Wenn Haltung verschwindet und genau dadurch wirkt

 

Foto: Hobopeeba / Kristina Makeeva /  Banksy / Ein Fahnenträger mit verbundenen Augen geht entschlossen voran. Die Umstehenden sehen, sie gehen weiter. Vielleicht beginnt das Problem nicht bei dem Blinden, sondern bei denen, die glauben, nur zu beobachten.

 

Ich habe neulich einen Text über Medien gelesen. Viel Zustimmung beim Lesen, viel Nicken. Demokratie braucht verlässliche Informationen. Medien tragen Verantwortung. Algorithmen, Klicks, Empörung verzerren den Diskurs.

Alles richtig.

Und doch hatte ich beim Lesen das Gefühl: Da fehlt mir was.

Medien stehen unter Druck. Marktlogik schlägt Einordnung. Komplexität verliert gegen Aufmerksamkeit. Das ist kein Vorwurf. Das ist eine realistische Beschreibung. Wer differenziert, verliert Reichweite. Wer zuspitzt, gewinnt. Die Quote als Belohnung.

Die Antwort darauf ist bekannt: Medien sollen wieder einordnen, prüfen, gewichten. Kurz: Verantwortung übernehmen. Ich halte das für richtig. Und gleichzeitig für unvollständig.

Denn während klassische Medien zwischen Markt und Verantwortung ringen ist längst etwas Neues entstanden. Formate, die den Konflikt nicht lösen, die ihn stattdessen verlassen.

Ein Beispiel dafür hat kürzlich für Aufmerksamkeit gesorgt: Ein mehrstündiges Gespräch mit dem AfD-Politiker Björn Höcke, das innerhalb weniger Tage ein Millionenpublikum erreichte, in dem er seine Positionen ausführlich darstellen konnte, nahezu ohne Einordnung oder Widerspruch.

Da sitzt einer, stellt Fragen, hört zu und sagt von sich: „Ich habe keine Haltung. Ich lasse nur reden.“

Das trifft einen Nerv. Denn viele Menschen haben genug von Belehrung, von Schlagseite, von verkürzten Debatten. Sie wollen verstehen. Nicht geführt werden. Schon gar nicht zu etwas hin, dem sie aufgrund realer Erfahrungen misstrauen.

Und genau hier beginnt die Verschiebung.

Wer spricht, bekommt Raum. Viel Raum.

Und wer lange spricht, wirkt glaubwürdig. Wirkt nahbar. Wirkt durchdacht. Unabhängig davon, ob das Gesagte trägt. Diese Formate behaupten, frei von Haltung zu sein, natürlich besonders von denen, die ja bewusst abgelehnt werden, siehe oben.

Und genau das ist ihre Stärke. Denn: Einer entscheidet, wer spricht. Einer entscheidet, wie lange. Einer entscheidet, wann nicht widersprochen wird.

Das ist keine Neutralität. Das ist Gestaltung. Ohne Etikett.

Klassische Medien stehen in der Kritik, weil sie zu viel rahmen. Diese neuen Formate entziehen sich der Kritik, weil sie scheinbar gar nicht rahmen.

Beides ist problematisch. Aber auf unterschiedliche Weise. Die eigentliche Gefahr ist nicht die laute Meinung. Sondern die leise Inszenierung von Meinungslosigkeit. Denn: Wer nicht irritiert, stabilisiert. Wer nicht widerspricht, verstärkt.

Die Frage ist nur: Was folgt daraus? Wenn wir aus diesem Spiel herauswollen, reicht es nicht, die Medien zu kritisieren. Dann müssen wir wieder lernen, miteinander zu reden. Nicht übereinander.

Das ist keine Romantik. Das ist Substanz. Ohne sie verdunstet, was Demokratie trägt. Genau in dieses Vakuum stoßen die, die verkürzen, vereinfachen und zuspitzen. Sie bieten Klarheit an, wo eigentlich Differenz nötig wäre. Und sie gewinnen damit.

Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung woanders: Authentizität statt Inszenierung. Klarheit gegenüber extremen Positionen, ohne selbst zu verrohen. Gelassenheit im Umgang mit Andersdenkenden. Klingt unspektakulär, ist es aber nicht. Denn wer anderen Erfolge zugesteht, zerlegt keinen Diskurs. Wer ständig zerlegt, stärkt nur die Ränder, wenn auch ungewollt.

Was ich mir wünsche, ist keine perfekte Politik, die kann es gar nicht geben. Ich wünsche mir eine, die nicht nur reagiert, sondern trägt. Die nicht performt, sondern überzeugt. Und die Sprache nicht als Waffe benutzt, sondern als Möglichkeit, wieder miteinander zu sprechen.

Ich habe dazu ein Bild im Kopf. Ein Fahnenträger, die Augen verbunden, im festen Schritt nach vorn. Und davor Menschen. Sie gehen vorbei. Sie schauen. Sie reden. Kaum einer blickt nach oben. So, als hätte Banksy seine neueste Londoner Statue nach meinen Gedanken gefertigt.

Ich frage mich: Wer ist hier eigentlich das Problem? Der Blinde, der läuft? Oder die Sehenden, die danebenstehen und denken: Ich greife nicht ein. Ich beobachte nur.

Vielleicht liegt genau darin die Verschiebung unserer Zeit: Wir verwechseln Beobachtung mit Neutralität. Und Neutralität mit Unbeteiligtheit. Obwohl wir längst Teil des Geschehens sind.

Ich merke das auch im Kleinen. Sogar in Gesprächen mit Menschen, die mir nahe sind. Da geht es selten um extreme Positionen. Sondern um etwas anderes: Wie viel Haltung braucht es? Wie viel Offenheit halten wir aus?

Ich habe meine Antworten darauf. Gleichzeitig merke ich, dass es alles andere als trivial ist, beides zusammenzubringen.

Haltung ohne Beziehung ist hart. Beziehung ohne Haltung ist leer. Und irgendwo dazwischen findet das Gespräch statt.

Medien tragen Verantwortung, zweifellos. Aber Verantwortung verschwindet nicht, nur weil man behauptet, keine zu haben. Verantwortung ist allgegenwärtig, Sie wirkt trotzdem und immer. Vielleicht sogar stärker, wenn die Behauptung im Raume steht, keine haben zu wollen.

Ich traue den Lauten nicht. Den Leisen inzwischen auch nicht mehr.

 

 

 

 

 

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