Bild: Arnaud Mariat @unsplash
Kleine physikalisch-philosophische Verunsicherungen
Es gibt Bücher, die liest man, um etwas zu lernen.
Und es gibt Bücher, die machen etwas viel Gefährlicheres: Sie bringen einen ins Grübeln.
Gerd Ganteför hat mich ins Grübeln gebracht.
Dabei ist die Ausgangslage eigentlich unerquicklich. Ich habe von Physik ungefähr so viel Ahnung wie der Giersch im Garten von Steuerrecht. Formeln lösen bei mir dieselbe Begeisterung aus wie ein Zahnarzttermin ohne Betäubung. Und trotzdem sitze ich plötzlich da und denke über Quantenphysik, Entropie, Information und den Urknall nach. Wie konnte das passieren?
Vielleicht, weil Ganteför kein Physikbuch geschrieben hat.
Jedenfalls nicht nur. Die Physik ist eher Bühne als Hauptfigur.“
Eigentlich schreibt er über Weltbilder. Über die seltsame menschliche Sehnsucht, den Ursprung der Welt entweder im Wirken eines allmächtigen Gottes mit Rauschebart oder den Gesetzmäßigkeiten einer gigantischen Dampfmaschine zu verorten.
Beides erscheint ihm zu schlicht.
Genau da wird es interessant.
Denn die moderne Physik, so lerne ich verblüfft, scheint keineswegs der triumphale Siegeszug endgültiger Wahrheiten zu sein, als den wir Laien sie oft betrachten. Eher wirkt sie wie ein riesiges Gebäude voller Provisorien, Flicken, ungelöster Fragen und hochintelligenter Verzweiflung.
Dunkle Materie.
Dunkle Energie.
Quantenphänomene, die aussehen, als hätte jemand im Universum heimlich die Bedienungsanleitung ausgetauscht.
Je tiefer die Physik schaut, desto fremder wird offenbar die Welt.
Das hat mich überrascht. Ehrlich gesagt, mehr noch hat es mich beruhigt.
Denn ich lebe in einer Zeit maximaler Vereinfachung. Alles wird sofort einsortiert. Wissenschaft oder Esoterik. Rationalität oder Glaube. Wahrheit oder Schwurbelei. Die sozialen Medien funktionieren wie gigantische Sortiermaschinen für Gewissheiten, Schein-Gewissheiten, Fakes oder absurde Verschwörungstheorien.
Ganteför tut etwas anderes.
Er zweifelt öffentlich.
Das ist heutzutage beinahe schon subversiv.
Besonders hängen geblieben ist bei mir sein Bild vom Hund in der Bibliothek. Wir wissen von der Welt und unserem Universum ungefähr so viel wie ein Hund in der British Library. Der kann Bücher beschnuppern, darauf liegen oder sie anknabbern. Aber er versteht vermutlich nicht, was ein Buch eigentlich ist. Schon gar nicht, was in dem Buch drinsteht.
Und Ganteför stellt die unangenehme Frage: Stehen wir Menschen dem Universum vielleicht ähnlich gegenüber?
Das ist ein wunderbarer Gedanke.
Der demütig macht. Was uns vielleicht öfter mal gut zu Gesicht steht.
Vielleicht halten wir unsere Modelle für die Wirklichkeit. Vielleicht verstehen wir nur winzige Ausschnitte eines Zusammenhangs, der unsere Vorstellungskraft komplett überfordert. Vielleicht benehmen wir uns wie Leute, die mit einer Taschenlampe durch eine Kathedrale laufen und anschließend behaupten, sie hätten das Gebäude vollständig erfasst.
Was mich an Ganteför fasziniert, ist dabei weniger seine Physik als seine Haltung.
Da sitzt kein Priester der Wissenschaft mit erhobenem Zeigefinger auf der Kanzel. Ich sehe vielmehr einen Physiker, der sichtbar Respekt vor der Fremdheit der Welt entwickelt hat. Einer, der irgendwann merkt, dass die Wirklichkeit sich nicht vollständig in mechanische Modelle pressen lässt.
Das Universum ist nicht geistlos, sagt er.
Wer jetzt wieder Engel durchs Weltall flattern sieht oder hinter jedem schwarzen Loch einen kosmischen Hausmeister mit Phasenprüfer und Schraubendreher-Set vermutet, der irrt gewaltig. Ein großer Geist und Physiker bekennt voller Demut: Die Wirklichkeit könnte tiefer, intelligenter und merkwürdiger sein, als unsere bekannten Kategorien erfassen.
Und plötzlich wird Physik philosophisch.
Vielleicht sogar existenziell.
Denn wenn die Welt keine tote Maschine ist, verändert sich auch der Blick auf uns selbst. Auf Bewusstsein. Auf Leben. Auf Sinn. Auf Zufall. Auf Freiheit. Auf die merkwürdige Tatsache, dass das Universum irgendwann begonnen hat, über sich selbst nachzudenken — in Gestalt einiger Primaten auf einem durchschnittlichen Planeten, wie es wahrscheinlich unzählige ähnliche gibt.
Ich musste beim Lesen mehrfach schmunzeln. Wenn Ganteför über die „Dampfmaschinenvorstellung“ des Universums spricht. Über die „Flicken“ der modernen Kosmologie. Über Godzilla und verletzte Energieerhaltungssätze. Oder über die deutsche Lust am Weltuntergang.
Überhaupt scheint Humor eine unterschätzte Erkenntnisform zu sein. Menschen ohne Humor wirken auf mich zunehmend wie schlecht belüftete Gewissheitssysteme.
Vielleicht ist das auch mein eigentlicher Gewinn aus diesem Buch:
Nicht neue Antworten. Sondern bessere Fragen. Gewaltige Fragen, die sehr tief reichen. Wir leben offensichtlich ohne die Antworten ganz passabel. Das ändert sich aber schlagartig, wenn wir aufhören, nach Antworten zu suchen. Das Universum ist unerbittlich, es schreitet auf breiter Front zu höherer Komplexität. Stillstand ist im Universum offenbar keine stabile Kategorie, natürliches Gleichgewicht ist eine Illusion. Leben existiert nur in Systemen des Ungleichgewichts. Nur zur Klarstellung: diese Denkweise unterscheidet sich fundamental von den Wachstumsfantasien, die wir aus Politik und Wirtschaft kennen. Das sind zwei völlig verschiedene Zusammenhänge.
Ich verstehe nach der Lektüre nicht mehr vom Universum als vorher. Wahrscheinlich sogar weniger. Aber ich verstehe besser, wie seltsam diese Wirklichkeit eigentlich ist. Und wie schnell Menschen dazu neigen, das Fremde in banale Bilder zu verwandeln.
Den alten Mann mit Bart.
Oder die Dampfmaschine.
Vielleicht beginnen Erkenntnis und Bildung genau dort, wo einfache Bilder nicht mehr reichen. Information ist eine ähnlich fundamentale Größe wie Energie und Entropie, sie ist, so eine der Kernhypothesen des Buches, möglicherweise fundamentaler als Materie.
Es gibt vieles, was wir nicht erklären können, Widersprüche und offene Fragen. Vielleicht trägt sogar jeder Stein bereits eine Geschichte seiner eigenen Ordnung in sich. Biologische Evolution ist nur ein Spezialfall des allgemeinen Gesetzes der Entwicklung zu höherer Komplexität. Evolution und Information lassen sich nicht allein in der belebten Natur beobachten, die moderne Physik erklärt auch Veränderungen der unbelebten Natur damit.
Vielleicht besteht Weisheit nicht darin, die Welt endgültig zu erklären. Sondern die Fähigkeit zu behalten, über sie zu staunen. Selbst dann, wenn man Physik nie wirklich verstanden hat.
Vielleicht ist das der eigentliche Wert guter Bücher: sie machen die Welt wieder geheimnisvoller. Wir können intelligent sein, ohne endgültige Antworten zu haben.
Persönliche Nachbemerkung: Mal ganz vorsichtig formuliert liegt darin vielleicht ein stilles Privileg des Älterwerdens
- nicht alles kontrollieren zu müssen,
- nicht jede Ambivalenz auflösen zu wollen
- und nicht jede Unsicherheit mit irgendeiner Ideologie zuzuschütten.
Zweifel sind keine Schwäche, Staunen ist etwas völlig anderes als Esoterik, Komplexität ist nützlich, sofern man ihre Bedingungen akzeptiert.
