Zu Hause ist der Urlaub noch nicht ganz vorbei.
Er liegt in einer Reisetasche.
Zwischen zehn Kilo Guérande-Salz, ein paar Flaschen Cidre und schmutziger Wäsche kommen nach und nach die Ringelpullis zum Vorschein. Einige hatte ich schon. Irgendwie müssen die sich unterwegs vermehrt haben.
Marine. Indigo. Petrol. Noch einer. Noch einer.
Irgendwann höre ich auf zu zählen und beginne zu rechnen.
Wir brauchen mehr Wochentage. Jutta schüttelt den Kopf. Ihr reichen sieben Wochentage offenbar völlig.
Ich stelle nur fest, dass sich Ringelpullis offenbar schneller vermehren als Kaninchen.
Angefangen hat alles ganz harmlos. Ein gestreifter Pullover. Dann einer für kühlere Tage.
Dann einer mit etwas dunklerem Blau. Später einer, weil der andere ein Mottenloch bekam.
Für heiße Tage braucht es auch die Kurzarmversion. Natürlich in verschiedenen Blautönen.
In Auray schließlich erklärt mir eine Verkäuferin mit bewundernswerter Hartnäckigkeit, warum ein störrisches Kassensystem unmöglich das letzte Wort haben kann. Am Ende verlasse ich den Laden mit einem Ringelpulli mehr und dem beruhigenden Gefühl, dass es Menschen gibt, die sich weder von Computern noch von Vorschriften den Tag verderben lassen.
Jutta bleibt davon nicht verschont. Auch sie trägt inzwischen Streifen.
Und Enkelin Skadi bekommt zum ersten Geburtstag ihren ersten Ringelpulli. Missionierung findet nicht statt. Es handelt sich ausschließlich um freiwillige Konversion.
Ich bin inzwischen überzeugt, dass es sie wirklich gibt.
Les Moines Rayés.
Den kleinen Orden der gestreiften Mönche.
Seine Mitglieder erkennt man nicht an Ordensregeln. Nicht an Kutten. Nicht an Gelübden.
Sondern an einem kaum merklichen Lächeln, wenn sich zwei Ringelträger begegnen.
Sie verstehen sich, ohne ein Wort zu wechseln.
Vielleicht begann alles tatsächlich bei den bretonischen Fischern. Vielleicht schon viel früher bei den gestreiften Karmelitern. Vielleicht ist das auch völlig egal. Was rede ich. Bestimmt!
Wichtig ist nur, dass ein Ringelpulli erstaunlich zuverlässig daran erinnert, wie sich Wind vom Atlantik anfühlt. Wie Cidre schmeckt. Wie der Kaffee in Vannes duftet. Wie Menschen auf einem Dorffest miteinander tanzen. Oder wie Schafe an der Somme im Takt der Gezeiten zum Wasser ziehen.
Manchmal reicht ein Pullover, um einen ganzen Urlaub wieder anzuziehen.
Ich hänge den letzten Ringelpulli in den Schrank. Mehr Lebensgefühl als Kleidungsstück. Mehr Philosophie als Textil.
Und dann wird mir klar:
Die gute Nachricht: Die Ringelpullis sollten reichen bis zum nächsten Urlaub.
Die schlechte: Wir brauchen dringend mehr Wochentage. Kann man nicht oft genug sagen.
Kenavo.
