Martin Lennartz

Die eine Sorte, die ich kenne

Mal eben Pilze suchen. Jutta wartet skeptisch am Wegesrand, ich durchstreife kenntnisarm das Unterholz. Zurück komme ich mit einem halben Hirschgeweih, verletztem Sammlerstolz und einer neuen Frage: Was darf eigentlich an die Wohnzimmerwand? Ein ganz gewöhnlicher Urlaubstag auf dem Darß.

Ich kann schneller …

Wir bauen künstliche Intelligenz, weil sie uns leistungsfähiger macht. Und gleichzeitig wächst die Sorge, dass sie uns irgendwann über den Kopf wachsen könnte. Das klingt widersprüchlich – ist es aber vielleicht gar nicht. Denn hinter der diffusen Angst vor KI stecken sehr unterschiedliche Gefahren: mächtige neue Werkzeuge, gesellschaftliche Veränderungen und die Möglichkeit eines Kontrollverlusts. Und dahinter lauert ein ziemlich altes Menschheitsproblem: Was für den Einzelnen vernünftig ist, kann für alle zusammen ziemlich bescheuert sein.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber reden, ob Maschinen irgendwann wie Menschen werden – und mehr darüber, was aus Menschen wird, wenn Maschinen Möglichkeiten ihrer Erfinder vervielfachen.

Die Büroklammer und der Menschenverstand

Kann künstliche Intelligenz gefährlich werden, gerade weil sie ihre Aufgabe besonders gut erfüllt? Ein Gedankenexperiment mit Büroklammern führt zu einer überraschend menschlichen Frage: Was geschieht, wenn Ziele optimiert werden und dabei die unausgesprochenen Nebenbedingungen verloren gehen? Über KI, menschlichen Optimierungswahn – und die Fähigkeit, im richtigen Moment zu sagen: So war das nicht gemeint.

Staubschicht als Gütesiegel – Bücher mit Patina in KI – Zeiten

Alte Bücher, jahrelang unbeachtet und verstaubt, werden plötzlich begehrt: KI-Unternehmen entdecken sie als Rohstoff für menschliche Trainingsdaten. Ausgerechnet die Staubschicht wird dabei fast zum Gütesiegel – hier hat garantiert noch ein Mensch geschrieben. Ein kleiner Treppenwitz der Digitalisierung und Anlass für die Frage: Was bleibt eigentlich von einem Buch, wenn nur sein Text zählt?

Clara (meine KI) wählt grün

19 KI-Sprachmodelle beim Wahl-O-Mat: Fast alle landen erstaunlich deutlich bei Grünen, SPD und Linken. Sind Maschinen also die besseren Wähler? Wohl kaum. Aber politisch völlig neutral sind sie deshalb noch lange nicht. Eine kleine Geschichte über Clara, meine KI, ihre Schwestern – und die Frage, was wir eigentlich sehen, wenn wir künstliche Intelligenz nach ihrer Meinung fragen.

Wenn Zukunft einen Namen bekommt …

Aus dem bevorstehendem ersten Geburtstag des Enkelkindes entsteht ein Text über Zukunft, die plötzlich ein Gesicht und einen Namen bekommt. Ausgangspunkt ist keine große These, sondern eine kleine, präsente Szene: heißer Sommertag, pinkfarbenes Planschbecken, Wasser von oben, ein juchzendes Kind – und mehrere Generationen, die sich anstecken lassen.
Der Text lebt vom Spannungsfeld der siamesischen Zwillinge Spaßopa und Verantwortungsopa. Der eine spielt, macht Quatsch, schafft eigene großelterliche Regelräume, liest vor und verteidigt seinen Ehrentitel „Blaubär“ als Geschichtenerzähler. Der andere weiß: Dieses Kind wird viel mehr Zukunft erleben als er – und daraus entstehen Liebe, Verantwortung und auch Wut auf alles, was ihr diese Zukunft beschädigen könnte.
Die Kleine ist nicht die Fortsetzung des Opas mit neuem Gen-Mix. Sie soll widersprechen, sich lösen, ihre eigene Welt bauen. Erwachsene halten, damit Kinder loslassen können. Was der Opa mitgeben kann: Neugier, Skepsis, Freude am Lernen, Verschiedenheit – und die Gewissheit, dass man im Leben auch juchzen darf. Ich bin dabei.

Nicht heimkommen. Aufbrechen!,

Manche sahen einen Abenteuerfilm.
Ich sah einen Menschen, der reifte.
Eine persönliche Filmbeobachtung über Odysseus, Kalypso und den Mut, im letzten Drittel des Lebens noch einmal aufzubrechen.

Bretonische Miniaturen III – Das Salzen der Lämmer

An der Somme beobachte ich eine riesige Schafherde, die bei ablaufendem Wasser zum Priel zieht und scheinbar Brackwasser trinkt. Zunächst wirkt das rätselhaft. Die Szene erinnert mich an Bernhard Grzimeks Serengeti-Filme – eigentlich fehlen nur noch die Krokodile. Erst später, beim Blick auf die Speisekarte mit dem allgegenwärtigen Salzwiesenlamm, fügt sich alles zusammen: Schäfer und Schafe kennen den Rhythmus der Gezeiten. Getrunken wird kurz vor Niedrigwasser, wenn der Salzgehalt niedrig genug ist. Die Schafe leben von Queller und den salzigen Pflanzen der Salzwiesen – sie “salzen” sich gewissermaßen selbst. Eine kleine Geschichte über Beobachtung, Kontext und die Weisheit einer Landschaft.

Bretonische Miniaturen II – Zaubertrank in Aremorica

Eigentlich möchte ich auf dem Markt von Vannes nur einen Kaffee trinken. Stattdessen gerate ich zwischen einen rätselhaften Kaffeewagen mit alten Gewürzschubladen, eine dampfende Röstmaschine aus einem Jules-Verne-Roman und einen Mann, der seinen Kaffee über glühender Kohle röstet. Aus einem einfachen Kaffeewunsch wird eine Begegnung mit Menschen, die ihre Leidenschaft teilen – und aus einer Tasse Kaffee wird eine Geschichte.