#WirFeiernArbeit

Als Kollegen von Intrinsify in vorauseilenden Gedanken an unser Festival im November die Kampagne #WirFeiernArbeit ins Leben gerufen haben war in Echtzeit klar: tolle idee, da mache ich mit. Meine Arbeit macht mir zum Feiern Spaß, was sonst?!! Hier bin ich also, und ich feiere mit Euch.

Als Schüler habe ich mich zeitgemäß und artgerecht mit den damaligen Klassikern alternativer gesellschaftlicher Denkmodelle beschäftigt. Noch heute erinnere ich mich an einen kleinen Aufsatz von Friedrich Engels über „den Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ und die Dialektik der Natur. Engels erklärt, dass mit der Herstellung von Werkzeugen und der Arbeit mit ihnen die bewusste Herrschaft über die Natur beginnt. Arbeit hat historisch zur geistigen Entwicklung beigetragen, zur Entstehung von Sprache, zum begrifflichen Denken, zum Abstraktions- und Schlussvermögen und schließlich zur Arbeitsteilung und Herausbildung gesellschaftlicher Beziehungen. Der Unterschied zwischen Mensch und Tier besteht darin, dass wir durch planmäßige Handlungen die Natur verändern, sie zu gestalten und beherrschen versuchen. Engels beschreibt zugleich, dass Raubbau an der Natur durch kurzfristiges Profitdenken negative Rückkopplungen zur Folge hat. „Arbeit ist unerläßliche Existenzbedingung des Menschen. Sie ist die erste Grundbedingung allen menschlichen Lebens, daß wir in gewissem Sinne sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen.“ Das soziale und gesellschaftliche Problem der Zeit des Manchester-Kapitalismus“ sehen die Klassiker des Marxismus in der Entfremdung. Damit meinen sie, dass Arbeit und der Besitz von Produktionsmitteln auseinander fallen, Arbeitern den von ihnen geschaffenen Produkten, den Verhältnissen, den Institutionen, Unternehmen, Staat, Politik usw. fremd gegenüberstehen.

Arbeit ist für viele Mühsal. Kann man ohne Arbeit besser leben? Fragen wir  jemanden, der keine Arbeit hat: Ist so ein Mensch vielleicht glücklicher? Nein, er ist es nicht. Er ist im Gegenteil unzufrieden. Oder fragen wir jemanden, der zwei, drei Nebenjobs braucht, um sich finanziell über Wasser zu halten. Ist so ein Mensch glücklich? Oder fragen wir jemanden mit verhältnismäßig gutem Einkommen, der aber keine Freizeit kennt, um sein Leben zu genießen. Er wird antworten: Geld allein macht nicht glücklich! Ja, was dann? Und fragen wir einen Workoholic, der Sklave seiner Arbeit ist: Ist der etwa glücklicher? Nein – ist er nicht! Welche Bedeutung hat Arbeit im Leben eines Menschen? Welchen Sinn, welchen Nutzen kann oder könnte sie haben?

Ich möchte jetzt keinem Marxismus-Revival das Wort reden, trotzdem finde ich so manchen der klassischen Gedanken interessant und sehe einiges noch heute Bedeutsames (siehe auch hier). Erst Arbeit schafft den Menschen, vorausgesetzt wir schaffen nützliche und zeitgemäße Bedingungen. Die verändern sich natürlich ständig, sind heute anders als zu Engels oder unserer Eltern Zeiten. Lebensverhältnisse wandeln sich: Arbeit ist kaum noch Industriearbeit, „kreative“ Geistesarbeit (= ein geringer, abnehmender Routineanteil mit hohem „Kopfanteil“) charakterisiert heutzutage die meisten und immer mehr Tätigkeiten. Bildung und Lebensumstände geben Raum für eigene Ziele und ihre Verwirklichung u. a. m. Selbstverwirklichung ist nicht Privileg für Selbstständige! Doch wie kann ich lieben, wovon ich finanziell abhängig bin? Und wie kann Arbeit anstrengend sein, wenn man gelegentlich für seine Arbeit nicht einmal von der Couch aufstehen muss? Warum wollen 77% der Befragten einer Studie auch bei einer reichlichen Erbschaft weiter arbeiten, obwohl 85% aus der gleichen Befragung keine ausreichende Identifikation mit ihrem Job empfinden (Gallup-Studie)?

Wir leben in einer paradoxen Welt: Der Raum für Möglichkeiten wird größer. Wir haben Chancen, unser Leben zu gestalten, weitgehend selbstbestimmtes Leben und Arbeiten ist keine Utopie mehr. Dafür gibt es reichlich Beispiele. Gleichzeitig wachsen die Zwänge, unseren Platz im Leben zu finden und zu behaupten. Grenzen gibt es für einen jeden, in einer arbeitsteiligen Gesellschaft muss jeder mit seinem Umfeld dialogisch Lösungen finden. Doch das subjektive Empfinden der Fremdbestimmung, eine der wichtigsten Gründe für Stress und seine Symptome, wird für viele Menschen immer bedrohlicher. Dabei ist es total in Ordnung, wenn selbstbestimmte Arbeit nicht permanent Glückshormone erzeugt. Manchmal ist eben alles ein wenig viel, manchmal auch lästig und zum Haare ausraufen. Sogar bei Menschen, die man liebt, wird es nach vielstündigem Zusammensein Momente geben, in denen man lieber alleine ist.

Menschen streben nach einer Balance zwischen Zugehörigkeit/Bindung einerseits und Autonomie/Selbstbestimmung andererseits. Es ist ein hartes Stück Arbeit, für sich in der Welt die Basis für #WirFeiernArbeit zu schaffen. Die Welt wurde nicht erbaut uns glücklich zu machen und unsere moralischen Ansprüche zu erfüllen. Was genau „SEINE Arbeit“ ist, kann jeder nur für sich selbst herausfinden. Zugehörigkeit entsteht, wenn Arbeit in erster Linie Arbeit für andere ist. Das unterscheidet sie von Beschäftigung. Arbeit hat einen harten ökonomischen Kern, in dem sich materielle und soziale Existenzsicherung begegnen. Sie ist notwendige, aber allein nicht hinreichende Bedingung. Autonomie auf der anderen Seite hat zu tun mit Freiheit, Respekt, Gerechtigkeit, Solidarität, Gemeinwohl und individuell sehr unterschiedlichen Gefühlen wie der Suche nach Meisterschaft oder persönlicher Entwicklung, die unter dem irrigen und vernebelnden Begriff „Selbststeuerung bzw. Selbstoptimierung“ sogar tauglich für Managerseminare geworden sind.

Es ist ein hartes Stück Arbeit, SEINE Arbeit zu finden. Irrtümer und Irritationen gehören dazu. Sie schaffen Gelegenheiten, schlauer zu werden, SEINEN Weg zu finden. Diese Bewegung der Selbst-Veränderung hat zwei “Bewegungsgrößen”: Das eine ist das eigene Potential, das sind unsere “Möglichkeiten”, die zur Verwirklichung drängen. Das andere Moment besteht in der Herausforderung durch  Andere, durch die Umgebung, unser Umfeld, die Anstöße liefern: Die Wechselwirkung, auf sie kommt es an. Das eigene Selbst und die passende Arbeit sind keine abgeschlossenen, statischen, festen Größen. Sie bestehen in einer dauernden Bewegung des Anderswerdens. Erst durch Anderswerden werden wir unser Selbst. Irritationen sind nützliche Interventionen. Diese Bewegung kommt idealerweise nie zum Stillstand. Recht verstanden gibt es daher immer Gründe zum Feiern. Warum also nicht jetzt?

Ich feiere meine Arbeit! Einfach mitfeiern!

#WirFeiernArbeit

PS Wie immer, wenn es um Bilder oder Videos geht, ganz besonderer Dank an meinen Freund und Filmemacher Thomas Knüppel. Es ist wie immer ein besonders Vergnügen, mit ihm Videoprojekte zu planen und zu realisieren. Da ist gutes Auge, scharfer Blick, einfühlsame Regie, klare Rückmeldung und echte partnerschaftliche Arbeit. Er hat ein eigenes #WirFeiernArbeit verdient. Danke, @Thomas. Ich freu mich auf unsere nächsten Ideen.

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