Mir kannst Du vertrauen …

Lindsey Cockrum: Trust

Manchmal braucht es einen Anlass über etwas zu schreiben, was einem schon lange durch die Sinne geht. Danke also dafür, Du weißt schon. Manche Gedanken brauchen Raum, diese hier zum Beispiel. Kontroverse wie immer ausdrücklich erwünscht.

Das Verhalten einer Person unterliegt ihrem Willen. Wir fordern ständig bestimmte Verhaltensweisen von unseren Kindern, Partnern, Kollegen, Mitarbeitern. Denen kommen sie manchmal nach, manchmal nicht, manchmal tun sie als ob, manchmal tun sie gleichgültig oder schlimmer: sie sind es. Sometimes it works, sometimes it doesn’t and sometimes we don’t know. Verhalten können wir weitgehend kontrollieren, beeinflussen, schauspielern. Wille steuert Verhalten. Nun sei freundlich! Lächle doch mal. Na also!

Werte sind Gefühle. Sie unterliegen nicht dem Willen. Sie können sich natürlich ändern, manchmal sogar schnell. Das kann man beobachten, nicht aber gestalten. Denn genau dafür sind sie da, die Gefühle! Sie melden sich bevorzugt zu Wort, wenn der Verstand an Grenzen stößt. Sie helfen zwischen respektabel und verwerflich zu entscheiden, zwischen richtig und falsch, gut und böse. Natürlich sind Werte moralisch. Deswegen sind sie einerseits widerlich, andererseits unverzichtbar und nützlich. Ich liebe diese scheinbaren Widersprüche, das Leben steckt voller Paradoxa. Nicht einmal wertfrei diskutieren kann man über Werte. Aber sie helfen die komplexe Welt verständlicher zu machen: Wenn wir nicht mehr weiter wissen, helfen Werte, Gefühle, Moral, …

So kann es passieren, dass unser Unbewusstes uns viel moralischer daherkommt als das Bewusste es wahrhaben will (scherzhafte Bemerkung an Anlehnung an Sigmund Freud).

Vertrauen hat im Kontext menschlicher Handlungen und sozialer Interaktionen die Funktion, die Komplexität der Möglichkeiten auf ein Niveau zu reduzieren, das den Einzelnen in seiner Umwelt handlungsfähig bleiben lässt. Ist Vertrauen nun ein Verhalten oder ein Gefühl? Kann ich entscheiden, ob ich jemandem vertraue oder hat sich die Frage bereits vor ihrer kognitiven Bearbeitung erledigt? Vertrauen muss man nur unter der Bedingung der Unsicherheit. Bin ich mir über etwas sicher, muss ich nicht vertrauen. Der Duden interpretiert Vertrauen als Verlässlichkeit. Doch reicht Verlässlichkeit für Vertrauen? Ich meine nein, da fehlt das „Vertrautsein“, meinetwegen auch Wertschätzung. Meine Bank ist sehr verläßlich, aber deswegen muss ich ihr noch lange nicht vertrauen. Der Systemtheoretiker (und geschätzte Großmeister) Gerhard Wohland nennt Vertrauen das Kreditwesen der Kommunikation.

Vertrauen kann man nicht aktiv herstellen. Du kannst es an Dir entdecken, oder eben nicht. Wie alle Werte entsteht Vertrauen, indem aus vergangener Erfahrung Erwartungen für die Zukunft gebildet werden. Werte bilden sich heraus unter der Voraussetzung, dass der Wertbildende ein Gefühl hat wie: Das lohnt sich für mich! Ohne dieses Gefühl passiert das Gegenteil: Misstrauen. Ändern kann das nur, wer die Ursache für Misstrauen findet und beseitigt. Vertrauen entsteht, wenn die richtige Ursache für Misstrauen gefunden und abgestellt wurde. Das setzt möglicherweise die Bereitschaft voraus, sich überhaupt mit neuen Erfahrungen auseinandersetzen zu wollen. Doch ohne diese Bereitschaft und ohne ursachengerechte neue Erfahrungen entsteht kein Vertrauen. Da kann man nur weitersuchen …..

Menschen vertrauen einander. In aller Regel. Vertrauen ist eine nützliche Überlebensregel. Sonst wären wir ja blöd. Es kommt aber vor, dass Vertrauen verloren geht. Personen können den als Vertrauen entgegengebrachten Vorschuss verspielen. Noch leichter verlieren Organisationen jedes Vertrauen, wenn Worte und Taten zu wenig kongruent sind. Erschwerend kommt hinzu: Organisationen haben kein Gesicht und die Menschen agieren weniger als Personen sondern vielmehr als Rollen im System.

Was tun, wenn der Mangel an Vertrauen negative Konsequenzen hat? Der Reflex, dagegen etwas tun zu müssen entpuppt sich leider als hinterhältige Falle. Wo Vertrauen in Leitlinien, Workshops oder guten Vorsätzen gefordert wird, bleiben nur zwei Möglichkeiten: Vertrauen zu spielen oder „vorzuleben“, sofern man Manager ist. Meistens fliegt die Schauspielerei nicht auf. Werte und Gefühle sind halt unsichtbar. Gespieltes oder geheucheltes Vertrauen ist allerdings beobachtbar, für einen selbst. Und wer sieht, dass es auch mit gespielten Werten ganz gut geht, wird schnell bemerken, dass auch anderen nicht wirklich getraut werden kann. Die Forderung nach Vertrauen lässt also Misstrauen entstehen. Wer Vertrauen einfordert erntet Misstrauen. Vorleistungen können helfen Vertrauen zu schaffen. Bleibt: Werte entstehen durch Erfahrungen, nicht durch Entscheidungen. Versuch doch einmal, nur für die nächsten Stunden Deine Lieblingsfarbe zu wechseln. Aber ehrlich, nicht schummeln.

Für die Herausbildung von Vertrauen in Organisationen gibt es keine Rezepte. Nützlich sind Rahmenbedingungen wie langfristige Beziehungen zwischen agierenden Personen, ein hohes Maß an Transparenz, symmetrische Beziehungen (Gleichgewicht in formaler Macht) und andere mehr, doch sie sind nur günstige, nicht jedoch hinreichende Bedingungen.

Nicht ohne Grund wird in vielen Organisationen über Werte und Vertrauen diskutiert. Weil wir immer mehr in komplexen, dynamischen, unsicheren Rahmenbedingungen arbeiten ist der Hort der Sicherheit durch Wissen, Methoden, Regeln verloren gegangen. Wenn ich nicht mehr weiß, müssen Werte Entscheidungen leiten, die nicht auf Absichtserklärungen beruhen sondern auf dem Fundament von erfahrenem Können. Darüber kann eben weder entschieden, noch kann es künstlich hergestellt werden.

Kannste drauf vertrauen!

 

 

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