Können Banken ethisch handeln?

Skulptur, Wolf, Schaf und Bär von Stephan Horota, 2007, Anton-Saefkow-Straße, Berlin-Prenzlauer Berg, Deutschland; Foto lizensiert unter GNU Free Doc. License

Natürlich nicht nur Banken! Ich meine selbstverständlich Wirtschaft allgemein. Ich hätte genau so fragen können: Können Datenbroker ethisch handeln, oder Schlachthöfe und Fleischzerlegungsbetriebe? Auf die Banker komme ich über den aktuellen Skandal um Wirecard, 1,9 Mrd. € einfach so verschwunden, die vielleicht gar nie da waren. Das ist schon was, nicht nur für schwäbische Hausfrauen, sogar für den DAX. Das mit dem Fleisch ist so ekelig, das ist mir erst nachträglich eingefallen. Passt aber auch.

„Erstens, vergeßt nicht, kommt das Fressen/ Zweitens kommt der Liebesakt / Drittens das Boxen nicht vergessen/ Viertens Saufen, laut Kontrakt. Vor allem aber achtet scharf/ Daß man hier alles dürfen darf – (wenn man Geld hat.)“ ist das Motto der Stadt Mahagonny (Oper von Brecht 1930) Verboten war in Mahagonny nur, eben kein Geld zu haben. So stellt man sich das Paradies vor. Oder die Hölle? Warum nur fällt mir bei „Wirtschaft und Moral“ ausgerechnet Mahagonny ein? Wer es nicht kennt, sollte zumindest bei Wikipedia nachlesen. Ähnlichkeiten nur zufällig und unbeabsichtigt.

Wenn eine Bank einen zweifelhaften Kredit gewährt, handelt sie dann ethisch? Gegenüber wem? Gegenüber dem Kreditnehmer, der nun glücklich sein Vorhaben finanzieren kann? Oder gegenüber ihren Stammkunden, die nun vielleicht ein faules Ei in ihrer Hausbank haben, das ihnen indirekt zusätzliche Risiken aufbürdet? Gar nicht so einfach, nicht wahr? Das kann man alles immer auch genau andersherum sehen. Das mit den Guten und den Bösen ist nur in alten Western so einfach, wo die Bösen immer am Tresen stehen und Whisky trinken.

Für uns heute hilft die Unterscheidung zwischen Systemen und Menschen. Systeme sind moralisch „dicht“, sie sind Verkettungen von Operationen, die erst eine Unterscheidung zwischen diesen Operationen und anderen Dingen (ihrem Umfeld) möglich machen. Die Operation des Systems Wirtschaft ist: Verteilung von knappen Gütern. Sonst nichts. Alles andere findet außerhalb des Systems Wirtschaft statt. Systeme sind wie Feuer, sie können Moral nicht lernen. Wer Geld hat, bekommt das Gut. Wer keines hat, bekommt es eben nicht. Ein Feuer verbrennt meinen 100 € Schein genau so wie eine zerknüllte alte Zeitung, dem Feuer ist das egal. Aber mir nicht. Ein Ofen könnte helfen, dem Feuer Grenzen zu setzen, nur das zu verbrennen, was ich aktiv durch die Klappe hineinwerfe. Das macht Feuer nicht moralisch, ist aber nützlich für mich. Und ein Banker, der zweifelhafte Kredite vergibt wird von seiner Bank deutlichst zur Ordnung gerufen. Wer meine 100 € Scheine in den Ofen wirft, der kriegt es selbstverständlich mit mir zu tun!

Banken, Datenbroker und Schlachthöfe im System Wirtschaft können daher nicht moralisch sein. Doch wie lässt sich das mit Forderungen nach einer humanen Welt & Wirtschaft vereinbaren? Einfach, eigentlich. Systeme haben mit Moral nichts zu tun, Menschen schon! Von denen kann ich Moral sogar erwarten. Diese Unterscheidung ist erst einmal wichtig, damit wir wissen, womit wir es zu tun haben. Wer das verstanden hat käme nie auf die Idee, Freiwilligkeit des Systems Wirtschaft bei Beschränkungen jeder Art zu erwarten. Feuer bauen sich selbst keine Öfen. Es sei denn, Ethik und Moral einer Gemeinschaft wären sich darin einig, Feuer nur noch unter bestimmten Bedingungen zu dulden und sich entsprechend und konsequent zu verhalten. Ausnahmen zerstören die Moral.

Das blöde an der Moral ist eben nur, dass es nicht die eine gibt. Moral ist zum Kotzen! Wir können nicht ohne! Jeder stellt sich gewollt oder ungewollt die Grundfrage der Philosophie: Was ist das höchste Gut? Was ist richtiges Handeln in bestimmten Situationen? Naja, und jeder versucht seine persönlichen Maximen zum allgemeinen Standard zu erheben. Das ist das Problem. Moral ist letztlich das, was man tut, denn Taten sind nun mal faktischer als Worte und sie fallen auch mehr auf. Außer man hört den Leuten nur beim Reden zu und schaut ihnen nicht auf die Finger.

Warum ich das schreibe? Nun, ich denke wir sollten erst mal nicht mit Steinen auf Menschen werfen. Die sind manchmal auch ein Problem, aber meistens eben nicht, zumindest nicht in erster Linie. Doch ich denke schon, dass wir über den ein oder anderen Ofenbau nachdenken müssen. So manches System bräuchte Hämorrhoiden am Hintern (die verursachen Beschwerden, siehe hier), damit die Verhältnisse besser werden. Die können nur wir sein. Klar, und uns natürlich an die eigene Nase fassen und nicht den Kopf in den Sand stecken.

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