Die Innovation, die aus der Garage kam …

W. A. Bouguereau: Orestes und die Erinyen (1862); (Ausschnitt)

Vor ungefähr 10 Jahren hab ich zum ersten mal von dieser Praxis in einem großen DAX-Konzern gehört. Heute wird sie allgemein von führenden (das sind nicht unbedingt die Besten) Beratern empfohlen. Bist Du Manager in einem innovationsfeindlichen Unternehmen, das jedes zarte Veränderungspflänzchen im Keim erstickt, so suche die fehlende Innovation außerhalb des Firmenzauns: Kaufe junge Unternehmen auf oder gründe ein „Lab“, bevorzugt in einer „hippen“ Gegend. Dann werden Ideen von außen die träge Organisation befruchten, und sie aus der Dürre der Ideenwüste zu Märkten von Milch und Honig führen. Bevorzugt werden Garagen als Geburtsstätte von Innovationen gesehen: Maria und Josef mussten mit dem Stall Vorlieb nehmen, Bill Gates, Steve Jobs sowie die Erfinder von HP und Google legten in Garagen den Grundstein für ihre Innovationen. Warum denn nicht wir?

Es gab schon immer verrückte Ideen. Bis heute hält sich in manchen gar nicht weit entfernten Regionen der Welt der Aberglaube, dass etwas geriebenes Horn des Nashorns die Potenz erhöht. Es gibt Superdiäten, ultimative Ratschläge für erweitertes Bewusstsein und andere mystische Bewegungen, die aufgeklärte Menschen sprachlos machen. Es kommt sogar vor, dass Experten uns Dinge anraten, von denen der gesunde Menschenverstand Abstand nehmen würde. Oder kannst Du Dir etwa ein „Kind des Monats“ in einer Großfamilie vorstellen, das seine Geschwister zum Nacheifern anregt? Oder das Pflichtenheft für die Suche nach einem Lebenspartner? Auf solche Ideen kommst Du privat niemals, in der Firma sind derartige Handlungen noch immer „State of the Art“.

Alles „Cargo-Culte“! Politik, Wissenschaft und Gesellschaft sind voll davon. Mal ganz ehrlich: Was ist denn so Dein ganz persönlicher Cargo-Kult? Cargo-Kult ist, wenn die Symbolkraft einer Handlung ihren eigentlichen Nutzen übersteigt. Als die Amerikaner am Ende des zweiten Weltkriegs vor den Toren Japans die melanesischen Inseln besetzten und dort ihre Militärbasen einrichteten, staunten die Eingeborenen nicht schlecht, als auf den Landebahnen neben den Towern Flugzeuge mit Nahrung, Kleidung und anderem werthaltigen Zeugs landeten. Was liegt also näher, als den Amerikanern nachzueifern. Tower aus Holz, Kopfhörer aus Kokosnüssen, Leuchtfeuer aus Holzresten waren die Utensilien. Wir erkennen sofort, worum es sich handelt, nur: die Wirkung, sie bleibt aus. Bilder sind eindrucksvoller als Worte, siehe also hier. Auf der letzten republica hat Gunter Dueck die Cargo Kulte wieder unterhaltsam in Erinnerung gerufen (hier), die schon seit Jahrzehnten unter diesem Begriff bekannt sind (siehe Feynman 1974 hier).

Klar, wo gute Leute zusammen kommen, entstehen gute Ideen. Doch wo der Vorstand über die Qualität der Idee entscheidet, werden die Leute in den Garagen darüber nachdenken, wie sie den Vorstand überzeugen und anders agieren, als ein echtes Strat-up. Außerdem ist das Signal in die Organisation verheerend: Seht, Ihr schafft das sowieso nicht. Von nun an habt ihr auch auf dem Papier mit Innovation nichts mehr zu tun. Das machen jetzt Bessere als ihr, die dann neidvoll ob ihrer besseren Ausstattung endgültig ausgegrenzt und belächelt werden. Mal ganz abgesehen davon, dass kreativer Geist nicht wie eine Espressomaschine von A nach B transportiert werden kann.

Der direkte Zugang zum Management, ihr Sponsorship für die „Garagisten“ ist gleichfalls eine Fata Morgana. Überall hören wir, dass Neues nur erfolgreich sein kann, wenn die Unternehmensleitung dahintersteht. Hier überlistet sich die Organisation selbst: weil Projekte nicht hoch genug aufgehängt sind, dass sie „oben“ wohlwollend wahrgenommen werden, sollen jetzt Garagenprojekte mit Pseudo-Start-ups so an der Hierarchie vorbei arbeiten, um sie vor der Überstrukturiertheit der Organisation zu beschützen? Das ist wohl eher Wunschdenken als Realität.

Nun versuchen wir doch einmal einem Manager zu erklären, dass seine „Labs“ kaum eine kreative Frischzellenkur für seine verkrusteten Unternehmensstrukturen sein können. Sagen wir ihm doch einfach was es denn wirklich braucht, um Erfolg zu haben. Gar nicht so einfach. Genau so schwierig wäre es, den Melanesier von der Aussichtslosigkeit seiner Landebahn mit Holztower und Bambusantenne zu überzeugen. Denn es geht ja nicht darum, die Form der Kopfhörer ein wenig zu optimieren oder schnell noch neues Methodenwissen in die Runde zu bringen. Was fehlt ist ein Konzept, ein Prinzip des Denkens, das allen Cargo-Kult-Vorgehensweisen fehlt: Man darf sich nicht selbst betrügen: Du selbst bist die Person, die sich am leichtesten betrügen lässt.

Aus der Perspektive der Komplexitätswissenschaft fällt Prof. Stacey (Herfortshire) ein vernichtendes Urteil: Trotz aller rationellen, analytischen Techniken, Umfeldbeobachtung und internen Ressourcenanalysen, trotz der Visionen, Inspirationen und Charismen, trotz der Entwicklung lernender Organisationen und Wissensmanagementsysteme, trotz des Umstands, dass die meisten Topmanager in Businessschulen ausgebildet wurden, dass trotz alldem Manager, Berater, Politiker und Entscheidungsträger einfach nicht wissen, was gegenwärtig passiert, geschweige denn, was in Folge ihres Tuns oder Nicht-Tuns passieren könnte. Es ist ein Fakt, dass die Organisations- und Managementwissenschaften keine Wissenschaften sondern wissenschaftliche Kaiser ohne Kleider sind. Wenn wir auf die Geschichte der Allianz zwischen Management und Wissenschaft schauen, finden wir, dass ihr Ursprung wenig mit der effektiven Anwendung der wissenschaftlichen Methode auf Organisationen zu tun hat, sondern vielmehr mit den Versuchen der neuen Managerklasse, die im 19-ten Jahrhundert entstand, sich selbst als Beruf zu legitimieren …“

Was also ist zu tun, um Innovationen in verkrusteten Organisationen aufzubrechen? Nun, es wird nichts anderes bleiben, als an die verkrustete Organisation heranzugehen und sie aufzubrechen. Sie müssen herausfinden, was Innovationen verhindert. Was dann zu tun ist, kann niemand aus der Ferne beurteilen, dazu gibt es keine Fertigrezepte. Nichts garantiert Innovation, aber sehr wohl lassen sich Rahmenbedingungen beschreiben, unter denen sie sicher nicht oder mit hoher Wahrscheinlichkeit entstehen kann. Daran muss jeder in seinem Unternehmen arbeiten. Gute Berater können durch gute Fragen dabei unterstützen. Gute Leute gibt es in jedem Unternehmen. Sie müssen nur zu Wort kommen.

Orestes und die Erinyen haben mich zu diesen Gedanken inspiriert. In einem verwickelten Familiendrama (hier) ermordet Orest die eigene Mutter. Die Rachegöttinnen bedrängen ihn und fordern Sühne, doch auch die Götter untereinander sind uneins und in die verzwickte Angelegenheit verstrickt. Die Göttin Athene schließlich macht als „deus ex machina“ überraschend eine Lösung möglich, zu der die handelnden Personen allein nicht fähig waren. Die unerwartete „Lösung von außen“ klappt bei Göttern also gelegentlich. Sie lässt sich allerdings nicht universell übertragen. Das ist Komplexität live.

Bei den Göttern mögen die Wunder von außen eine planbare Größe sein; doch Garagen sind keine Götter und in ihnen herrschen keine himmlischen Gesetze, sondern der Alltag der Überraschungen, keine Rezepte.

 

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Stefan Wehmeier
3 Jahre zuvor

Manche mögen sich über die Melanesier lustig machen – und sind wenig erfreut, wenn man sich über sie lustig macht, denn die ganze halbwegs zivilisierte Menschheit befindet sich ebenfalls in einem Cargo-Kult. Allerdings ist das schwer zu erkennen, denn bei einem globalen Cargo-Kult gibt es keinen Beobachter von außen. Ich selbst wurde im Jahr 2007 zu einem äußeren Beobachter, und wenn Jesus von Nazareth im Jahr 33 gekreuzigt wurde (dass in der Zwischenzeit die Cargo-Kult-Bewohner nicht einmal die Jahre richtig zählen konnten, soll hier nicht interessieren), war der Cargo-Kult über 1974 Jahre nicht als ein solcher zu erkennen. Das unter… Weiterlesen »

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