Ich möchte einen Kaffee.
Auf dem Markt in Vannes steht ein hübscher kleiner Kaffeewagen. Genau das Richtige für eine kurze Pause.
Neben dem Wagen qualmt und dampft etwas Schwarzes vor sich hin. Aus dem Augenwinkel sieht es aus wie eine Dampfmaschine aus einem Jules-Verne-Roman. Ich nehme mir vor, später genauer hinzusehen.
Erst einmal Kaffee.
„Un café, s’il vous plaît.“
Die Frau hinter dem Tresen lächelt.
„Welchen?“
Welchen?
Mit dieser Frage habe ich nicht gerechnet.
Sie beginnt zu erzählen. Von Guatemala. Von Kenia. Von Höhenlagen. Von Röstungen. Von Aromen. Sie spricht nicht über Kaffee. Sie spricht über Menschen, Böden und Geduld.
Ich merke schnell: Hier wird kein Kaffee verkauft. Hier wird Begeisterung ausgeschenkt.
Sie bereitet zwei kleine Tassen vor. Jede bekommt eine Markierung. Eine für Guatemala. Eine für Kenia.
„Probier mal.“
Während sie den Kaffee zubereitet, habe ich Zeit.
Mein Blick wandert über den Wagen.
Die Front besteht aus unzähligen kleinen Schubladen. Jede trägt noch ihre alte Beschriftung. Kräuter. Gewürze. Namen, die sich lesen wie das Inventar eines Druiden.
Ich grinse. Wenn Miraculix irgendwann einmal mobil geworden ist, dann sieht sein Lieferwagen genau so aus.
Die Schubladen beherbergen früher vermutlich Kräuter. Heute lagern darin keine Blätter mehr. Die Zutaten zum Zaubertrank sind flüssig geworden.
Mir kommt der Verdacht, dass Druiden ihre Rezepte den Zeiten anpassen.
Der Duft des Kaffees kommt näher.
Nicht aufdringlich. Eher neugierig.
Jetzt sehe ich auch die Maschine richtig. Schwarz. Groß. Voller Räder, Hebel und Rohre.
Sie qualmt und dampft, als wolle sie jeden Augenblick zu einer Expedition zum Mittelpunkt der Erde aufbrechen.
Mein erster Gedanke:
„In 80 Tagen um die Welt.“
Der zweite:
„Heiße Maronen.“
Das ist allerdings Unsinn. Es ist Juli. Dreißig Grad. Ich stehe in der Bretagne.
Außerdem riecht es überhaupt nicht nach Maronen.
Ein älterer Herr schürt glühende Kohlen unter der Maschine. Er beobachtet aufmerksam die Bohnen, dreht an einem Hebel, wartet geduldig und schiebt die nächste Schaufel Kohle nach.
Ich muss schmunzeln. Die stammt bestimmt direkt vom Flöz Sonnenschein in Gelsenkirchen.
Die Frau reicht uns die beiden Tassen. Guatemala. Kenia.
Wir probieren. Guatemala schmeckt mild. Kenia kräftiger. Beide sind hervorragend.
De gustibus non disputandum est.
Mit den Tassen in der Hand gehe ich hinüber zum Röster.
Wir kommen ins Gespräch. Über alte Maschinen. Über Kohle. Über Kaffee. Über das Rösten. Über Bohnen.
Irgendwann auch ein bisschen über das Leben.
Er nimmt eine Handvoll frisch gerösteter Bohnen aus der Trommel und legt sie in meine Hand.
Noch warm.
Wir betrachten sie gemeinsam.
Er nickt. Ich nicke. Mehr braucht es nicht.
Ich möchte einen Kaffee trinken.
Am Ende verkoste ich eine Geschichte.


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