γνῶθι σεαυτόν

Mal kurz mal eben folgendes:

γνῶθι σεαυτόν (gnôthi seautón), „Erkenne Dich selbst“ lautet die Inschrift am Apollontempel im antiken Delphi. Zwei Auslegungen wetteifern um die Gunst der Interpreten. Da ist einmal die Warnung vor eigener Selbstüberschätzung. Die Urheberschaft dieser Deutung wird den Göttern zugeschrieben, unterstreicht sie doch den Unterschied zwischen der Hinfälligkeit sterblicher Menschen gegenüber göttlicher Vollkommenheit. Für die mehr erdverbundenen Philosophen um Plato zielt die Inschrift auf Selbsterkenntnis ab. Wer um die Begrenztheit des eigenen Wissens im Verhältnis zur Unendlichkeit des Universums weiß, der veredelt seinen Charakter. Mit dieser Einsicht öffnen sich die Pforten zum eigentlich Guten und Vollkommenen. Einsicht in persönliche Innenwelt schafft Voraussetzungen für Weisheit und Erkenntnis über die Außenwelt. Der kultische Mythos sagt, dass Apollo durch die von Erddämpfen in Trance versetze Priesterin Pythia Weisheiten verkündet. Jedoch ließ die Hohepriesterin reichlich Raum für spekulative Interpretationen, pflegte sie doch häufig in Rätseln zu sprechen. Diese Unsitte hat leider die Jahrtausende überdauert und wird bis heute von Vertretern aller möglichen Eliten und Schein-Eliten noch immer gepflegt.

Ach so, ja, wie komme ich eigentlich darauf in den verstaubten Synapsen meiner humanistischen Schulgeschichte zu wühlen? Ach ja, der Bildungsnotstand ist es, der in Form von Freitagsdemos aufgebrachter Schüler aus der Abgeschiedenheit von Klassenzimmern in den öffentlichen Straßenraum drängt. Da ist von Schulpflicht, Recht und Ordnung die Rede, davon dass die jugendlichen Demonstranten nicht einmal ihren Müll selbst trennen, sich wohlgefällig von ihren Eltern im SUV in die Schulen und dann zur Demo bringen lassen statt die Spezies der Arithmetik zu studieren. Während vor wenigen Jahren in den Medien angesichts rechtslastiger Straßenparolen über Lügenpresse und Überfremdung unisono für Verständnis gegenüber Bürgerwut geworben wurde, gefährden heute Schüler mit ihrem Protest gegen den Raubbau an unserem Planeten Recht und Demokratie, bedrohen den Standort Deutschland durch das Schwänzen von Schulstunden unter der scheinheiligen Maske des Jugendprotests.

Mir fehlen die Worte!

Bildungsdebatten sind natürlich jenseits der Faktenlage immer emotional aufgeladen. Es ist auch nicht der Platz hier über die Passung einzelner Argumente zu fachsimpeln. Da sind echte Profis (sic!!!) berufener, siehe zum Beispiel hier und hier. Hinter jeder Bildungsdebatte schwingt die schon in Delphi gestellte Frage nach unserem Selbstbild mit. Was ist denn unsere Identität? Was und wie wollen wir sein? Jeder muss sich mit der unter Umständen unangenehmen Frage auseinandersetzen, wie wir uns selbst – ein jeder fasse an seine Nasenspitze – zu dem haben bilden lassen, haben bilden lassen müssen oder selbst gebildet haben, was wir geworden sind. Da geht es so richtig ans Eingemachte, nicht wahr? Wollen wir wirklich mal die Fakten klären, ob mehr Unterrichtsausfall durch Lehrermangel oder Freitagsdemos erzeugt wird? Checken wir doch mal, was so mancher Propagandist von irgendwas wirklich an fundierten Informationen über seine Meinung hinaus hat und wie konsequent er sie im Alltag nach seinen Forderungen lebt. Versuch doch nur mal, Plastikgebrauch spürbar einzuschränken. Mein Selbstversuch ist ein unerwartet tückischer Hindernislauf.

Wir scheinbar Weisen mit dem erfahrenen Überblick auf das Große & Ganze sollten vor allem der Jugend Möglichkeiten, Chancen, Denk- und Werkzeuge, Inhalte an die Hand geben und vor den Verstand stellen, damit sie herausfinden, wer sie eigentlich sind. Bildung ist ein Ermächtigungsprogramm, ein Freiheitsprogramm: Bildung zur Selbstfindung und Selbstbestimmung. Die findet eben auch auf der Straße statt, nicht nur im Klassenzimmer.

Ich für mich gebe gerne zu: Fähigkeiten Blogs wie diese zu schreiben, ein erfolgreiches berufliches und selbstständiges Leben zu führen habe ich mehr in politischem und gesellschaftlichem Diskurs, auch in Protesten und Demonstrationen (schau mal hier), gelernt als durch das Studium der Algebra oder anderer Inhalte. Womit ich nichts gegen Algebra und andere Wissenschaft sagen will, die brauchen wir natürlich auch. Ich jedenfalls freue mich, dass eine junge Generation zusammen mit echten Profis (s.o.) sich zu Wort meldet und Ihre Interessen vertritt. Das ist Bildung im Sinne von Selbstfindung und Selbstbestimmung. Genauer: es gehört dazu.

Ich wünsche mir jedenfalls eine Bildung und eine junge Generation, die lernt ihre Interessen zu vertreten und daran teilnimmt, wie die Welt sich gestaltet.

Das wollte schon Delphi.

 

 

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Markus Lennartz
Markus Lennartz
1 Jahr zuvor

Das denke ich auch! Mündige Bürger möglichst schon in der Schule. Habt Mut, Euch Eures eigenen Verstandes – und nicht nur des Smartphones – zu bedienen.

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