Die Revolution ist ausgefallen. Bildmaterial existiert trotzdem. Leider nur in meiner Fantasie
Vor einigen Tagen wollte ich eine kleine Revolution anzetteln. Hat sich so ergeben. Nicht, dass das Leben auf dem Lande langweilig ist, im Gegenteil. Aber sowas war schon lange nicht mehr. Und das hier, auf dem Land. Toll!
Es geht um die Tüftlerwerkstatt. Eine Gruppe älterer Herren, handwerklich begabte Tüftler, die treffen sich einmal im Monat, reparieren Toaster, Lampen, Vogelkäfige und allerlei andere Dinge, die heutzutage oft schneller ersetzt als repariert werden.
Ehrenamt. Eine gute Sache. Dann kommt die Nachricht: Der bisherige Werkraum, das Tüftel-Zentrum, fällt weg. Die gastgebende Schule braucht den Platz künftig selbst. Sie platzt aus allen Nähten, der Werkraum wird zum regulären Klassenzimmer. Kein Platz für Tüftler. Eine andere Schule hat bereits signalisiert, dass die Tüftler dort willkommen sind. Doch plötzlich heißt es: die Samtgemeinde hat was dagegen. Und die haben die Oberaufsicht. Das letzte Wort. Weitere Informationen gibt es zunächst nicht.
Als 68er Spätlese mit Erfahrung im Organisieren vielfältiger (seinerzeit studentischer) Aktionen (es war einmal ……) beginnt in meinem Kopf sofort die Produktion revolutionärer Gedanken: Das gibt es ja wohl nicht! Skandal! Leserbrief. Presse. Öffentliche Aktion. Demonstratives Reparieren, Tüftlerwerkstatt vor dem Rathaus. Natürlich mit Transparent. Schließlich stehen hier Nachhaltigkeit, Ehrenamt und Bürgerengagement auf dem Spiel. Wenn sich jemand über so etwas empören darf, dann doch wohl anständige Bürger. Widerstand ist Pflicht! Das machen wir zum Thema im anstehenden Kommunalwahlkampf.
Zu meiner Freude stoße ich mit diesen Gedanken bei einigen Tüftlern auf überraschend offene Ohren. Die Revolution gewinnt Anhänger. Wir werden immer mehr.
Unterwandererstiefel werden geschnürt, Parolen entworfen.
Freie Werkbänke für freie Bürger! Alle Macht den Toastern!
Doch bevor die Bewegung richtig Fahrt aufnehmen kann, geschieht Unerwartetes.
Einer der ältesten Tüftler hat längst gehandelt. Ohne Presse. Ohne Transparent. Ohne revolutionäre Rhetorik. Er hat telefoniert, gesprochen, vermittelt und eine Lösung organisiert.
Als die frisch gewonnenen Freiheitskämpfer ihn aufsuchen, um Beschlüsse zu fassen und die Lage auf die Spitze zu treiben, ist der Konflikt bereits gelöst.
Die Tüftler dürfen bleiben. Mit kleinen Einschränkungen. Aber sie dürfen bleiben. Die Revolution fällt aus.
Mich beschäftigt diese Geschichte. Nicht, weil sie zeigt, dass die ganze Aufregung unnötig gewesen ist. Sie zeigt etwas ganz anderes: Die Tüftler waren unentschlossen, es gibt kein abgestimmtes Vorgehen. Die einen wollen Druck erzeugen. Andere suchen das Gespräch. Die einen denken öffentlich. Andere handeln im Hintergrund. Die einen haben Energie. Andere haben Beziehungen.
Und gerade deshalb funktioniert das Ganze. Vielleicht liegt darin die eigentliche Weisheit der Landpomeranzen. Von außen sieht eine Gruppe wie diese vielleicht aus wie ein Haufen älterer Herren beim Kaffeetrinken und Klön schnacken. In ihrem tiefsten Inneren sind sie allerdings erstaunlich vielfältig.
Da gibt es die Pragmatiker. Die Netzwerker. Die Empörungsbereiten. Die Gelassenen. Die Lauten. Die Leisen. Selbstverständlich hält jeder seine eigene Rolle für die wichtigste. Es ist wie in jedem gewöhnlichen und ungewöhnlichen Projekt.
Bis das Problem gelöst ist. Dann stellt sich heraus: es ist genau diese Mischung, die hilft.
Systemtheoretiker behaupten vermutlich: Die Intelligenz liegt nicht in der Person eines einzelnen Tüftler. Sie liegt im Tüftlersystem. Der Revolutionär bringt Energie. Der Vermittler bringt die Lösung. Der Rest steuert Erfahrung, Humor, Kaffee und Geschichten bei. Zusammen reicht das vollkommen.
Heute sitzt einer der Tüftler bei uns am Kaffeetisch. Er ist inzwischen beim Obertüftler gewesen. Die Lösung steht. Die Werkstatt darf bleiben. Etwas enger als bisher, aber gut genug.
Selbstverständlich haben die Herren untereinander auch über meine Revolutionsvorschläge gesprochen. Sie haben dabei viel gelacht, wird mir berichtet.
Ich war zunächst nicht ganz sicher, wie ich das verstehen soll. Dann kommt die Entwarnung. Man hat beschlossen, mich vorzumerken. Falls irgendwann doch einmal eine Revolution, eine Unterwanderung oder eine andere Form des zivilen Ungehorsams erforderlich sein sollte: meine Rolle darin ist ab sofort geklärt. Ich bin nun inspiratorischer Sonderbeauftragter für außergewöhnliche Lagen, speziell Aufstand, Protest und Bürgerbegehren.
Die Revolution ist im letzten Moment abgesagt. Doch mein neues Amt und mein Ruf, das bleibt.
Von heute an sehe ich das Landpomeranzentum mit anderen Augen. Die sind gar nicht so gelassen, weil sie Konflikte vermeiden wollen. Die wissen sie einfach aus Erfahrung, dass man nicht sofort entscheiden muss, ob man einen Schraubenzieher oder eine Revolution braucht.
Manchmal genügt es, erst einmal herauszufinden, welches Problem genau eigentlich repariert werden soll.
