Das Besondere liegt dazwischen

Wir sind es gewohnt, uns die Dinge genau anzuschauen. Der Blick richtet sich gewöhnlich auf Personen (real oder wie auf dem Bild oben), auf Produkte, Abteilungen, Kunden. Ist es das, was die Dinge ausmacht? Was macht das spannende Prickeln zwischen Personen, Kunden und Produkten oder zwischen Vertrieb und Produktion aus? Die Dinge oder die Personen selbst sind es offensichtlich nicht.

Es ist vielmehr das, was zwischen den Dingen oder Personen geschieht. Schauen wir auf das, was verbindet, welche Operationen stattfinden, oder ganz neuzeitlich ausgedrückt: wie die Vernetzung beschaffen ist. Dort spielt die Musik, dort wird erkennbar, was der oder das Einzelne nicht auszudrücken vermag. Was passiert zwischen dem Verkäufer und dem Kunden? Was macht eine gute Problemlösung aus? Niemals diese „Lösung an sich“, es ist immer die Resonanz, die sie bei einem bestimmten Betrachter auslöst. Mit anderen Worten: die Lösung entsteht in dem Raum zwischen dem Angebot und den Erwartungen und Bedürfnissen des potentiellen Kunden. Entscheidend ist die Interaktion, nicht das Angebot oder der Kunde.

In sozialen Systemen nennen wir diese interagierenden Operationen Kommunikation. Sie bestimmt das Geschehen und nicht, welche Gedanken, Absichten oder Vorgeschichten die Beteiligten mit sich herumtragen.

Diese Betrachtungsweise ist nützlich für ein besseres Verständnis, wie die Dinge funktionieren. Wenn wir den Blick von Personen und Dingen abwenden und betrachten, was sie verbindet landen wir bei den für das System wirklich relevanten Betrachtungsweisen. Die Qualität eines Produktes misst sich nicht in ihrer technischen Beschaffenheit und funktionalen Spezifikationen. Die können noch so gut von den Produktstrategen ausgetüftelt worden sein. Wenn es nicht „funkt“, geschieht nichts. Gut, wenn Techniker, Produzenten und Verkäufer sich Gedanken darüber machen, wie und welche Resonanz sie erzeugen müssen, um aus einer Idee einen Erfolg zu machen. Das hat eine andere Qualität, als die „Produktbeschaffenheit an sich“.

Ein anderes Beispiel ist das Lernen. Stellen wir uns vor, wir müssen uns in ein neues und kompliziertes Aufgabenfeld einarbeiten. Das dauert meistens lange. Die beste Idee dies zu beschleunigen: Den Lernenden mit Kollegen, Kunden in ein gemeinsames Arbeitsumfeld und in Austausch miteinander zu bringen. Resonanz fördert Tempo und Qualität des Lernens.

Noch ein Beispiel: Die Betrachtung der Interaktionen ist auch bei Spannungen und Konflikten hilfreich. Statt die Personen als Problem zu diagnostizieren und diese – meist vergeblich – zu verändern versuchen, ist es besser, ihre Handlungsmuster zu beschreiben und bei diesen mal was Neues zu probieren. Interaktionen sind leichter und wirksamer zu verändern als Menschen.

Also kümmern wir uns mehr um das „dazwischen“ als um die Dinge selbst. Das gibt völlig neue Einblicke und Chancen für Erfahrungserlebnisse.

Eine abschließende Bemerkung über das zur Illustration gewählte Bild. Zwei Frauen, eine davon unbekleidet, veranstalten mit ihren Liebhabern ein Picknick. Dies war ein gewagtes, ein geradezu unverschämtes Motiv für das Jahr 1863. Nicht wegen der figürlichen Darstellung. Der ursprünglich von Manet ersonnene Titel La Partie carée (sinngemäß ‚Der flotte Vierer‘) macht die Absicht, die das Werk ausdrückt, noch deutlicher. Es konnte deshalb auf einer Ausstellung des Pariser Salon nicht gezeigt werden, bis Napoleon III dafür sorgte, dass abgelehnte Bilder in einer Sonderausstellung trotzdem an die Öffentlichkeit gelangten. Wir sehen auch hier: nicht die Darstellung der Personen an sich war anstößig, sondern das (vermutlich) zwischen ihnen liegende.(Über das Kunstwerk siehe hier).

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