Die Industrialisierung des „Könnens“

Pieter_Brueghel_-_Gleichnis_von_den_Blinden

Der „Blindensturz“ ist ein Gemälde des niederländischen Malers Pieter Bruegel des Älteren. Das Motiv beruht auf einer Parabel aus der Bibel, die Jesus zu den Pharisäern sagen lässt: „Lasst sie, sie sind blinde Blindenführer. Wenn aber ein Blinder den anderen führt, so fallen sie beide in die Grube.“ (Mt 15,14)

 

 

Es gibt echte Könner ihres Metiers und es gibt Metiers, die es sich lohnt zu kennen und erfolgreich einsetzen zu können. Es gibt zahlreiche Methoden und Frameworks, die vielversprechend beginnen, eindrucksvolle Resultate vorzeigen, die dann jedoch von den bewundernswürdigen Fähigkeiten und Ergebnissen ihres meisterlichen Einsatzes zu massenhaft industrialisiert kopierten Lehrbuchmethoden verkommen.

Meisterschaft entsteht durch tiefes Wissen über Zusammenhänge, wie etwas gelingt. Es gehört dazu das Üben, das oft mehrjährige Üben in lebensnaher Anwendung, der intensive Austausch mit andern „Meistern“. Praxis entsteht durch die Kombination von tiefer Durchdringung eines Themas mit langen Übungswegen, die mit Irrtümern und Lernerfolgen gepflastert sind. Wahre Meister finden sich in kritischem, unbekanntem Terrain zurecht, sie sind in der Lage Wissen kreativ weiter zu entwickeln, sie können Novizen in ihrem Fach lehren.

Was Meisterschaft nicht ist: die Lektüre eines Lehrbuchs mit angeschlossenem Webinar oder der Besuch eines zweitägigen Kongresses mit dem Foliensatz für den schematischen Methodeneinsatz.

Ich habe tiefe Hochachtung vor dem Schaffen E. Demings oder T. Ohnos im Kontext „Lean Production Systems“. Mit großer Begeisterung habe ich, von ihren Gedanken der Mitarbeiterbeteiligung beeinflusst, mich zum Lean Management Expert qualifiziert, in vielen Projekten gelernt und meine Erfahrungen eingebracht. Heute trau ich mich kaum noch, das Wort „lean“ zu nutzen, ist es doch pervertiert durch einen einseitigen bulimieartigen Verschlankungswahn. Die meisten Propagandisten, die mit dem Etikett „lean“ Beratungen und Vorträge verkaufen, haben dessen Grundgedanken nicht annähernd verstanden und kopieren nichts als ihre eigenen Missverständnisse.

Agiles Management verkommt zu einem etikettierenden Modewort. Doch zu oft ist da, wo „agil“ draufsteht, nicht wirklich agil drin. Und es ist vor allem kein Selbstzweck, dem man folgen muss, weil es modern und chick ist.

Design Thinking hat damit begonnen, dass kreative Denker Zeit investierten in genaues Verständnis ihrer Herausforderungen, sie haben immer und immer wieder zugehört, verstanden, zu begreifen versucht, ausprobiert und Prototypen geschaffen bis zu einer guten Lösung. Heute muss es schnell gehen, methodisierte Kreativworkshops mit Prozesscharts und vorgeschriebenen Ablaufschritten werden zur Norm, die der Reihe nach durchlaufen werden. Bunte Post it an Wänden werden zum Inbegriff echten Design-Thinking-Feelings, zum Markenzeichen für industrialisierte Kreativität und genormte Innovation. „Standardisiert, genormt, gescalt“, so kopiert unsere an echter Innovation und Kreativität arme Umgebung vielversprechende Ansätze zu Methodencharts, die Meisterschaft der Könner wird zu Zertifikaten im Massenmarkt vervielfältigt.

Aber so läuft das eben nicht. Wenn Blinde Blinden folgen, daran erinnerte mich Pieter Bruegels Meisterwerk (s. o.).

Ich habe mich selbst gern als „lean, agiler Design Thinker“ bezeichnet, mich viele Jahren darin qualifiziert, geübt und Praxis erworben. Ich verstehe darunter eine Art zu Denken und Handeln, nicht Methoden, die irgendwo im Coaching- und Beratungsrepertoire auftauchen. Meisterschaft findet seine Anerkennung in der Qualität der Ergebnisse, nicht in der Ansammlung von Glaubensbekenntnissen und einem „ja, das kann ich auch“.

Echte Meister überzeugen durch Praxis. Worte und bunte Prospekte kann allerdings jeder. Ich meide heute wo ich kann etikettierende Beschreibungen, sie taugen kaum zur Beschreibung dessen, was gekonnt und gewollt ist. Begriffe reduzieren, sie schaffen Missverständnisse, weil sich dahinter sehr unterschiedliche Sichtweisen verbergen können.

Wird Zeit, dass wir alle darüber nachdenken, was uns Meisterschaft wert ist und woran wir sie erkennen wollen. Und alle Meister müssen darüber nachdenken, wie sie sich von den industrialisierten Normkopien abheben können.

 

0 0 vote
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
2 Comments
Oldest
Newest Most Voted
Inline Feedbacks
View all comments
Etelka Kovacs-Koller
5 Jahre zuvor

Vielen Dank für diesen ehrlichen Artikel!
Es ist leider so, dass wir Menschen noch immer sehr empfänglich für „Erlösungsphantasien“ sind, die uns nach wie vor und sehr zahlreich angeboten werden.
Die Verpackung hat sich zwar erheblich gewandelt, der Inhalt ähnelt aber trotzdem in vielerlei Hinsicht den „Ablassbriefen“ – das Problem sind nicht die „Verführer“, sondern unsere Verführbarkeit.
Der alte Geheimrat meinte dazu: „Der ganze Strudel strebt nach oben; Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben.“ Mephistopheles / Faust, Goethe
Herzliche Grüsse,
Etelka

trackback
1 Jahr zuvor

[…] und andere, die von Könner-Frameworks zu industrialisierter Massenware geworden sind (siehe auch hier). Wenn man mit Namen und Zertifizierungen mehr verdient, als mit der professionellem Können, dann […]

2
0
Would love your thoughts, please comment.x
()
x