Ein Science Slam mit Studierenden, junges Publikum, junges Format. Eine Einladung „meiner“ Stipendiaten, deren Vertrauensmensch ich sein darf. Thema: Generationengerechtigkeit, Staatsverschuldung. Was als unterhaltsamer Abend begann, wurde für mich ein Moment der Erinnerung – und des Aufbruchs.
Denn irgendwann war er plötzlich wieder da: Alois. So nannte meine innere Stimme ihn. Mein alter VWL-Professor, Finanzwissenschaftler. Einer der wenigen, von dem ich etwas gelernt habe, was nicht schon mit dem Examen verdunstet ist.
Erinnerungen an einen Ökonomen, der anders war
Alois Oberhauser lehrte Finanzwissenschaft in Freiburg, einem Ort, wo sich die sogenannte „Freiburger Schule“ damals und traditionell in marktkonformen Glaubensbekenntnissen und mathematischem Gleichgewichtsformeln sonnte. Doch Alois war anders.
Er sprach nicht vom Markt wie von einer Naturgewalt. Er sprach vom Wirtschaftskreislauf. Er dachte in Strömen, nicht in Salden.
Nicht mathematisch-betongrau, nicht gleichgewichtsverliebt, ein Kreislauf-Denker, ein Beobachter des Realen, einer, der Wirtschaft als lebendigen Organismus begriff, nicht als Modell mit perfekten Märkten und rationalen Zombies. Er hatte eine einfache Regel: „Was einer ausgibt, ist des anderen Einnahme.“ Und: „Staatsverschuldung ist kein moralisches Defizit, sondern ein Werkzeug, dessen Wirkung politisch gesteuert werden muss.“
Eine Stimme, die blieb – auch Jahrzehnte später, immer dann, wenn Wirtschaftsnachrichten bei mir kopfschüttelnde Erinnerungen wecken. Sein unvergessener Kernsatz: „Geld vernebelt die Betrachtung ökonomischer Zusammenhänge. Was letztlich zählt ist ausschließlich die Realwirtschaft.“
Ich hatte die Ökonomie nach dem Studium hinter mir gelassen. Zu weit weg von der Wirklichkeit. Zu glatt, zu steril, zu selbstverliebt.
Doch da, auf dieser Slam-Bühne, kam sie wieder hoch: Die Erinnerung an eine Ökonomie, die nicht mit Dogmen arbeitet, sondern mit offenem Blick.
Und mit einem tiefen Verständnis für das, was heute oft vergessen wird:
Geld fließt nicht von allein. Und Vertrauen ist kein Gleichgewichtszustand.
Die politische Gegenwart: Sparen, bis der Kitt reißt
Heute regiert ein Denken, das sich für vernünftig hält, weil es die schwarzen Zahlen liebt. Doch die Bilanz des Landes sieht anders aus:
- Bröckelnde Schulen
- Stillstehende Bahnen
- Verlorene Zuversicht
Und dann heißt es: „Wir können uns das nicht leisten.“ Weil da eine Zahl im Grundgesetz steht. Eine Zahl, die man Schuldenbremse nennt. Seit kurzem, nach ideologischem Wahlkampfgetöse, halbherzig aufgeweicht durch das Unwort „Sondervermögen“, dessen Umsetzung obendrein mit Buchhaltertaschenspielertricks zum Stopfen von Haushaltslöchern missbraucht wird. Die vorherrschende Nationalökonomie gleicht mehr einer fiskalische Heilslehre als wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Der Matratzenfonds – Symbol einer kopfstehenden Logik
Ich hab beim Slam gefragt:
„Wollt ihr wissen, was passiert, wenn ein Staat mit Haushaltsüberschüssen
seine Schulden tilgt, statt zu investieren?“ Das hatten wir, ist noch gar nicht so lange her.
Ganz einfach: Er stopft das Geld in einen Matratzenfonds. Ein Fonds, der Schuldenfreiheit sichern soll – während draußen die Infrastruktur rostet, die Kinder in Containern lernen und der Bus nur noch an jedem zweiten Dienstag fährt.
„Sparen für den Matratzenfonds“ – das ist, wie wenn du dein Wohnzimmer verfallen lässt, um irgendwann mal eine Designer-Couch zu kaufen, die du dann auf nacktem Estrich aufstellst.“
OK, das hatten wir. Doch heute ist es nur halbherzig anders.
Der falsche Konflikt: Alt gegen Jung?
In dieser politischen Erzählung sind es die Alten, die angeblich auf Kosten der Jungen leben. Ein Schuldenberg, der Enkel zerdrückt. Ein Häuschen, das längst verprasst wurde.
Doch das stimmt nicht, es ist ideologisierter Unsinn. Die wahre Ungerechtigkeit verläuft nicht zwischen Generationen. Sondern zwischen oben und unten, zwischen reich und weniger reich. Das Wort „arm“ spare ich mir, das soll den wirklich Armen auf der Welt vorbehalten bleiben.
Jedem Schuldner steht ein Gläubiger gegenüber. Staatsschulden sind private Vermögen. Und wer „Schuldenabbau“ fordert, meint in Wahrheit oft:
„Ich will meine Zinsen sicher – aber bitte auf Kosten der öffentlichen Daseinsvorsorge.“
Was wir brauchen: Eine Renaissance der ökonomischen Vernunft
Wir brauchen keine Haushaltsmythen, sondern einen Staat, der endlich wieder Zukunft gestaltet.
Wir brauchen eine Ökonomie, die nicht in Gleichgewichten träumt, sondern in Dynamiken denkt.
Wir brauchen politische Führung, die nicht fragt:
„Was dürfen wir uns leisten?“
sondern: „Was müssen wir investieren, damit morgen überhaupt noch jemand was hat?“
Alois, sag was!
„Investieren heißt, an morgen zu glauben.
Sparen heißt, auf morgen zu verzichten.“
So hätte es Alois gesagt. Und vielleicht sagt er es ja gerade – durch mich, durch diesen Text, durch einen Zwischenruf, der mehr ist als persönliche Erinnerung:
Eine Einladung, neu zu denken. Wirtschaftlich. Politisch. Menschlich.
Ende der Ausgaben.
Anfang der Investition
Wenn du nur für andere produzierst, bist du deren Dienstleister.
Wenn du nicht selbst investierst, wirst du abhängig.
Und wenn du das auch noch für eine Tugend hältst –
dann brauchst du keine Schuldenbremse, sondern eine Denkpause.
