Die eine Sorte, die ich kenne

Ich wollte nur mal eben Pilze suchen.

„Mal eben“ ist eine Zeitangabe, die in Beziehungen unterschiedlich ausgelegt wird. Ich meine damit: Ich gehe kurz ins Gebüsch und schaue nach. Jutta versteht darunter: Jetzt steht sie wieder am Wegesrand, während ich im Unterholz verschwinde. Anschließend muss sie womöglich etwas essen, das ich dort gefunden habe.

Dieser Wald auf dem Darß kann Pilze. Vor ein paar Jahren habe ich hier köstliche Mahlzeiten gesammelt. Und überlebt. Ich halte das für einen Erfahrungswert. Jutta findet die Datenlage dünn.

Zugegeben: Meine Pilzkenntnisse sind rudimentär. Deshalb suche ich gezielt nach der einen Sorte, die ich kenne. Meines Wissens ohne bösen Zwilling. Wobei „meines Wissens“ vermutlich genau der Teil des Satzes ist, der Jutta beunruhigt. Also rein ins Gebüsch.

Pilze gibt es reichlich. Kleine, große, dicke, dünne. Ein beeindruckendes Angebot, nur die von mir gesuchte Sorte fehlt. Ich gehe ein Stück weiter. Noch ein Stück. Am Wegesrand wartet eine Frau, deren Begeisterung für meine Suche schon zu Beginn überschaubar war. Das weiß ich auch zwischen den Bäumen.

Dann liegt da dieses Geweih.

Eine gewaltige Stange, sauber abgeworfen. Kein Hirsch dran. Ich hebe sie auf und bin augenblicklich ein erfolgreicher Sammler. Mein erster Gedanke: Wo ist die andere Hälfte?

Das muss man sich mal vorstellen. Da schenkt mir der Wald ein halbes Geweih, und ich prüfe sofort die Vollständigkeit der Lieferung. Ich schaue mich um. Nichts.

Mein zweiter Gedanke gilt Jutta. Ich kann sie jetzt wirklich nicht noch länger da stehen lassen. Also zurück zum Weg, das Fundstück in der Hand. Sie lacht.

Ich hatte auf einen anderen Empfang gehofft. Ein wenig Staunen vielleicht. Anerkennung für den aufmerksamen Naturfreund, der soeben etwas Außergewöhnliches entdeckt hat.

„Was willst du denn damit?“

Eine Frage, die einen stolzen Finder empfindlich treffen kann. Zumal er selbst noch keine Antwort hat. Muss man denn für alles schon eine Verwendung wissen, bevor man sich darüber freuen darf?

Zunächst stellt sich ohnehin die Transportfrage. Wir sind mit den Fahrrädern unterwegs. Das Geweih kommt auf den Gepäckträger und sieht dort sehr nach Geweih aus. Mir wäre auf der Rückfahrt eine etwas unauffälligere Trophäe recht gewesen. Ich sehe mich bereits am Wegesrand stehen und einem gestrengen Menschen erklären, dass der zugehörige Hirsch sein Geweih freiwillig abgegeben hat.

Jutta beschäftigt eine andere Frage. „Das kommt aber nicht ins Wohnzimmer.“

Niemals. Sie kennt mich doch. Wobei sie mich offenbar gut genug kennt, um die Frage vorsorglich zu klären.

Vielleicht hänge ich es im Garten an einen Baum. Als Vogelfuttergarderobe. Meisenknödel an den Enden, darunter reger Betrieb. Das wäre doch eine angemessene Verwendung für so ein stattliches Fundstück.

Aber auch ohne Meisenknödel: Es ist meine Trophäe.

Pilze gibt es an diesem Abend keine. Jutta nimmt es mit Fassung.

Sonst ist es ruhig hier. Keine Geschichten.

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