutlich zu einfach. Wir machen das komplizierter.

Die Europäische Zentralbank erhöht die Zinsen. Gerade erst wieder um 0,25 Prozentpunkte. Die Begründung ist nachvollziehbar: Die Inflation lag im August bei 3,3 Prozent, die Energiepreise sogar 14,3 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Die EZB fürchtet, dass der Energieschock irgendwann auch Löhne, Dienstleistungen und andere Preise mitzieht.

Kleine Pointe am Rande: Die EZB hat selbst untersucht, woher die neue Inflation kommt. Ihr Befund ist bemerkenswert eindeutig. Rund 90 Prozent des Anstiegs der Inflation zwischen Januar und Mai gingen auf Störungen des Energieangebots zurück.

Wir haben also zunächst kein Geldproblem. Wir haben ein Energieproblem. Dagegen hilft ein höherer Zinssatz ungefähr so unmittelbar wie eine Erhöhung der Hundesteuer.

Natürlich weiß die EZB das. Sie versucht gar nicht, Öl und Gas billiger zu machen. Sie will verhindern, dass aus dem Preisschock eine allgemeine und dauerhafte Inflation wird. Volkswirtschaftlich interessant wird es erst danach. Denn höhere Zinsen verteuern Kredite. Und damit Investitionen. Zum Beispiel in Wohnungen. Fabriken. Stromnetze. Speicher. Erneuerbare Energien. Elektrifizierung. Neue Produktionsverfahren. Also teilweise ausgerechnet jene Dinge, mit denen wir unsere Abhängigkeit von teurer importierter Energie verringern könnten. Auch die EZB erwartet inzwischen, dass ein länger anhaltender Energieschock Realeinkommen, Konsum und Investitionen belastet.

Das ist kein Vorwurf an die Zentralbank. Viel interessanter: Es ist ein Systemproblem.

Jeder macht in seinem Kästchen etwas durchaus Vernünftiges. Die Zentralbank bekämpft Inflation Oder das, was sie für Inflation hält. In Wirklichkeit handelt es sich nämlich um eine Strukturkrise. Der Finanzminister bewacht den Haushalt. Das Wirtschaftsministerium sichert Energieversorgung (oder eben nicht, Ansichtssache!). Unternehmen schützen ihre Bilanzen. Haushalte sparen. Und wenn wir großes Glück haben, entsteht aus lauter scheinbar vernünftigen Einzelentscheidungen gemeinsam etwas vollkommen Beklopptes.

Volkswirtschaft unterscheidet sich von Betriebswirtschaft an einer ziemlich lästigen Stelle: Es gibt immer eine Gegenbuchung. Wenn alle sparen, fehlt jemandem Nachfrage. Wenn einer einen Überschuss erzielt, hat irgendwo jemand ein Defizit. Wenn der Staat eine Ausgabe kürzt, verschwindet nicht automatisch der Bedarf, den sie finanziert hat. Und wenn wir fossile Energie subventionieren, damit sie trotz eines Preisschocks bezahlbar bleibt, subventionieren wir gleichzeitig die Fortsetzung unserer Abhängigkeit von fossiler Energie und erzeugen zusätzliche kontraproduktive Nebenwirkungen.

Das kann in einer akuten Notlage vollkommen vernünftig sein. Auf Dauer wird es komisch. Wir mobilisieren dann Milliarden, damit Bürger und Unternehmen die höheren Öl- und Gasrechnungen weiterhin bezahlen können. Gleichzeitig wundern wir uns darüber, dass für den Umbau des Energiesystems das Geld, die Netze, die Speicher und die Investitionen fehlen. Wir finanzieren die Rechnung für das Problem und nennen das Lösung. Cum grano pogo, selbstverständlich.

Dahinter steckt ein Muster, das viel größer ist als die aktuelle Energiekrise. Erfolgreiche Systeme haben eine erstaunliche Fähigkeit, ihre Vergangenheit zu verteidigen. Deutschland wurde mit Autos, Chemie, Maschinenbau, billiger Energie, Exporten und hervorragend optimierten industriellen Wertschöpfungsketten reich. Das war kein Irrtum. Das war ein Erfolgsmodell.

Problematisch wird ein Erfolgsmodell erst, wenn sich seine Umwelt verändert und das System trotzdem versucht, den alten Erfolg zu konservieren. Dann wird aus Technologieoffenheit irgendwann die Offenheit dafür, möglichst lange bei der vertrauten Technologie zu bleiben. Aus Versorgungssicherheit wird die Sicherung der bisherigen Versorgung. Aus Krisenpolitik wird die Finanzierung des Status quo. Und aus Transformation wird etwas, das wir gleich nach der nächsten Krise erledigen.

Vielleicht sollten wir deshalb bei der nächsten Benzinpreisdebatte nicht zuerst fragen: Wie bekommen wir den Liter wieder billiger? Sondern: Wie sorgen wir dafür, dass uns sein Preis beim nächsten Mal weniger interessiert?

Das ist ein kleiner Unterschied. Für den Autofahrer vielleicht zwanzig Cent. Für eine Volkswirtschaft möglicherweise ein Geschäftsmodell. Und für die Politik wäre es etwas geradezu Revolutionäres: Nicht die nächste Krise so organisieren, dass wir möglichst unbeschadet ins Gestern zurückkehren. Sondern die Krise benutzen, um etwas weniger abhängig vom Gestern zu werden.

Das wäre sogar eine hübsche Definition von Reform. Dieses Wort bedarf sowieso einer neuen Inhaltsgebung.

 

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2 Kommentare
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Markus Lennartz
Markus Lennartz
20 Stunden vor

Klasse, lieber Martin. Danke für den Beitrag, der hoffentlich gelesen wird.
Nebenwirkungen dieses Tuns sind kurzfristige Zufriedenheit und der Irrglauben, dass es der richtige Weg sei. Politik für die BILD-Zeitung und nicht das, was wir eigentlich erwarten dürfen, mit Sinn und Verstand. Klügere Politiker, die Mut haben und es erklären können, wären schön. Nur bitte keine blaue Alternative, die sich auf Vordergründiges und am Ende ein Desaster fokussieren wird, kann da helfen. Die Geschichte lehrt uns, zu was das führt…

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