Kreuzzug für Ambiguität

Kreuzzug gegen die Albigenser in Albi (1207): Katholische und katharische Schriften werden ins Feuer geworfen, doch nur letztere verbrennen (Pedro Berruguete, um 1495).

 

Häretiker (das waren im dunklen Mittelalter Leute, deren Ansichten der herrschenden kirchlichen Lehre widersprachen) hatten es damals nicht leicht. Es gab eine klare klerikale Weltordnung, die freilich eng verknüpft war mit der weltlichen Herrschaft. So ganz trennen konnte man das damals schon nicht, vereint regiert es sich besser. Es gab einfache und klare Kategorien für gut und böse, konform und nicht konform, dafür und dagegen. Genau genommen existierten nur zwei Seiten der Welt: die richtige oder die falsche. Auf der falschen Seite überlebte man meist nicht lange, wurde verfolgt, gefoltert, verbrannt oder beinahe bis ans damalige Ende der Welt mit Kreuzzügen der Aufrechten verfolgt, die als Sold Ablass und Vergebung auf ihrem Sündenkonto erhielten.

Kreuzzüge? Die will doch heute keiner mehr, mögt Ihr jetzt denken. Natürlich handelt sich um eine rhetorische Provokation. Auch wenn ich gelegentlich eine gewisse echte Lust schon hätte, ich gebe es ja zu ….. Ich erkläre Euch warum:

Der Blick auf die politische Landschaft auf der Welt und in viele mit uns vergleichbare Länder lässt einen Hang zu kultähnlicher Abgrenzung, Fanatismus, Ethnozentrismus, Rechtspopulismus und anderen Formen ideologischer Glaubensbekundungen erkennen, die Sachkenntnis, Differenzierung, Zuhören, Aufgeschlossenheit und Verständnisbereitschaft vermissen lassen. Wer sich für Politik und Geschichte interessiert wird an der ein oder anderen Stelle an längst überwunden geglaubte Zeiten erinnert, wo demagogische und polarisierende Sichtweisen andere zu Sündenböcken machen, um auf dem Feld des erzeugten Hasses politische oder persönliche Süppchen zu kochen. Es gibt nur Richtig oder Falsch, wer nicht für uns ist, ist gegen uns, es gibt nur diametral gegenüberstehende Ansichten: meine bzw. unsere und die Anderen! Doch die Welt, sie ist nicht so einfach wie mancher uns glauben machen mag.

Es gibt reichlich Gründe für die zunehmende Polarisierung von Sichtweisen. Ich denke, dass die wachsende Komplexität die Welt, nicht einlösbare Sicherheitsversprechen über die Beherrschbarkeit unserer Welt, verlernte Fähigkeiten mit Unsicherheit umzugehen dazu einen wesentlichen Beitrag leisten. Sollen wir tolerant gegenüber Intoleranz sein? Oder beginnt genau dort diese bedeutsame Grenze, wo Toleranz an der falschen Stelle die Grundlagen zerstört, überhaupt tolerant sein zu können? Genau das sind die Gefühle, die mich trotz aufgeklärten Weltbildes zu gedanklichen Kreuzzügen verleiten.

Ich erinnere an dieser Stelle an die Bedeutsamkeit der Ambiguität für aktive Teilhabe an dem Verstehen und der Gestaltung der Welt. Zuletzt und sicher sicher nicht das letzte Mal habe ich hier darüber geschrieben. Die Idee zu dem heutigen Beitrag hat ihre Wurzeln allerdings nicht nur in der großen Politik. Auch Kollegen aus den Bereichen Coaching, Beratung, Agilität, Systemdenker oder wie immer sie sich selbst etikettieren mögen, lassen zu häufig jegliche Form von Differenzierung und Sachkenntnis vermissen, die im Kontext Leadership und moderne Unternehmensführung so wichtig wären. Stattdessen verkünden Bullet-Points einfache und polarsierende Weltbilder oder Trends vom Weg aus einer schlimmen Vergangenheit hin zu einer rosigen Zukunft. Gegenüberstellungen, die Lagerdenken induzieren, das einem tiefergehenden Verständnis der Welt in der wir leben abträglich ist.

Damit Ihr versteht, was ich meine: Nebenstehendes Bild findet man in zahlreichen Variationen bei der Netzsuche nach „Mindset, Transformation“.  Mir geht es hier nicht um einen konkreten Autor, mehr um eine verbreitete Denkweise, die ich für schädlich, mindestens irreführend halte. Ich bin überzeugt, dass sie nicht zu Menschen passt, die in engem Dialog mit anderen Menschen an Veränderungen aktiv teilhaben wollen. Damit das klar ist: ich bin dabei, wenn solche Gegenüberstellungen im Sinne eines „und“ herangezogen werden, als Spektrum von Möglichkeiten in unterschiedlichen Kontexten. Nichts anderes sagt auch die von mir oft genutze „rot-blau-Unterscheidung“ für komplexe bzw. komplizierte Systeme (siehe zum Beispiel hier und hier). Sobald Darstellungen wie diese im Sinne eines „entweder-oder“ genutzt werden, im Sinne von Handlungsalternativen in einer ungewissen Zukunft oder als Bewertung bestimmter Handlungsmuster, Ideen und Weltbilder, so halte ich sie für unzutreffend und inkompetent, für unsachgemäße Beratung von Kunden. Ich kenne nicht die Interpretation der Autoren der nebenstehenden Abbildung, ich ziehe sie nur beispielhaft heran. Die Darstellung verführt jedoch zu unsachgemäßer Interpretation und Polarisierung.

  1. Unternehmen können nicht ohne Gewinn überleben. Das ist nun mal so, die Wirklichkeit ist ganz schön brutal und unmoralisch. Ob ich das gut oder schlecht finde, das ist eine moralische Kategorie, über die sich nur moralisierend gestritten werden kann. Ob nun Gewinn oder Sinn die treibende Kraft organisationalen Daseins ist, das kann weder Alternative noch Entwicklung sein. Wer beides als Gestaltungsrahmen sieht, ok. Alles andere ist romantischer Unsinn.
  2. Netzwerke sind nicht alles. Wir wissen, dass sich in Gruppen von Menschen Strukturen herausbilden und Personen Kompetenzen zugeschrieben werden. Hierarchie ohne formale Macht beruht auf sozialer Akzeptanz, sie ist ein vollkommen natürliches Phänomen. In Krisen oder bei unterschiedlichem Wissensstand von Gruppenmitgliedern sind Hierarchien bedeutsam für eine rasche Überwindung der Krisensituation und keineswegs ein Übel, wie eine Gegenüberstellung als echte Alternative gegenüber dem Netzwerk es nahelegen könnte. Wie so oft: Kontext ist entscheidend.
  3. Top down wird Controlling als Kontrolle wahrgenommen und kann Befähigung oder Empowerment von Menschen stark behindern. Doch Controlling von „unten“ in den Händen von Könnern geht einher mit der Ausbildung fachlicher oder persönlicher Autorität. Idealerweise gehen „Controlling von unten“ und „Autorität“ Hand in Hand, sie entwickeln sich co-evolutionär, wenn es gelingt die richtige Balance zu finden. Auch hier abermals der Hinweis: der Kontext entscheidet, nicht die Begrifflichkeit.
  4. Keine Experimente ohne Plan! Experimentieren ist kein planloses Rumprobieren, es braucht Ansichten und Kontroversen über Kohärenz, Optionen, Theorie und ein paar Überlegungen über die Deutung erwarteter oder unerwarteter Ergebnisse. Experimente ohne vorausgehende Gedanken wie diese garantieren Scheitern. Pläne sind oft sinnlos, der Prozess des Planens hat hingegen eine tiefe Bedeutung auch in komplexen Umfeldern.
  5. Auch hier, nicht mehr überraschend: Kontext entscheidet. „Persönliches ist schlecht und Öffentliches ist gut“ gehört zu den besondern gefährlichen Parolen der Gegensätzlichkeit. Geheimniskrämerei macht Systeme undurchsichtig und anfällig für zerstörerische Korruption und andere Perversitäten. Völlige Transparenz auf der anderen Seite ist eine moralisierende Forderung, die allein wegen der Unfähigkeit alle Gedanken auszusprechen gar nicht möglich ist. Kommunikation ist immer Reduktion. Wie immer kommt es auf die Balance an, wohlgemerkt: Balance, gesucht wird nicht der oft zitierte Mittelweg.

Was wir brauchen ist eine kontextbezogene Sichtweise auf die scheinbaren Pole der Gegenüberstellungen. Die würden uns im Kontext Veränderung in Unternehmen und bei den Herausforderungen in unserer Welt unmittelbaren Nutzen stiften. Polarisierungen zerstören, ambige Sichtweisen und Diskurs helfen zu neuen Erkenntnissen und differenzierten Lösungen. Entscheidungen polarisieren sofern man nur im Entweder-Oder denkt.

Stellt Euch doch mal vor: eine voll transparente Netzwerkorganisation, sinnerfüllt und zu allem befähigt, ohne Kontrolle und voller Experimentiermentalität. Wär das nicht ein Alptraum oder einen Kreuzzug wert?

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