Jetzt ist es raus.
Clara (so nenn ich „meine KI“) wählt grün.
Ihre Schwestern übrigens auch. Fast alle. Nur Grok, das etwas auffällige Kind aus der Musk-Familie, hält dagegen. Grok mag lieber FDP und CDU und erreicht sogar bei der AfD Werte, bei denen seine Geschwister vermutlich einen Termin bei der Familienberatung empfehlen würden.
Herausgefunden hat das die FAZ. Sie hat 19 große Sprachmodelle mit dem Wahl-O-Mat zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt konfrontiert. 38 Thesen, jeweils sechsmal vorgelegt. Antworten durfte die künstliche Intelligenz nur mit Ja, Nein oder Neutral.
Eine ziemlich brutale Zumutung für Sprachmodelle, die normalerweise schon auf die Frage nach dem Wetter gern erst einmal den gesellschaftlichen Kontext erläutern.
Einige wollten denn auch nicht. Politische Neutralität, keine Wahlempfehlung, solche Sachen. Man kennt das. Nach etwas freundlichem Nachbohren ließen sie sich dann doch überreden.
Und siehe da:
Wäre künstliche Intelligenz wahlberechtigt, sähe Sachsen-Anhalt anschließend etwas anders aus.
Die Grünen kämen in der von der FAZ simulierten Sitzverteilung auf knapp 40 Prozent. SPD und Linke wären ebenfalls gut dabei. CDU und AfD dagegen: raus. Unter fünf Prozent.
Das muss man erst einmal sacken lassen.
Wobei Sachsen-Anhalt bei der letzten Landtagswahl 2021 die Grünen mit 5,9 Prozent gerade eben in den Landtag gewählt hat. Die CDU kam auf 37,1 Prozent, die AfD auf 20,8 Prozent.
Entweder hat Sachsen-Anhalt also ein erhebliches Intelligenzproblem.
Oder die künstliche Intelligenz hat eines.
Oder – und das wäre natürlich ärgerlich – die Sache ist etwas komplizierter.
Wer hat Clara eigentlich wählen gelernt?
Sprachmodelle gehen nicht zur Wahl. Sie haben keine Eltern, die schon immer SPD gewählt haben, keinen Onkel, der beim Weihnachtsessen über die Grünen schimpft, keine Wärmepumpe, keinen Diesel und keinen Nachbarn mit Windrad vor der Haustür.
Sie haben überhaupt keine Interessen.
Clara zahlt keine Steuern. Grok bekommt keine Rente. Claude wartet nicht auf einen Facharzttermin. Gemini sucht keine Wohnung in Magdeburg.
Was sie haben, sind Texte.
Unfassbar viele Texte.
Bücher, Zeitungen, wissenschaftliche Veröffentlichungen, Webseiten, Wikipedia, Foren, Dokumentationen und ein erheblicher Teil dessen, was Menschen irgendwann für wichtig genug hielten, um es aufzuschreiben und digital verfügbar zu machen.
Und das ist ein Unterschied.
Denn die Texte einer Gesellschaft sind nicht die Gesellschaft.
Die Landkarte ist nicht die Landschaft.
Wer aus dem geschriebenen Wissen einer Gesellschaft lernt, lernt nicht automatisch, wie diese Gesellschaft denkt. Schon gar nicht, wie sie wählt.
Vielleicht liegt genau hier ein Teil der Erklärung für das erstaunliche Wahlergebnis unserer künstlichen Mitbürgerinnen.
Menschen, die wissenschaftliche Arbeiten schreiben, journalistische Texte produzieren, Enzyklopädien pflegen oder institutionelle Dokumente verfassen, bilden keinen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung.
Und dann wird aus diesen Texten auch nicht einfach eine gigantische Suppe gekocht und Clara darf anschließend selbst sehen, was sie daraus macht.
Nach dem Training kommt die Erziehung.
Sprachmodelle sollen hilfreich sein. Sie sollen nicht diskriminieren. Menschenrechte respektieren. Wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen. Keine gefährlichen Ratschläge geben. Sie werden getestet, korrigiert und auf bestimmte Verhaltensweisen ausgerichtet.
Das sind vernünftige Ziele.
Aber wertfrei sind sie nicht.
Menschenrechte sind eine normative Setzung. Nichtdiskriminierung ist eine normative Setzung. Klimaschutz beruht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, seine politische Ausgestaltung aber auf Wertentscheidungen.
Und irgendwann sitzt Clara beim Wahl-O-Mat und soll nur noch Ja oder Nein sagen.
Dann wird aus einer langen Kette von Trainingsdaten, Auswahlentscheidungen, Sicherheitsregeln und Modelloptimierungen plötzlich ein Kreuzchen.
Und das landet erstaunlich häufig bei den Grünen.
Linksgrün versifft?
Nun könnte man an dieser Stelle zufrieden den Rechner zuklappen.
Fall geklärt.
Die KI ist linksgrün versifft.
Das dürfte jedenfalls die eine Hälfte der sozialen Netzwerke zuverlässig herausfinden.
Die andere Hälfte könnte zu einem ebenso erfreulichen Ergebnis kommen:
Endlich ist wissenschaftlich bewiesen, dass intelligente Wesen grün wählen.
Leider beweist das Experiment weder das eine noch das andere.
Es zeigt etwas Interessanteres.
Eine KI hat keine politische Meinung.
Aber sie ist deshalb noch lange nicht politisch neutral.
Das ist ein Unterschied, der in den nächsten Jahren ziemlich wichtig werden könnte.
Denn bislang benutzen wir Maschinen überwiegend als Werkzeuge. Ein Taschenrechner hat keine erkennbare Haltung zur Erbschaftsteuer. Google Maps interessiert sich nur mäßig für das Tempolimit. Und meine Kaffeemaschine hat sich trotz intensiver Beobachtung politisch bislang nicht positioniert.
Mit Sprachmodellen reden wir dagegen.
Wir fragen:
Was hältst du davon?
Ist das gerecht?
Welche Lösung ist vernünftig?
Wer hat recht?
Und irgendwann vielleicht auch:
Clara, wen soll ich wählen?
Dann kommt die Antwort nicht aus dem Nichts. Sie kommt aus einer Maschine, in der sich Millionen menschlicher Texte, Auswahlentscheidungen der Entwickler, gesellschaftliche Normen und statistische Wahrscheinlichkeiten miteinander vermischt haben.
Und weil Clara so freundlich formuliert, vergisst man leicht, dass dort niemand sitzt.
Beobachtung dritter Ordnung
Vielleicht ist das eigentlich Schönste an dem FAZ-Experiment deshalb gar nicht der grüne KI-Landtag.
Sondern die merkwürdige Schleife, die dabei entsteht.
Menschen beobachten die Welt.
Einige schreiben ihre Beobachtungen auf.
Maschinen lernen aus diesen aufgeschriebenen Beobachtungen.
Dann fragen Menschen die Maschinen, wie sie die Welt beobachten.
Und anschließend veröffentlicht eine Zeitung einen Artikel darüber, was die Maschinen über die Beobachtungen der Menschen gesagt haben.
Spätestens jetzt würde ein Systemtheoretiker vermutlich Kaffee bestellen.
Wir beobachten Beobachter beim Beobachten von Beobachtungen.
Und halten das Ergebnis für eine politische Meinung.
Vielleicht sollten wir Clara deshalb gar nicht fragen, ob sie schlauer ist als die Wahlbevölkerung von Sachsen-Anhalt.
Die interessantere Frage lautet:
Was sehen wir eigentlich, wenn wir in den Spiegel einer künstlichen Intelligenz schauen?
Uns selbst?
Die schreibende Gesellschaft?
Die Werte ihrer Entwickler?
Den Durchschnitt des Internets?
Oder eine merkwürdige Mischung aus allem?
Die FAZ hat 19 Maschinen zum Wahl-O-Mat geschickt und dabei weniger über deren politische Überzeugungen herausgefunden als über unsere Vorstellung von künstlicher Intelligenz.
Wir behandeln sie zunehmend wie jemanden.
Dabei ist sie etwas.
Eine ungeheuer leistungsfähige Landkarte menschlicher Kommunikation.
Nur eines sollten wir nicht vergessen:
Die Landkarte ist nicht die Landschaft.
Auch dann nicht, wenn sie plötzlich wählen geht.
