Manchmal frage ich mich, warum mich ein Film ganz anders beschäftigt als viele andere Zuschauer.
Ich war im Kino. Die Odyssee. Ich habe vorher und nachher einschlägige Kritiken zum Film gelesen. Da ging es um Regie, Kamera, Spezialeffekte, schauspielerische Leistungen, Action, großartige Regie. Manche finden den Film großartig, andere langatmig.
Erst einmal habe ich überlegen müssen: Worüber schreiben die eigentlich? Habe ich einen anderen Film gesehen. Das ist vielleicht gar nicht so überraschend.
Ich bin seinerzeit auf einem humanistischen Gymnasium gewesen. Homer gehörte zum Unterricht. Wir haben ihn im Original gelesen. Dazu haben mich griechische und römische Sagen und Mythen beschäftigt, die Beziehungen der Menschen zu ihren Göttern, die ich als Jugendlicher regelrecht verschlungen habe. Der Kinobesuch war also eine kleine Reise zurück. Nicht in die eigene Jugend – sondern zu einer Geschichte, die mich seit Jahrzehnten begleitet.
Mich interessiert nicht, wie spektakulär die Irrfahrt inszeniert wird. Mich beschäftigt etwas ganz anderes:
Welche Denkaufgabe stellt uns Odysseus heute?
Ich sehe keinen makellosen Helden. Ich sehe einen Menschen, der unterwegs reift. Einen, der Fehler macht, scheitert, zweifelt und immer wieder Entscheidungen treffen muss. Manche klug. Manche dumm. Aber alle mit Folgen.
Besonders hängen geblieben ist mir Kalypso. Sie bietet ihm alles an, was wir heute vermutlich als Glück verkaufen würden: Sicherheit. Schönheit. Frieden. Keine Sorgen mehr.
Trotzdem geht Odysseus, Er verlässt das kleine Paradies nach Jahren der Irrfahrt. Nicht, weil Ithaka objektiv der bessere Ort wäre. Sondern weil dort sein Leben wartet. Seine Beziehungen. Seine Verantwortung. Seine Geschichte.
Mir wird klar: Vielleicht erzählt die Odyssee gar nicht die Geschichte eines Mannes, der nach Hause will. Vielleicht erzählt sie die Geschichte eines Menschen, der irgendwann wieder selbst entscheiden möchte, wie er leben will.
Das ist ein Unterschied.
Noch etwas fällt mir auf.
Odysseus kommt nicht nach Ithaka zurück, um sich zur Ruhe zu setzen. Er räumt auf. Er beendet einen Zustand, der während seiner Abwesenheit aus dem Ruder gelaufen ist. Er übernimmt Verantwortung für das, was ihm wichtig ist. Erst danach richtet sich sein Blick wieder nach vorn.
Das hat mich mehr beschäftigt als jede Kampfszene.
Vielleicht kennen viele die Odyssee als Geschichte einer Heimkehr. Ich beginne sie anders zu lesen.
Die eigentliche Odyssee sind nicht die Stürme. Nicht die Sirenen. Nicht der Zyklop. Die eigentliche Odyssee ist die Reifung des Menschen, der all das erlebt. Das Meer ist nur die Bühne.
Während ich darüber nachdenke, musste ich unwillkürlich an mich selbst, meine eigene Lebensphase denken.
Wir verbringen erstaunlich viel Zeit damit, irgendwo anzukommen. Im Beruf. Finanziell. Im Leben. Doch irgendwann verändert sich die Frage.
Nicht mehr: Wie komme ich an?
Sondern: Wofür nutze ich die Freiheit, die ich mir erarbeitet habe?
Vielleicht gehört es dazu, zuerst die eigenen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Beziehungen zu klären. Verantwortung zu übernehmen. Nicht, weil man festhalten möchte, sondern weil genau das die Voraussetzung dafür ist, wieder frei aufzubrechen.
Der späte Odysseus ist für mich nicht der Heimkehrer. Er ist der Aufbrechende.
Mir fällt ein Gedicht ein, das mir vor Jahren schon einmal begegnet ist. Nicht von Homer selbst, sondern von Alfred Tennyson, einem englischen Dichter des 19. Jahrhunderts. Er greift den Stoff der Odyssee auf und stellt die Frage: Was macht Odysseus eigentlich nach seiner Rückkehr? Seine Antwort gefällt mir bis heute. Er lässt den alten Odysseus zu seinen Gefährten sagen:
„Kommt, meine Freunde, es ist nicht zu spät, eine neue Welt zu suchen.“
„Come, my friends, ‚tis not too late to seek a newer world.“
Das gefällt mir! Nicht, weil ich noch einmal die Welt erobern möchte. Ich liebe den Gedanken, dass das Leben auch im letzten Drittel nicht vom Ankommen handelt, sondern von der Freiheit, den nächsten Horizont zu wählen.
Vielleicht endet die Odyssee deshalb gar nicht mit Ithaka.
Ithaka ist der Ort, an dem wir unsere Angelegenheiten ordnen, bevor wir mit den Menschen, die uns wichtig sind, wieder den Horizont suchen. Ithaka ist gar nicht das Ziel, es ist der Ort, an dem wir lernen, wieder aufzubrechen.
