Immer neugierig bleiben!

Sieht aus wie echt, ist aber natürlich Fake. Dazu ein genialer Fotograf, der genau den richtigen Augenblick erwischt hat.

Als heranwachsender Junge musste ich ganz schön aufpassen. Eltern und meine beiden Opas machten sich einen Spaß daraus, mich bei passenden Gelegenheiten auf den Holzweg zu führen, um Leichtgläubigkeit gar nicht erst in meinen Talent-Pool gelangen zu lassen. So konnte es beispielsweise bei einer Autofahrt von Gelsenkirchen nach Aachen passieren, dass bei der Überquerung eines großen Flusses ich mit „Schau mal, die Elbe!“ angesprochen wurde. Darauf gab es nur eine gute Reaktion: „Elbe? Ihr spinnt wohl. Das ist der Rhein.“ Varianten dieses unterhaltsamen Spiels aus allen Wissensgebieten guter Allgemeinbildung lauerten in jeder Stadt, jedem Wald, sie waren allgegenwärtig beim Einkaufen, Vorlesen, Fernsehen, beim Wandern. Immer musste ich mit einer überraschenden Attacke auf meine Mitdenkfähigkeit rechnen. Beliebt waren Fragen, deren genaue Antwort unbekannt war, eine brauchbare Näherungslösung aber mit wenigen logischen Prämissen und Schlussfolgerungen möglich war. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Frage, wie viele der besonders beliebten Süßkirschen in einem der von meiner Mutter köstlich zubereiteten Einmachgläser sind. Die eigene Hypothese konnte dann gleich beim Verzehr des Nachtisches überprüft werden. Aufmerksames Mitdenken wurde immer gelobt, manchmal sogar überraschend belohnt. Leichtgläubigkeit und Mitdenkverweigerung musste je nach Umständen schon mal altersgerechten Hohn und Spott ertragen.

So lernt mal Skepsis. Das gute an Skeptikern: Sie halten alles für möglich. Aber sie zweifeln lieber anstatt einfach zu glauben. Das erweist sich bis heute immer wieder als äusserst nützlich. Doch es war auch mal anders.

Die Aufklärung war für unsere mittelalterlichen Vorfahren eine segensreiche Befreiung. Die hochentwickelten arabischen Staaten des Mittelalters mit sahen uns im dunklen Europa mehr als Tiere denn als Menschen. Ein kühler Charakter, primitiver Humor, Fettleibigkeit, geringe Klarheit und Intelligenz wurde uns zugeschrieben, leichte Opfer von Dummheit, Unwissenheit, Apathie und fehlender Urteilskraft (So schreibt im 11 Jahrhundert der arabische Richter Said Ibn Ahamd über die Mitteleuropäer). Der Siegeszug der Aufklärung wird begleitet von vier wesentlichen intellektuellen Tugenden. Sie brauchten lange um sich auf ihren heutigen Stand zu entwickeln. Diese Tugenden sind:

  1. Die Abkehr von Dogmen: Zweifel ist die Grundlage jeder Wissenschaft. Dogmen unterbinden fruchtbaren Diskurs, weil sie Fragen und abweichende Meinung nicht zulassen. Meinungsmonopole, Meinungshoheit, allumfassende Welterklärungsmodelle, Philosophien müssen immer wieder auf den Prüfstand. Nur wer eigene Irrtümer zulässt und hinterfragt leistet einen Beitrag, die Welt ein Stück klüger und besser zu machen.
  2. Das Vertrauen in die eigene Beobachtung: Viele Jahrhunderte haben Glaubenslehren die Welt bestimmt. Auch wenn noch so viele Beobachtungen dagegen sprachen: Die Erde musste der Mittelpunkt des Alls sein und eine Scheibe. Erst der Mut sich gegen philosophische und religiöse Autoritäten aufzulehnen, eigenen Beobachtungen und dem Verstand wirklich zu glauben, hat die Tür zur Erkenntnis und einer neuen Welt aufgestoßen. An die Stelle des unerschütterlichen Glaubens tritt das wissenschaftliche Experiment.
  3. Die Suche nach dem großen Ganzen: Isolierte kleinteilige Beobachtungen begrenzen den Erkenntnishorizont. Erst die Abstraktion, die Fähigkeit aus isolierten Beobachtungen (Natur)Gesetze ableiten zu können, eröffnet Erkenntnisse zum Gesamtgefüge der Welt. Die Sprache der Natur ist die Mathematik, sie erschließt den Weg zum Verständnis und zur Anwendung der Naturgesetze. Die Richtigkeit dieser Feststellung wird nicht eingeschränkt durch die hier immer wieder getroffene Aussage der Unberechenbarkeit komplexer Systeme! Folgender Hinweis mag an dieser Stelle genügen: Das Verhalten eines Elektrons zu verstehen und zu berechnen ist das eine. Anhand dieses Wissens einen Tornado zu verstehen ist etwas ganz anderes. Selbst das Chaos ist mit den Naturgesetzen in harmonischer Koexistenz, weil es in der Natur unendlich viele Handlungsoptionen gibt.
  4. Die Anwendung des Wissens zum Wohlergehen der Menschheit: Wissen allein bringt nichts, man muss es auch anwenden. Wissen schafft Technologien, die die Welt und unser Leben verändern. Ob sie dadurch besser oder schlechter geworden ist ist eine moralische Bewertung. Heute setzen wir uns mit der Frage auseinander, ob selbst die Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen (Klimawandel) Teil unserer Freiheit sein darf?! An dieser Stelle mag die Benennung dieser Tugend und die Feststellung genügen: Da ist noch viel offen und es besteht riesiger Handlungsbedarf. Das „Wohl“ ist ein durch und durch moralischer Begriff, der zu Diskurs und Meinungsstreit auffordert. Aber so ist es mit der Moral: Sie ist zum Kotzen aber wir brauchen sie. Deshalb hat diese 4. Tugend hier ihren Platz.

Geschichte kann spannend sein. Natürlich wiederholt sie sich nicht. Doch wäre es im Widerspruch zu allen genannten Tugenden nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass alles oben beschriebene in unserer Welt massiven Angriffen ausgesetzt und überhaupt nicht mehr selbstverständlich ist.

  1. Fundamentalistische und dogmatische Bewegungen verbreiten sich stark, zum Teil unter bewusster Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse.
  2. Fake findet reichlich ihm auf den Leim gehende Abnehmer, auch wenn Gehörtes und Gelesenes offensichtlich eigenen Wahrnehmungen und Interessen widerspricht. Viele nehmen sich selbst nicht mehr ernst im Glauben an offenkundigen Quatsch.
  3. Das große Ganze tritt immer mehr zurück hinter atomisierte Informations- und Wahrheitsblasen. Ein jeder bastle sich seine isolierte Meinung und suche seine Jünger, mit denen er sich und seine Meinung hinter einem großen Stacheldrahtverhau vor Feinden seiner einzig wahren Sichtweise verschanzt.
  4. Wie sehr wir blind Technologien einsetzen, deren Konsequenzen wir nicht verstehen und übersehen ist offenkundig. Zwei Beispiele seinen genannt: Die Atomkraft, für deren Hinterlassenschaft wir unter größten fachlichen und politischen Mühen einen ewigen Lagerplatz suchen. Das Internet gehört dazu, dass uns unbegrenzte Offenheit von Meinung und Information eröffnet, gleichzeitig aber auch zum Spielball von Manipulation, Herrschaft und Überwachung eingesetzt wird. Es gibt reichlich Baustellen auf dieser Welt. Wir müssen nicht alles machen, was möglich ist. Wenn wir nicht gestalten, können sich Technologien auch schnell gegen ihre Erfinder wenden. Technologien an sich sind unbedeutend, entscheidend ist, was wir daraus machen und wie wir den gesellschaftlichen Diskurs darüber pflegen.

Den moralischen Appell zum Ende spare ich mir, den kann sich jeder selber ausmalen. Ich bin jedenfalls froh, eine skeptisch neugierige Grundhaltung als kämpferische Grundlage zur aufgeklärten Tugendbewahrung mitbekommen zu haben.

 

Neben den bereits genannten Personen danke ich Lars Jaeger, dessen Buch „Sternstunden der Wissenschaft – Erfolgsgeschichte des Denkens“ mich zu diesem Beitrag inspiriert hat. 

 

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