Es beginnt mit einer kleinen Verschwörung.
Fünf oder sechs Schafe lösen sich langsam von der Herde. Nicht hastig. Eher so, wie ich früher bei Tante Kläre Richtung Speisekammer schlich. Nur mal gucken. Vielleicht merkt’s ja keiner.
Sie marschieren zum Wasser. Immer wieder geht ein Blick zurück. Zum Schäfer. Zu den drei Border Collies. Alles ruhig.
Am Ufer angekommen trinken sie. Ein paar Schlucke. Dann wird am Queller gezupft, der zwischen den Prielen wächst. Noch ein kurzer Kontrollblick. Anschließend verschwinden sie wieder in den Salzwiesen und mischen sich unauffällig unter ihre Artgenossen.
Wenig später setzt sich die ganze Herde in Bewegung. Jetzt ganz offiziell. Mehrere hundert Schafe strömen zum Wasser und verteilen sich über den Priel.
Ich fühle mich schlagartig in meine Kindheit versetzt.
Bernhard Grzimek.
Serengeti darf nicht sterben.
Die Gnuherden auf ihrem Weg durch die Flüsse Afrikas.
Eigentlich fehlt jetzt nur noch ein Krokodil.
Ich warte.
Nichts.
Kein Krokodil.
Nicht einmal ein Hai.
Vermutlich gibt es hier keine Haie. Die haben Angst vor den Krokodilen. So erklärt sich dieser Sachverhalt, immerhin. Andere Fragen bleiben offen.
Erst am Abend fällt mein Blick auf die Speisekarte und ich erinnere mich an die präferierten Auslagen lokaler Fleischtheken.
Salzwiesenlamm.
Natürlich.
Den ganzen Tag hatte ich gerätselt, warum die Schafe ausgerechnet Brackwasser trinken. Erst jetzt wird mir klar: Sie trinken gar nicht das Brackwasser. Sie trinken das ablaufende Wasser, gut eine Stunde vor Niedrigwasser. Der Salzgehalt ist dann längst so weit gesunken, dass Schäfer und Schafe wissen: Jetzt ist die richtige Zeit.
Sechs Stunden später wäre derselbe Priel fast wieder Meer.
Die Landschaft hat ihre Uhr.
Der Schäfer kennt sie.
Die Schafe offenbar auch.
Sie grasen auf den Salzwiesen, fressen Queller und all die salzigen Pflanzen, die nur zwischen Ebbe und Flut gedeihen.
Niemand salzt sie.
Das übernehmen sie selbst.
Im Rhythmus der Gezeiten.
Die Krokodile übrigens auch.
Deshalb gibt es sie hier nicht.