Es sind oft die kleinen Szenen, die etwas sichtbar machen, wofür große Worte zu grob wären. Gestern, Vorortzug von Lissabon. Der Waggon füllt sich langsam. Menschen steigen ein, setzen sich, stehen, halten sich fest. Ein buntes Bild. Hautfarben, Gesichter, Sprachen – vieles deutet auf Herkunft aus unterschiedlichen Teilen der Welt hin. Und doch: alles wirkt selbstverständlich, unaufgeregt. Als wäre es nie anders gewesen.
Dann dieser Moment.
Die freien Plätze werden weniger. Die ersten setzen sich neben uns.
Ohne Zögern.
Kein prüfender Blick. Kein kurzes Innehalten. Kein „passt das?“.
Einfach: hinsetzen.
Ich merke, dass mich das irritiert. Nicht negativ. Eher wie ein leiser Riss in einer vertrauten Erwartung.
Denn ich kenne auch andere Situationen.
Dort, wo ich zu Hause bin, wird oft erst geschaut. Abgewogen. Manchmal gezögert. Fremde sind selten die erste Wahl. Nicht aus böser Absicht. Eher aus einer Mischung aus Vorsicht, Gewohnheit, vielleicht auch Unsicherheit.
Oder vielleicht doch mehr.
Hier ist davon nichts zu spüren.
Vielleicht macht gerade das die Szene bemerkenswert.
Portugal war über Jahrhunderte eine Kolonialmacht, tief verstrickt in die Geschichte Afrikas, besonders in Schwarzafrika. Eine Geschichte, die bis heute nachwirkt – in Biografien, in Familien, in Gesichtern.
Und doch scheint sich diese Geschichte hier anders in den Alltag eingeschrieben zu haben.
Weniger als moralischer Dauerauftrag.
Mehr als gelebte Gegenwart.
Es ist nicht demonstrativ offen.
Nicht besonders freundlich.
Nicht einmal besonders bewusst.
Es ist einfach.
Und genau das macht den Unterschied.
Vielleicht geht es gar nicht darum, wie divers eine Gesellschaft ist.
Sondern darum, ob diese Diversität im Alltag eine Rolle spielt.
Oder ob wir sie permanent zum Thema machen.
Ich sitze da und frage mich, ob wir uns zu Hause manchmal selbst im Weg stehen.
Mit unseren richtigen Begriffen.
Unseren guten Absichten.
Unserem Bedürfnis, alles einzuordnen, zu bewerten, zu erklären.
Vielleicht sehen wir den anderen oft zuerst als Kategorie –
und erst danach als Menschen.
Hier wirkt es, als würde man sich diese Zwischenschritte sparen.
Da ist ein freier Platz.
Also setzt man sich.
Mehr nicht.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe.
Dass wir glauben, es brauche große Programme, Debatten, richtige Worte –
während sich das Entscheidende längst im Alltag zeigt.
In einem freien Platz.
Und der schlichten Frage, ob jemand sich einfach daneben setzt.
Der Rest ergibt sich dann.
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