Expotition via Nordstern zum Nordpohl

Weißt Du, wo Du hin willst? Ich meine nicht im nächsten Urlaub, sondern überhaupt so. Ziele gelten nach wie vor als wichtige Orientierung für das Leben. Das Management schwört auf ihre Unverzichtbarkeit für Motivation und Orientierung.

„Wie, Du hast keine Ziele? Du kannst doch nicht jeden Tag so einfach vor Dich hin …..?!“ So wie simplizistisch das Gegenteil von Ordnung nur das gefürchtete Chaos sein kann (siehe dazu hier) müssen klare Ziele her, damit wir nicht einfach nur so gedankenlos vor uns hinwerkeln.

Regelmäßige Leser meines Blog haben an der Illustration schon erkannt, dass es mal wieder Zeit für meinen Freund und Partner PuBär ist, mit einer Geschichte aufklärerisch zur Seite zu stehen (siehe auch hier und hier). In der Geschichte erfährt Pu („Singt Ho! der Bär soll leben!“) von Chrostopher Robin, dass es auf eine Expedition gehen soll.

„Auf eine Expotition?“ sagt Pu eifrig. „Ich glaube auf sowas war ich noch nie. Wohin müssen wir denn, um auf diese Expotition zu kommen?“

„Expedition, dummer alter Bär. Da ist ein ‚x‘ drin.“

„Ach“, sagte Pu. „Ich weiß.“ Aber das stimmte eigentlich gar nicht. 

„Wir werden den Nordpohl entdecken!“

„Ach“, sagte Pu wieder. „Was ist der Nordpohl?“, fragte er. 

„Das ist eben etwas, was man entdeckt“, sagte Christopher Robin leichthin, denn genau wusste er es auch nicht.

„Ach! Verstehe“, sagte Pu.“

Nachdem alle Freunde zusammengetrommelt sind geht es los. Christoper Robin hat das Kommando, alle schwätzen durcheinander und Pu dichtet schweigsam eine Hymne auf die Expotition. Natürlich müssen Hinterhalte befürchtet werden, während einer Rast versucht der Expeditionsleiter diskret von Kaninchen zu erfahren, was der Nordpol eigentlich sei. Doch alle reden um den heißen Brei herum und kommen zu dem Resultat, dass der Nordpol ein Pfahl sein müsse (eine leider nur unzulänglich zu übersetzende sprachliche Feinheit: das englische „pole“ kann als „Pol“ oder „Pfahl“ übersetzt werden). Natürlich passiert so einiges. Klein Ruh fällt ins Wasser, wohlgemeinte Rettungsversuche I-Ahs den Schwanz als Rettungsanker in das Wasser zu halten bleiben nur gut gemeint, bis Pu, unser Bär mit dem kleinen Verstand, einen Pfahl herbeischleppt. Mit dessen Hilfe kann Ruh endlich aus dem Wasser gerettet werden. Zur großen Verwunderung von Pu erklärt Christopher Robin:

„Pu! …, die Expedition ist vorbei. Du hast den Nordpol gefunden!“

Der Pfahl wird in den Boden gesteckt und zur ewigen Erinnerung mit einem Schild beschriftet:

NOTPOHL
ENDTEGT VOHN
PU

Und damit das auch jeder recht versteht fügt Pu hinzu: Pu had in gefuhnden!

Dann gehen alle heim, Pu gönnt sich erst mal einen Honigtopf, um wieder zu Kräften zu kommen.

Soweit die Geschichte. Der Anführer weiß nicht, was er genau will, die Mitreisenden haben weniger Interesse an dem völlig unbekannten Ziel als an Rast und guter Unterhaltung. Kleine Probleme und große Aufgaben werden eher zufällig gelöst und zwar von einem, der nicht so viel Verstand, dafür aber ein großes Herz hat. Der Triumph der Entdeckung des Nordpols und der Versuch seiner feierlichen Inszenierung kommen eher lächerlich daher, so wie das ganze Pläneschmieden. Life ist life, man muss die Dinge so nehmen, wie sie kommen, leben und leben lassen. So sind denn zum Schluss alle zufrieden. Alles wird gut, und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht zu Ende.

Also alles Quatsch, mit den Zielen? Doch rumwursteln, Hauptsache mit Honig? Vor vorschnellen Antworten empfiehlt sich die Klärung einiger Begrifflichkeiten in Anlehnung an die Kollegen Ralf Hildebrand und Gerhard Wohland (siehe hier), die zu unterscheiden bedeutsam ist.

Ziele sind nichts als Hoffnungen auf zukünftige Zustände. Man muss etwas dafür tun. Sie sind allerdings vergänglich, einmal erreicht sind sie schnell vergessen. Sinnvoll sind Ziele nur, wenn sie eine gewisse Halbwertzeit haben ohne Schaden anzurichten. Ziele sind kein Selbstzweck, werden sie nicht regelmäßig überprüft, können sie auf den Holzweg führen. In dynamischen Umfeldern ist der Aufwand, Ziele zu definieren, zu kommunizieren, deren Gültigkeit zu klären sehr hoch. Hier sind Optionen sinnvoller, eine Schublade voller durchdachter Möglichkeiten, die gleichzeitig verfolgt werden. Erfolgreiche haben verstärkte Anstrengungen zu Konsequenz, bei weniger erfolgreichen wird die Handbremse angezogen oder sie werden überhaupt nicht mehr weiter verfolgt.

Wichtig ist der Unterschied zwischen Ziel und Zweck. Ziele kann ich mir aussuchen, einen Zweck kann ich nur konstatieren. Ohne Zweck brauche ich über alles andere gar nicht erst nachzudenken. Der Zweck eines Unternehmens ist der Gewinn. Hier geht es schlicht um das Überleben, nicht darum Gewinn zur Maxime allen Handelns zu machen. Gewinn ist nicht alles, aber auf die Dauer ist ohne Gewinn alles nichts. Die Höhe dieses Gewinns ist kein Ziel, ihn bestimmt weder der Chef, noch die Unternehmensmission, noch die Börse. Ihn bestimmt einzig der Markt, sonst wäre es ja ein Ziel. Der Markt nicht still steht, weil er ständig in Bewegung ist, muss man ab und an mal nachschauen.

Wirtschaft ist freundlich, wenn es dem Unternehmen gut geht. Das mögen wir, wir müssen uns dann nicht weiter damit beschäftigen. Diese Freiheit haben wir allerdings nur, wenn der Zweck erfüllt ist, den das System einfordert. Wir setzen das gerne voraus, klammheimlich. Doch wer mal erlebt hat wie es ist, keinen Gewinn mehr zu machen, der weiß wovon ich rede. Freiheit ist nur da, wo der vom System geforderte Zweck erfüllt wird. Ganz ohne Moral und „Shareholder-Value-Unsinn“.

Das mit den Zielen ist also nicht einfach mit ja oder nein zu beantworten. Wie so oft ist die einzig richtige Antwort: Kommt ganz drauf an.

Da kommt wieder der Gedanke an die wunderbare Pu – Geschichte. Der Leser wird sich in die Welt von Christopher Robin, Pu und ihren Freunden versetzt fühlen und den Zweck der Publikation und der Expedition mitfühlen, unterhaltsame Zeit für Akteure und Leser zu schaffen, sie mit Abenteuern und Metaphern zum Nachdenken anzuregen. Ein armseliges Leben ohne dies. Das mit dem Nordpol als Ziel ist sehr vergänglich und ordnet sich diesem Zweck unter. Wenn die Beteiligten oder sie Situation es erfordern kann Honig plötzlich rasant an Bedeutung gegenüber dem Nordpol gewinnen. Je dynamischer das Umfeld, desto geringer die Bedeutung von Zielen.

 

P.S. Nicht das jemand denkt, mein orthografischer Verstand oder die Autokorrektur wären gestört: die eigenwillige Schreibweise „Nordpohl“ oder die fehlerbehaftete Schilderbeschriftung im Text sind dem Original von Pu dem Bären entnommen und entspringen nicht meinem geringen Verstand. Der Ruhm für diese originelle Schreibweise gebührt nicht mir.

 

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1 Jahr zuvor

[…] ist mal wieder Zeit für PuBär, meinen Freud und Partner (siehe auch hier, hier und hier).  Ja, wir mögen uns, wir sind ein großartiges Team. Wir fühlen uns wohl in der […]

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