Über die Vermehrung und den Transfer von Wissen

Erika Diemer: Der Zauberlehrling

In seiner Ballade „Der Zauberlehrling“ beschreibt Goethe 1797 einen solchen, der in Abwesenheit seines Meisters mit Zaubersprüchen experimentiert. Ich kenne den Zauberspruch bis heute:

Walle! walle
Manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.

Es passiert, was in einer Ballade passieren muss: Die Situation gerät außer Kontrolle, das bestellte Badewasser fließt und fließt, droht Heim und Hof zu überfluten. Natürlich rettet der Meister mit seinem Können im letzten Augenblick die Situation. Schon Kinder kennen aus dem Märchen „Der süße Brei“ die Folgen zügellosen Vermehrungswahns, die Story ist die nämliche. Ersetzen wir in Goethes Worten (siehe Zitat oben) das Wort „Wasser“ durch „Wissen“ sind wir beim gedanklichen Ursprung dieses Blogs: Ein von mir moderierter Dialog zwischen Wissenschaftlern und Unternehmern über ihr Zusammenwirken im gemeinsamen Anliegen, Wissen und Technologien von Hochschulen in die Wirtschaft zu transferieren.

Gute Idee, nichts dagegen zu sagen! Oder doch, so bei genauem Hinsehen und Nachdenken …..

Wissenschaft produziert Wissen am laufenden Band. Es wird gesagt, das Wissen der Welt verdopple sich mit zunehmendem Tempo, inzwischen innerhalb weniger Jahre. Technisches Wissen hat vermutlich eine Halbwertzeit, die Du locker an einer Hand abzählen kannst. Exponentiell wachsendes Wissen verdünnt sich mit irrelevantem Wissen. Angeblich (ich kann das nicht überprüfen, es scheint aber glaubhaft) werden 50% der wissenschaftlichen Arbeiten nie zitiert, es sammeln sich Doubletten in Bibliotheken und auf Servern, die Wissenschaftsförderung steckt voller Fehlanreize (Masse statt Klasse, Doktorandenstellen statt verwertbarer Ergebnisse). Man könnte meinen: nur die Zahl der Publikationen wächst schneller als das darin verpackte Wissen.

Und die Unternehmen? Haben die ein Wissensproblem? Mangelt es in Industrie, Mittelstand und Start Ups an Ideen? Oder ist das Problem vielmehr, dass gute Ideen zuerst gelobt und dann von Bedenkenträgern zerpflückt werden? Ist ein dreimal gescheiterter Gründer ein echter Unternehmer oder ein Versager? Eine Bank denkt über diese Frage nicht lange nach! Wir beklagen fehlenden Realitätsbezug, aber ist nicht genau das das Problem? Ist doch denkbar, dass ohne eben diesen Realitätsbezug erst wirklich Voraussetzungen für neue Innovationen und Geschäftsmodelle entstehen. Na, hast Du jetzt noch Lust auf eine tolle neue Idee?

Danke an den Karikaturisten für die passende Illustration zum Blog. Honoré Daumier: Das blinde System und die lahme Diplomatie

Und nun verbünden sich zwei zu einem Transferbündnis, von denen jeder glaubt, der jeweils andere hätte, was dem jeweils einen fehlt. Ist das ein Bündnis zweier Starker, die sich gegenseitig beschleunigen? Oder ein Bündnis zweier Lahmender, die nur ein falsches Bild voneinander haben? Es reicht nicht, um eine bunte Blumenwiese zu schaffen eine farbige Plastikbox mit Blumenerde und Sämereien auf den Betonboden einer Tiefgarage zu stellen. Eine Wiese wird das jedenfalls nie, das System prägt das Umfeld und nicht umgekehrt. In Erinnerung geblieben ist mir die in der Diskussion aufgekommene und belächelte Metapher eines Teilnehmers, der Wissenschaft und Unternehmen mit zwei einsamen Blümchen auf einer großen Wiese verglich, die sehnsüchtig auf das befruchtende Bienchen warten. Ein etwas sanfteres Bild, ich will mit den „Lahmenden“ ja niemanden beleidigen oder gar guten Willen in Frage stellen.

Die meisten Ideen scheitern im Vorstadium an nicht überprüften Vorurteilen. Neue Ideen stellen in Frage. Doch das scheinbare „Das geht nie“ ist zu oft ein verkapptes „Ich will das nicht“. Die entscheidende Kernfrage ist immer: Wie können wir Kundenprobleme (die externe Referenz!!!) auf bessere und günstigere Art lösen. Das hat zuerst mal nichts mit der Realität zu tun. Im Gegenteil: Neue Realitäten sind es, die wir schaffen wollen. So geht es in der Wirtschaft zu!

Und in der Wissenschaft? Möglicherweise geht es um die Gewinnung neuer Erkenntnisse, die neue Horizonte eröffnen, Bekanntes in Frage stellen, falsifizieren? Sicher etwas von alledem, aber nicht zum Selbstzweck. Wozu sollten wir Geld für etwas ausgeben, das keinen erkennbaren Nutzen hat: Große Aufgaben wie der Sieg über bisher unheilbare Krankheiten, mir würde ein wirklich dichtes Fahrradventil helfen, damit ich weniger pumpen muss. Das Problem der Forscher ist oft, dass sie Wissen zu transferieren versuchen, dessen Nutzen sich dem Adressaten nicht erschließt. Ist der Nutzen erkennbar braucht es Leute, die Ideen gegen Widerstände durchsetzen.

Hip, agil und disruptiv wird etwas nur durch Leute, die etwas bewegen wollen. Bedeutsam ist ihre Einstellung zu dem, was sie schaffen wollen. Wer sich dabei an den Grenzen des Erlaubten orientiert und ausgetretene Pfade läuft, der kommt nicht weit. Große Systeme – das gilt auch für den Forschungsbetrieb in der Wissenschaft – engen ganz schön ein, sie machen wenig Lust auf Musterbruch. Gute Ideen brauchen den Umweg über den Irrtum, um reif zu werden. Scheitern ist der Lernvorgang, aber natürlich ist Scheitern nicht das Ziel, sondern nach aller Erfahrung das notwendige Übel – verbunden mit Schmerz und Frust – auf dem Weg zum Durchbruch. Vielleicht. Doch wer will das schon? Wer kann sich den Freiraum dafür schaffen? An der Uni? Im Unternehmen?

Ein echter Durchbruch für Unternehmen und Wissenschaft ist die Abkehr von der Themenförderung. Die richtigen Personen fördern, die mit dem Drang etwas bewegen zu wollen, das wäre schon was. Dann dauern Forschungsvorhaben nicht so ewig lange, nur Ergebnisse zählen, nicht die Förderdauer, die Mühsal der Forschenden im Bürokratiedschungel der Förderrichtlinien oder die Anzahl der mitwirkenden Doktoranden, die eigentlich nur ihre Dissertation finanzieren wollen. Erfinden zählt nichts, es erfolgreich an den Markt bringen, das ist alles.

Solange jeder denkt, der andere schließt seine Lücken, kommen aus diesen Transferprojekten bloß unendliche Meetings heraus. Wenn scheinbar Wissende mit scheinbar Handelnden konferieren entstehen wieder nur Meetings. Macht also Schluss mit den Transferprojekten, besser echte Unternehmer in Forschung und Wirtschaft fördern und vernetzen.

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