Bild: Evelyn Verdin via Unsplas
Drei Tage, drei Hauptstädte, drei Nächte auf Schienen, das Nachtleben in einem Zug genießen. Die Tage mit Hauptstadtfeelings.
So war der Plan.
Oder – sagen wir es so, wie es war: der Traum.
Eine kleine, stimmige Idee, gewoben aus Schlafwagenromantik, ökologischer Haltung und dem Glauben an ein Europa, das nicht nur politisch zusammenwächst, sondern auch fahrplanmäßig.
Lissabon, Madrid, Paris.
Nachts reisen, tags erleben.
Ich sah mich schon: mit einem kleinen Notizbuch auf einem Klapptisch im Zug, einen Portwein in Griffweite, den Fahrtwind als flüsternde Erzählstimme zwischen zwei Orten.
Start in Lissabon nach meiner zur Gewohnheit gewordenen Frühjahrsreise nach Portugal, Besuch meines alten Freundes Julio. Ich liebe Portugal, ich liebe Lissabon. Statt Massenabfertigung am Flughafen, Kerosin und Gedrängel dachte ich an einen poetisch-nostalgischen Reiseabschluss mit kulturellen Sahnehäubchen. Mein amuse geule als Finale.
In Madrid morgens in den Prado, abends weiter nach Paris.
Dort der Giacometti, ein Spaziergang am Canal, und dann nordwärts gen Heimat.
Zugfahren als Form der Poesie.
Als gelebte Verantwortung.
Als ästhetischer Widerstand gegen das Billigfliegen.
Ich dachte: Das muss doch gehen. Es ist Europa.
Was daraus wurde?
Ein Bus.
Ein weiterer Bus.
Zwei Buchungsportale, die mir auf die Frage nach einem Zug ausschließlich Busse und Flüge anbieten. Ich wollte Zug fahren. Das finde ich poetischer als Busreisen. Man kann auf langen Zuggängen mal wandeln, Busse sind nur eng und wenig weitläufig. Sechs Bahn-Websites, keine spricht mit der anderen.
Der legendäre Lusitania-Nachtzug zwischen Lissabon und Madrid?
Abgestellt. Seit 2020. Nicht wiederbelebt. Vielleicht irgendwann mal.
Der Nachtzug Madrid – Paris?
Nur mit Umstieg in Irun. Warum?
Weil Spanien und Frankreich seit Jahrzehnten unterschiedliche Gleisbreiten haben.
Man fährt – ganz europäisch – aneinander vorbei.
Und ein durchgehendes Ticket? Nein.
Du buchst:
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Lissabon – Madrid bei der portugiesischen Bahn CP oder ALSA.
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Madrid – Irun bei Renfe.
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Irun – Paris bei SNCF.
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Paris – Köln bei der Bahn.
Jede Verbindung für sich. Kein Fahrgastrechteverbund, kein gemeinsames System. Kein Europa, außer auf der Landkarte.
Es hat viele Stunden wühlen im Internet gedauert, das herauszufinden. Soll wohl keiner wissen. Ist aber traurige Realität.
Ich erzählte Freunden von meiner Idee – poetisch, entschleunigt, klimafreundlich.
Alle sagten: „Wie schön! Wie gut! Wie richtig! Ein Abenteuer!“
Und ich werde jetzt wohl sagen müssen: „Ja. War gut gedacht. Jetzt flieg ich.“
Denn irgendwann, wenn dir die Verbindungen davonlaufen, der Anschluss nicht geplant ist und der Nachtzug nicht fährt, dann landest du wieder da, wo der CO₂-Ausstoß leise summt und das schlechte Gewissen beim Check-in mitfliegt.
Europa hat keine Zugverbindung für mich.
Aber es hat eine Entschuldigung: „Komplexe Strukturen.“
Europa, so wird das nix. Nicht, dass meine Reiseideen die Nagelprobe des Gelingens sind. Doch es zeigt sich im Kleinen, was im Großen schon lange vermisst wird. Jetzt erst recht vermisst, weil es mehr denn je gebraucht wird.
