Erstens Leute kommt die Pflicht! Eine Nachhilfestunde in Deutsch.

Ein leeres Blatt Papier. Nur die Überschrift steht: Die Freuden der Pflicht. Keine Ahnung ob das heute noch so geschieht oder es eine neue Variante davon gibt. In meiner Gymnasialgeneration wurden Schüler pflichtgemäß mit diesem oder einem verwandten Thema gequält. Pflicht stand über 20 Jahre nach der Nazi-Zeit noch immer hoch im Kurs. Siegfried Lenz Roman „Deutschstunde“ war Ende der 60er ein Volltreffer in den Zeitgeist. Die Jugend rebellierte gegen den Muff des „1.000jährigen Reiches“, der trotz demokratischer Verfassung der spätpubertierenden Bundesrepublik Deutschland in manchem Elternhaus, in mancher Schule, in Justiz und Verwaltung bis hinein in die Regierung und andernorts die Luft nicht richtig klar werden lassen wollte.

Ich war im Kino, hab mir die aktuelle Verfilmung angesehen. Selbstverständlich habe ich seinerzeit zu den ersten Lesern des Romans gehört, eine freudige Pflicht sozusagen für einen politisierten Heranwachsenden. Ich habe das Buch tief bewegt in kurzer Zeit verschlungen. Die meisten werden es kennen, trotzdem hier der Inhalt kurz zusammengefasst:„Die Freuden der Pflicht“ lautet der Aufsatz, den der junge Siggi Jepsen in einer Besserungsanstalt schreiben soll. Obwohl er zunächst keinen Anfang findet, fließt es nur so aus ihm heraus, als er sich erinnert, wie sein Vater Jens Ole Jepsen, der nördlichste Polizeiposten von Schleswig-Holstein umgeben von Dünen, Watt und Meer, dem Maler Max Ludwig Nansen die Nachricht vom in Berlin beschlossenen Malverbot überbrachte. Der Polizist Jepsen, der mit dem Maler seit Kindertagen befreundet ist, soll das Malverbot überwachen. Sein blinder Gehorsam, der zu einem Widerspruch von Pflichterfüllung und individueller Verantwortung führt, der Mitläufer als Erfüllungsgehilfe stehen im Mittelpunkt der Geschichte, in deren Verlauf Siggi mit seinem Vater bricht. Siggi Jebsen ist zerrissen zwischen seinem Vater und dem befreundeten Maler, der für ihn wie ein zweiter Vater ist. Beide versuchen auf gegensätzliche Art den Jungen für sich zu instrumentalisieren. So gerät der junge Siggi zwischen alle Fronten, zwischen denen er letztlich zerbricht.

Die Geschichte findet ihr Kontinuum, als nach Krieg und Kriegsgefangenschaft der Polizist Jebsen seine alte Uniform wieder anzieht, die Nazi-Embleme abgetrennt und die Insignien der neuen Zeit aufgenäht, um seinem Weg der Pflicht weiter zu folgen. Siggi war Symbolfigur der gegen die Vätergeneration rebellierenden 68er, die den Bruch mit der verbrecherischen Nazi-Tradition in der jungen Bundesrepublik nicht konsequent vollzogen sahen.

Der schülerbewegte Autor vor langer Zeit

„Ich tue nur meine Pflicht“ war der Satz, der mein hitziges Blut und das der damals jungen jungen Generation zum Überkochen brachte. Bis heute hat „Pflicht“ diesen faden Beigeschmack, weckt genau diese Erinnerungen. Im Kino dieser Tage habe ich Gefühle zweier Epochen gleichzeitig in mir gespürt. Einmal die Erinnerung an vor ca. 50 Jahren, begeistert vertieft in die Lektüre, auf nicht genau zu beschreibende Weise sich identifizierend mit dem kleinen Siggi. In der Rolle des Pflichtmenschen taucht ein Stück des eigenen Vaters auf (er hatte nichts mit den Nazis gemein, doch er war ein ehrenvoller Pflichtmensch), ich erkannte einige Lehrer und andere Bezugspersonen der alten Generation wieder.

Berufsverbot! Ich erinnere mich, selbst nach dem Studium und einem exzellenten Examen eine Stelle an der Uni nicht erhalten zu haben, weil (so die schriftliche Begründung) „ich nicht Gewähr dafür biete, jederzeit für die freiheitlich demokratische Grundordnung einzutreten“. Gesinnungsprüfung: durchgefallen! Das war in den 70ern und, wohlgemerkt, ich habe niemals irgendeine Straftat begangen, nicht dass hier falsche Vermutungen aufkommen. Wenn da nicht rebellische Solidarität und Identifikation mit dem Maler Nansen in einem wächst!

Die erste Szene des Films, eine Schiefertafel mit dem Aufsatzthema hat diese Bilder und Gefühle blitzartig wieder ins Bewusstsein gerufen. Auch konnte ich mich an viele Einzelheiten der damaligen Buchlektüre sehr genau erinnern, der Film in meinem Kopf lief in wenigen Sekunden und schärfte die Neugierde auf die Bilder auf der Leinwand. Eine gezeitenvolle, zeitlose Parabel darüber, wie Faschismus Menschen, Familien, Gemeinwesen vergiftet. Die Weite des Meeres, des Watts, der Dünen kontrastieren mit der Enges des Denkens und der monotonen Schweigsamkeit der Familien. Die stille Seele des Jungen, aus dem sein Vater einen „brauchbaren“ Menschen machen wollte, wird zermahlen zwischen Pflichtgefühl, Vaterliebe und der Ahnung einer moralischen Wahrheit, die nicht seiner Lebenswirklichkeit entspricht.

Da sind wir bei der zweiten gedanklichen Epoche, dem „hier und jetzt“. Wir haben seinerzeit unsere Väter gefragt, wie das alles passieren konnte. Eine Teilantwort gibt uns die Gegenwart, in der Diskriminierung, Hass, Ausgrenzung und Abgrenzung wieder salonfähig werden. Antidemokratisches Denken und Handeln sind zwar nicht mehrheitsfähig, bestimmen aber immer mehr Öffentlichkeit und Wahrnehmungen, nicht zuletzt in sozialen Medien, selbst in der demokratischen Presse. Buch und Film handeln von der Zeit des Nationalsozialismus. Das war ein schönes Spiel mit der Geschichte, als wir noch einigermaßen sicher sein konnten, dass das mit dem Führen, der Sehnsucht nach dem einen, der führt, nach der einen Idee, der man folgen soll, der Idee von den Freuden der (vaterländischen) Pflicht zum Beispiel so schnell nicht wiederkommen.

Kommt aber alles zurück! Wie das Meerwasser ins Watt. Sieht zumindest so aus, schaut man auf manche Debatte, Erklärung oder Handlung, die sogar wieder Verbrechen einschließen. Da passen die Bilder des ewigen Gezeitenstromes, kein ganz schlechtes, wenngleich gruseliges Bild von Geschichte. Nehmen wir es als zeitlose Warnung an uns selbst, denn im Gegensatz zu den Gezeiten schreiben wir unsere Geschichte selbst. Jede Filmszene macht deutlicher, warum Siggi sich mit den Fragen nach Pflicht und Verantwortung, Schuld und Moral noch Jahre quält. Ein ganzes Bündel vollgeschriebener Aufsatzhefte werden es am Ende sein, die er mit seiner Geschichte gefüllt hat. Wir dürfen nicht vergessen, an unserer eigenen Geschichte zu schreiben. Am Besten in der Gegenwart, die Zukunft kann nur zurückschauen.

Manchmal muss man auch etwas tun, was gegen die Pflicht ist! Verantwortung ist bewusst und absichtsvoll gegen die Pflicht zu verstoßen. Wo immer es nötig erscheint.

Das natürlich ist Moral, ohne sie geht es nicht, auch wenn wir sie nicht mögen. Moral ist immer angreifbar. Der kategorische Imperativ ist schon mal eine hilfreiche Idee für moralische Dilemmata.

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