Neue Muster braucht die Welt

Catherine Greene, Portal der School of Law, Dublin

Eigentlich bin ich ja ganz anders. Ich komm nur so selten dazu! An dieses Zitat von Johann Nestroy denk ich grad. Dazu mal eine nicht-filmische Gedankenskizze als Werkzeug zum Nachdenken.

Habe das Ibiza-Video im Sinn als Ausdruck niederträchtiger Politiker, denen nichts heiliger ist als ihr Profit & Ego. Natürlich will es keiner gewesen sein, ein bedauerlicher Einzelfall sagt selbst die betroffene Partei, mehr noch ihre politischen Verbündeten und Populisten in allen Ländern.

Ich erinnere mich an die wenige Wochen alte Meldung, dass ein beträchtlicher Prozentsatz der Insektenfauna in wenigen Jahrzehnten einfach verschwunden ist. Es hat nicht lange gedauert, bis die Interessenverbände der Landwirtschaft, die Hersteller von Dünger und Insektenvernichtungsmitteln, die für Flur und Infrastruktur Verantwortlichen, die politischen Parteien und andere unisono die Stimme erheben, mit den Fingern ins weite Rund zeigen und mit erstaunten Augen erklären: „Wir sind das nicht gewesen!“ Klar, natürlich die anderen.

Gerade eben habe ich mir das Rezo-Video angeschaut, das zur Zerstörung vor allem der CDU aufruft. Ja, ich habe die ganze Stunde gesehen. Ich habe viele Fragen dazu. Es ist bemerkenswert recherchiert und von einem echten Talent aufgenommen, das bisher nicht durch politische Statements aufgefallen ist. Über 7 Mio. Aufrufe in wenigen Tagen. Der Reflex der Betroffenen darauf ist totschweigen, dann leugnen, verunglimpfen, als persönliche Einzelmeinung runterspielen, großspurig Gegenerklärungen ankündigen, die dann abgesagt werden, stattdessen eine Bleiwüste in Politikersprache und zuletzt ein verlegenes Gesprächsangebot, dessen Aufrichtigkeit nach dieser Vorgeschichte schon bezweifelt werden kann. Als nächstes erwarte ich einen Kommentar mit der Botschaft: Irgendwelche anderen treiben es noch viel schlimmer!

Um das klar zu sagen: Man muss Rezo nicht gut finden oder ihm einfach zustimmen. Rezo verdient Anerkennung, weil er einen guten Job gemacht hat. Das dürfen auch Leute denken und aussprechen, die nicht in allen Punkten seiner Meinung ist oder mit mancher Schlussfolgerung nicht übereinstimmen. Die überaus meisten Reaktionen zeigen leider, dass wir vor allem eines verloren haben: Debattenkultur. Das meint: Miteinander reden und debattieren statt finale Statements abzugeben, echte Probleme zu erkennen und anzupacken. Dazu braucht es manchmal ausgewogene Kompromisse, an anderer Stelle eben sehr entschlossenes Handeln. Es ist Rezos Verdienst, das in kurzer Zeit sehr eindringlich politisch interessierten und denkenden Menschen klar gemacht zu haben. Die Arbeit fängt jetzt erst an, sollte sie zumindest. Für uns alle!

Ähnliche Geschichten wie die drei zufällig oben genannten gibt es wie Sand am Meer, denke ein jeder mal drüber nach. Sicher gibt es mehr als ein Muster hinter allen Geschichten, doch ich denke an eines ganz besonders.

Mir geht es nicht um irgendein Video, nicht um die CDU, irgendeine andere Partei, österreichischen Politiksumpf, die Insekten oder eine beliebige andere zu dem Muster passende Geschichte. Den Insekten stehe ich noch am Nächsten, trotz plagender Mückenstiche. Mir geht es hier um unsere Reflexe angesichts echter relevanter Lebensthemen. Die Unfähigkeit von Politik und Gesellschaft mit echten Problemen über den Horizont ihrer Hutkrempe oder ihres aktuellen Mandats umzugehen, die ist schon auffällig. Wir haben die Sprache verloren als Ausdruck der sinnhaften Kommunikation.

Wir haben da offensichtlich ein Problem, das nicht durch andere Politiker, andere Parteien, Verbandsfunktionäre, Sonntagsreden oder wohlfeile Absichtserklärungen gelöst wird. Heilslehren und Verschwörungstheorien werden ebenfalls nicht helfen. Wir haben ein echtes Strukturproblem damit, wie unser System Wirtschaft und Gesellschaft funktionieren. Das wäre mal ein Thema, über das wir nicht nur debattieren müssen, sondern dass echter Erneuerung bedarf. Ganz unabhängig übrigens von allen historischen Verdiensten und Errungenschaften. Es geht hier um Zukunft.

Was wir brauchen ist mehr echten Diskurs mit dem Interesse an Lösungen statt an Umfragequoten. Mehr „Fridays for Future“ als Beispiel, wo Betroffene handeln und sich nicht bevormunden lassen wollen. Wir brauchen mehr Selbstverantwortung, mehr Beteiligung und Engagement aller, für die das Leben mehr ist als sie es selbst sind, die große Mehrheit also. Vieles andere mehr brauchen wir noch, ich könnte noch so einiges aufzählen und noch viel mehr weiß ich gar nicht.

Was ich nicht will: Eine Diskussion über die Frage, ob ich Recht habe. Ich will gar nicht Recht haben. Ich will nur laut sagen, dass bekannte Muster offensichtlich versagen. Stimmen mehren sich, die davon sprechen, dass wir uns selbst abzuschaffen im Begriff sind. Ich will auch nicht den Zeigefinger heben und Schuldige suchen. Alles Zeitverschwendung. Wir brauchen eine echte Veränderung mit großen und kleinen neuen Anfängen. Am Anfang jeder Veränderung steht erst mal ein Eingeständnis über mögliches Versagen, wie man es jedem Shitstormbetroffenen rät. Dann ein echter Austausch über Wissen und Unwissen, über Ideen und Möglichkeiten. Dann eben die Ärmel aufkrempeln. Wir, nicht andere. Möglichst viele.

Auch wenn ich bei den ersten Worten dieses Blogs nicht an dieses Ende gedacht habe: Wählen gehen ist schon mal ein Anfang. Aber auch nach der unmittelbar bevorstehenden Europawahl gibt es außer Wahlen ungezählte Möglichkeiten, etwas zu tun. Dies nur, um die Haltbarkeit des Textes zu verlängern.

Das muss ich einfach mal sagen.

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