Wenn Zukunft einen Namen bekommt …

Es ist heiß. Richtig heiß.

So ein Tag, an dem selbst Erwachsene irgendwann aufhören, über das Wetter zu reden, weil es dafür zu warm ist.

Die Kleine mit dem Namen einer nordischen Gottheit sitzt in einem kleinen pinkfarbenen Planschbecken.

Wasser. Wunderbar.

Mit knapp einem Jahr braucht man nicht viel für einen gelungenen Nachmittag. Ein bisschen Wasser reicht. Genau genommen braucht man nicht einmal ein Planschbecken. Eine Flasche tut es auch.

Wir lassen Wasser von oben auf sie heruntertröpfeln.

Lautes Juchzen. Also noch mal. Mehr Juchzen. Noch mal Wasser. Noch mehr Juchzen.

Das Prinzip ist schnell verstanden. Sogar von den Erwachsenen.

Das Kind versucht, das herunterfallende Wasser mit den Händen zu fangen. Was schwierig ist. Dann mit dem Mund. Was auch nicht wesentlich erfolgversprechender ist, aber unbedingt versucht werden muss.

Wasser kann man sehen. Wasser kann man fühlen. Wasser kann man schmecken. Wasser fällt von oben nach unten. Und wer dabei den Mund aufmacht, dem läuft ein Teil übers Gesicht.

Großartige Sache, diese Welt.

Das findet offenbar nicht nur die Kleine. Rund um dieses lächerlich kleine Planschbecken stehen mehrere Generationen erwachsener Menschen und freuten sich wie Bolle über herunterfallendes Wasser.

Vielleicht ist das eine der ersten Lektionen, die meine Enkelin mir beigebracht hat: Freude vermehrt sich ziemlich zuverlässig, wenn einer damit anfängt.

Bald ist Geburtstag, sie wird demnächst ein Jahr alt.

Vieles kann sie noch nicht. Sie weiß fast nichts von dem, was wir für wichtig halten. Sie kennt keine Nachrichtenlage. Keine geopolitischen Krisen. Keine Rentendebatte. Keine Klimaziele. Vermutlich nicht einmal den Unterschied zwischen einem guten Bordeaux und einem ausgesprochen mittelmäßigen.

Dafür lernt sie. In einem Tempo, das für unserereinen leicht demütigend ist.

Vor knapp einem Jahr konnte sie praktisch nichts außer atmen, trinken, schlafen, schreien und dafür sorgen, dass erwachsene Menschen augenblicklich alles stehen und liegen lassen.

Inzwischen greift sie, krabbelt, beobachtet, erkennt Menschen wieder, entwickelt Vorlieben, protestiert, lacht, probiert aus. Sie erforscht die Schwerkraft, indem sie Dinge fallen lässt.

Immer wieder. Mit der Geduld einer wissenschaftlichen Versuchsreihe.  Der Wissenschaftler würde sagen: Sie überprüft die Reproduzierbarkeit des Experiments.

Opa hebt den Löffel wieder auf. Auch immer wieder. Wir lernen beide.

Die Kleine lernt, wie die Welt funktioniert. Und ich lerne durch von ihr manchmal, mich wieder darüber zu wundern, dass sie funktioniert. Irgendwie schon.

Vielleicht ist das eine der schönsten Nebenwirkungen des Großvaterseins.

Ich kenne Wasser seit über siebzig Jahren. Bisher habe ich das Thema für weitgehend erschlossen gehalten. Dann kommt dieses Kind, sitzt nackt in einem pinkfarbenen Planschbecken und zeigt mir: Guck noch mal hin. Ganz genau!

Stimmt. Wasser! Fantastisches Zeug.

Ich habe vor, ein guter Spaßopa zu werden. Ein besonders guter.

Das Berufsbild ist noch nicht abschließend geklärt, doch ich hab so gewisse Vorstellungen.

Großeltern sind schließlich keine Außenstellen der elterlichen Erziehungsbehörde.

Natürlich entscheiden die Eltern. Sie tragen die Verantwortung, sie haben den Alltag, sie kennen ihr Kind am Besten. Ich bin jedoch überzeugt: Kinder dürfen früh entdecken, dass die Welt nicht überall gleich funktioniert.

Bei Mama und Papa gelten Regeln. Beim Opa auch. Nur möglicherweise andere.

Das ist keine Unterwanderung elterlicher Autorität. Das ist Diversität.

Bei dem einen darf man etwas, beim anderen nicht. Einer findet etwas wichtig, der andere weniger. Oder etwas anderes. Menschen lachen über unterschiedliche Dinge. Sie erzählen unterschiedliche Geschichten. Sie sehen dieselbe Welt mit verschiedenen Augen.

Das auszuhalten, wird das Kind sowieso lernen müssen. Da können wir ruhig früh anfangen.

Ich freue mich aufs Spielen. Auf Quatsch. Auf Bücher. Auf Fragen, auf die ich keine Antwort weiß. Auf Fragen, auf die ich eine weiß und sie trotzdem nicht sofort verrate. Auf gemeinsame Entdeckungen. Vielleicht auch darauf, ihr gelegentlich Dinge beizubringen, die ihre Eltern für entbehrlich halten.

Großväter brauchen schließlich Aufgaben.

Ich kann es kaum abwarten, wieder Geschichten zu erzählen. Da habe ich nämlich einen Ruf zu verlieren. Ich trainiere abends vor dem Einschlafen schon heimlich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke.

Meine eigenen Kinder haben mir vor vielen Jahren den Ehrentitel Blaubär verliehen. Nicht wegen einer auffälligen Fellfarbe, sondern wegen einer gewissen Großzügigkeit im Umgang mit der Wahrheit, sobald eine gute Geschichte dadurch besser wird.

Diese Kernkompetenz darf unter keinen Umständen verkommen.

Alle Kinder müssen Geschichten hören. Unbedingt. Vorgelesene und erfundene. Wahre und solche, die mit der Wahrheit nur entfernt verwandt sind. Geschichten aus meiner Welt und Geschichten aus Welten, die es erst gibt, wenn wir sie erzählen.

Vielleicht ist das sogar eine ziemlich gute Aufgabe für einen Großvater: Geschichten weitergeben, ohne vorzuschreiben, welche Geschichte das Kind daraus einmal selbst machen soll.

Der Blaubär erzählt. Das Kind entscheidet irgendwann, was sie davon glaubt. Sie kann sich Zeit damit lassen. So muss das sein.

Neben dem Spaßopa sitzt noch einer. Der Verantwortungsopa.

Die beiden sind leider nicht voneinander zu trennen. Oder Gottlob? Siamesische Zwillinge, die beiden.

Von unserer gemeinsamen Geschichte habe ich sehr viel mehr erlebt als die Kleine.

Von unserer gemeinsamen Zukunft wird sie hoffentlich sehr viel mehr erleben als ich.

Dieser Gedanke rührt mich.

Und er macht mich wütend.

Denn während der Nachwuchs gerade entdeckt, wie wunderbar Wasser ist, wissen wir Erwachsenen längst, dass Wasser knapp wird. Dass Wälder brennen. Dass Menschen Kriege führen. Dass Demokratie kein Naturgesetz ist. Dass Freiheit verloren gehen kann. Dass wir unseren Wohlstand auf eine Weise organisieren, die eine Rechnung hinterlässt, die bezahlen muss, wer beim Bestellen (noch) gar nicht am Tisch sitzt.

Dieses Kind, zum Beispiel. Sie hat nichts von alledem bestellt. Sie sitzt im Planschbecken.

Und plötzlich ist „die Zukunft“ kein abstrakter Raum mehr, über den Politiker Sonntagsreden halten, Wissenschaftler Szenarien berechnen und wir uns beim Abendessen sorgen.

Die Zukunft sitzt vor mir. Nackt. In einem pinkfarbenen Planschbecken. Und juchzt. Einfach so.

Ich werde ungemütlich: Finger weg von der Zukunft unserer Kinder!

Ich weiß natürlich, dass dieses Kind nicht wichtiger ist als irgendein anderes Kind dieser Welt.

Aber sie ist mir näher.

„Unsere Kinder und Enkel“ sagt sich leicht. Das ist eine gesellschaftspolitische Vokabel. Ein Enkelkind, das mit offenem Mund versucht, Wasser aus der Luft zu fangen, ist keine Vokabel.

Es ist ein Mensch, den ich liebe.

Vielleicht braucht Verantwortung genau diese Nähe. Ein Gesicht. Zwei ausgestreckte Hände. Einen offenen Mund. Ein Juchzen.

Plötzlich bekommt der Klimabericht Beine. Er kann sogar juchzen.

 

Die Kleine ist noch vollständig auf andere angewiesen.

Jemand gibt ihr zu essen. Jemand zieht sie an. Jemand trägt sie. Jemand tröstet sie. Jemand sorgt dafür, dass aus der großartigen Idee, kopfüber irgendwo herunterzukrabbeln, nicht sofort eine Lebenserfahrung wird.

Gleichzeitig arbeitet dieses kleine Wesen mit erstaunlicher Beharrlichkeit daran, uns immer überflüssiger zu machen.

Gut so.

Vielleicht ist das überhaupt die merkwürdige Aufgabe der Erwachsenen im Leben eines Kindes: Wir halten es fest, damit es lernt, sich von uns zu lösen.

Auch als Opa.

Dieses Kind ist nicht meine Fortsetzung. Sie schuldet mir nichts. Sie muss nicht denken wie ich, leben wie ich oder die Dinge wichtig finden, die ich wichtig finde.

Ein paar meiner Gene trägt sie zufällig mit sich herum. Viel interessanter ist, was sie daraus und aus allem anderen machen wird.

Ich wünsche ihr, dass sie uns widerspricht. Dass sie Dinge entdeckt, die ich nicht mehr verstehe. Dass sie Regeln infrage stellt, die mir selbstverständlich erscheinen.

Dass sie ihre eigene Welt baut.

Und vielleicht kann ich ihr etwas mitgeben, das dafür nützlich ist:

Neugier.

Skepsis.

Freude am Lernen.

Die Erfahrung, dass Menschen verschieden sein dürfen.

Und die tiefe Gewissheit, dass Leben nicht nur bewältigt werden muss.

Man darf darin auch juchzen.

Noch mal! Immer wieder!

Vielleicht ist das mein Wunsch zu deinem ersten Geburtstag, Kleine.

Dass du dir dieses Noch mal! erhältst.

Noch mal Wasser.

Noch mal schaukeln.

Noch mal ausprobieren.

Noch mal hinfallen.

Noch mal aufstehen.

Noch mal staunen.

Du wirst früh genug erfahren, dass die Welt nicht nur aus pinkfarbenen Planschbecken besteht. Wir werden dich davor nicht bewahren können. Wir sollten es nicht einmal versuchen.

Doch wir können etwas anderes tun. Wir können helfen, stark genug zu werden, deine Welt irgendwann selbst zu gestalten.

Und bis dahin haben wir Älteren gefälligst auf sie aufzupassen. Nicht, weil sie uns gehört. Sondern weil wir sie nur für eine Weile in den Händen halten.

Dann geben wir sie weiter.

Hoffentlich ein bisschen besser, als wir sie vorgefunden haben.

Und mit genügend Wasser darin, dass Kinder immer damit herumspritzen können.

Bis dahin kümmere ich mich um meinen Teil: Spaßopa. Verantwortungsopa.

Beides.

Und wenn von oben Wasser kommt, mache ich mit. Juchu!

Noch mal!

0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x