Dumm macht schlau!

 

Pu der Bär und Christopher Robin; Repro einer handcolorierten Druckgrafik von E. A. Shepard (1970)

 

Es ist mal wieder Zeit für PuBär, meinen Freud und Partner (siehe auch hierhier und hier). Ja, wir mögen uns, wir sind ein großartiges Team. Wir fühlen uns wohl in der Rolle des Antihelden, die lässt uns den Raum, Dinge auch mal ganz anders zu denken und zu leben. Dieser Raum befindet sich irgendwo zwischen dem Biotop im Hundertsechzigmorgenwald und den Soziotopen verschiedenster sozialer Systeme. Richtig, genau da, wo wir uns letztes Mal begegnet sind.

Heute geht es uns um den Verstand. Christopher Robin nennt Pu gelegentlich einen dummen alten Bären, Pu selbst behauptet kokett, ein Bär mit geringem Verstand zu sein. Ein Held für Groß und Klein der dumm dasteht? Schon sind wir wieder bei paradoxen Geschichten. Ist es schlau, dumm zu sein? Zumindest gelegentlich, so meint der Volksmund: Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, viel schwerer wär das andersrum. Und was für Schlaufüchse gilt, wird auch für Bären nicht ganz verkehrt sein, oder? Mal outside der Skinner-Box gedacht, so ganz unter uns: kann weniger Verstand selbst für unsereiner bedeutsam sein?

Denken hat Tradition, der Zweifel war schon immer sein siamesischer Zwilling. Descartes Grundsatz „Ich denke, also bin ich“ begründet den Zweifel als Bedingung des Denkens und daraus resultierender Erkenntnis. Das war in der Zeit der Aufklärung, als unsere Vorfahren klerikalen Weltbildern abschworen und den Weg der Gestirne und ihr Leben mit wissenschaftlichen Argumenten verstehen wollten. Das Prinzip „Verstand und Vernunft“ war für Jahrhunderte Grundsatz für Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Nicht dass das falsch wäre, bitte nicht falsch verstehen. Aber Paradoxes wäre nicht so hinterhältig, wenn es da nicht noch eine andere Seite geben würde. Es gibt eigentlich immer eine mehr als man denkt. Widerspricht Descartes dem alten Sokrates, der die Weisheit des Nicht-Wissens („Ich weiß, dass ich nichts weiß.“) hervorhebt? Was stimmt denn nun? Noch wichtiger: Was kann uns das sagen? Oder sollten wir uns statt mit philosophischem Kram lieber mit Honig beschäftigen?

Der Anspruch, unser Wissen und unsere Überzeugungen für unumstößlich richtig zu halten kann in intellektuelle Arroganz umschlagen. Diese Vorstellung ist hinderlich für adäquaten Umgang mit einem Problem. Wir suchen reflexhaft nach Lösung, am Besten nach der einzig richtigen und allerbesten. Dieses Verhalten hat seine Wurzeln in dem Denken, dass Wissen die Welt beherrscht und letztlich alles eine Frage des Verstandes ist. Wo es um Wissen geht, ist wenig Verstand eindeutig und entscheidend ein Nachteil. Der wiegt heute vielleicht nicht mehr ganz so schwer wie zu Descartes Zeiten, bietet uns doch allein das Internet reichlich Quellen für Information und Wissen.

Schädlich wird Wissen allerdings, wenn es nur in unserem Glauben, aber nicht wirklich vorhanden ist. Das führt entweder zu Fehlern, wenn es den unbekannten aber richtigen Weg tatsächlich gibt. Oder zu Irrtümern, wenn ein Problem nicht verstanden oder gar nicht vollständig und umfassend zu verstehen ist. Die von uns so reflexhaft geliebten Lösungen oder Maßnahmen wirken nämlich nur dann, wenn ein Problem wirklich wirklich wirklich verstanden ist! In einer komplexen Welt können wir niemals alle Zusammenhänge vollständig erkennen und verstehen.

Wenn man nicht genau weiß, braucht es Ideen. Ideen sind die Vorform einer Erkenntnis. Ideen gibt es viele, nicht jede kann ausprobiert werden. Theorie kann helfen, aus einem Ideenpool „Schnapsideen“ herauszufiltern und zu verwerfen. Bloß, wo kommen die Ideen her? Dafür gibt es sicher viele Möglichkeiten, angeblich werden bei Waldspaziergängen mehr Ideen entwickelt als bei Brainstormings. Doch selbst Waldspaziergänge erzwingen Ideen nicht.

Eine notwendige Bedingung für Ideen gibt es allerdings: Das Weglassen von Maßnahmen und Lösungen. Erkenntnisse und brauchbare Ideen entstehen nur durch konsequenten und nachdrücklichen Verzicht auf alles, was nach „Action Points“ oder „ToDo-Liste“ aussieht. Nicht verstandene Probleme sind unlösbar!!! Erst einmal verstehen lernen und demütig die Größe und Vertracktheit des Problems respektieren, um mit ihm in einen Dialog auf Augenhöhe zu treten. Höchstens Augenhöhe, zumeist sind wir und unser Verstand kleiner als das vor uns liegende Problem. So gesehen kann es ganz schön klug sein, seinen Verstand zu zügeln. Oder Nicht-Experten zu befragen. Oder sich ganz dumm und unbefangen einem Problem zu stellen, um mehr darüber zu lernen. Dafür gibt es sogar extra ein Workshop-Format, genannt „kastrierter Workshop“. Das braucht viel Übung, denn es ist ganz schön schwer, etwas einfach wegzulassen, was andauernd im Job von einem gefordert wird: den Maßnahmenreflex. Wie das geht? Ganz einfach, aber schwer zu machen: Fragen, Verstehen, Nachfragen, genau Verstehen, Hypothesen austauschen, Vermuten, Kohärenz erörtern, Streiten, Debattieren, mal was probieren, ……

Intelligenz erzeugt Erwartungen. Wo diese enttäuscht werden, entsteht Irritation. Die bringt einen wieder auf Ideen. Ganz schön schlau, dieser kleine Bär mit dem geringen Verstand.

 

 

 

 

 

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