Open Space – ganz schön riskant!

„We can’t wait to use the facilities to devise and rehearse new work. We hope that the support from Snape Maltings will open our collaborative practice in new ways.” (Quelle: www.snapemaltings.co.uk )

 

Längst sind sie nicht mehr neu, die Open Space Konferenzen, Barcamps oder World Cafés. Längst haben sie Einzug gehalten in moderne Organisationsentwicklung und ersetzen häufig die klassische Chefsache durch Einbindung der in den Köpfen der Leute verteilten Erfahrungen. Die Grundidee ist einfach und entspringt der universellen Erfahrung, dass bei Meetings und Konferenzen mancher Teilnehmer den „Death by Power Point“ stirbt während sich die wirklich interessanten und inspirierenden Dialoge an der Cafébar ereignen, gute Ideen eher beim netzwerkenden Unterhalten als im Konferenzsessel entstehen. Moderne Führungswerkzeuge erzeugen Interaktion, sie stecken selbst voller Überraschungen. Sie fördern informelle Strukturen und schaffen damit Problemlösungskompetenz. Mit Überraschungen umgehen kann nur, wer selbst Überraschungen erzeugt.

Die Fragen, die bei erstmaligem Einsatz eines auf Interaktion basierenden Faciliation – Formats gestellt werden sind immer die gleichen: Was ist, wenn die Teilnehmer passiv bleiben und keine Themenvorschläge benannt werden? Was ist, wenn Totenstille im Saal herrscht und niemand sich etwas traut? Oder noch schlimmer: Jemand stellt eine kritische Frage, die wir lieber nicht beantworten mögen?  Ich habe inzwischen zahlreiche Erfahrungen mit vielen Variationen offener Konferenzformen sammeln können und einige meiner Kunden tatkräftig unterstützt mit derartigen Arbeitsformen vertraut zu werden. Immer haben im Nachgang alle Beteiligten (Chef inclusive) die tollen Ergebnisse und die breite Beteiligung hervorgehoben, die sich in offenen Räumen fast zwangsläufig ergeben. Vorauseilende Bedenken haben sich immer als unbegründet herausgestellt. Verstehen muss man sie allerdings, wenn man bisher nur die einschläfernden Rituale klassischer Meeting- und Konferenzformate kennt.

Wenn es trotzdem im Nachgang nach der ersten Euphorie Katerstimmung gibt hat das meist zwei Gründe:

Wenn dann die Geschäftsleitung dankbar die Ergebnisse der Konferenz mit auf die nächste Leitungssitzung nimmt, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden, ist die Chance vertan. Eisen muss man schmieden, so lange sie heiß sind. Wenn erst nicht mehr so genau klar ist, was denn mit dem einen oder anderen Vorschlag gemeint war und die Erkenntnis sich durchsetzt, dass Leidenschaft und Begeisterung nicht in Vorstandspräsentationen zu transferieren sind, dann ist außer guter Absicht nichts gewesen: die Wirkung verpufft. Die bunten, kreativen Wandzeitungen und Papierrollen verblassen, alles bleibt wie es war. Es bleibt die Erinnerung an einen Spaßevent, wo wie beim Brainstorming unter professioneller Begleitung mal für einen Stunde oder einen Tag Freigang aus der Box gewährt wird, danach aber wieder alles beim Alten bleibt. Die Gebrauchsanweisung für das Leben „outside the box“ befindet sich eben an der Außenseite der eigenen Kiste. Open Space ist kein Ersatz für zu wenig Verantwortung im Alltag. Wer ernsthaft breite Beteiligung will und eine Plattform für Könner schaffen will muss dafür nicht nur Ausnahmen schaffen, sondern dies zum Handlungsprinzip erheben. Verantwortung teilen nur so zum Spaß

Open Space ist riskant. Der Zauberlehrling wird die Geister, die er rief, so einfach nicht wieder los. Mit 69 ppt-Folien pro Stunde kann man sehr sicher sein, ohne Kontrollverlust eine Präsentation zu Ende bringen. Es redet immer nur einer, der hat alles scheinbar im Griff. Offene Räume gebären Ideen, Überraschungen, sie erheben Diskurs zum Arbeitsprinzip. Das wird auch genutzt, sind erst mal die skeptischen Hürden des Beginnens überwunden. Allerdings muss erst einmal die Bewährungsprobe des Neuen bestanden werden: Ist das jetzt nur ein Alibi (s.o.) oder sind neue Arbeitsformen wirklich Ausdruck eines neuen Denkens?

Kritisch an Open-Space-Formaten ist die immanente Gefahr, das Prinzip der „zwei Füße“ (jeder ist frei zu entscheiden, wie und wo er sich an Sessions beteiligt) in einer Weise zu nutzen, die mehr auf Einigkeit und schnelle Zustimmung gerichtet ist denn auf kritische Auseinandersetzung und echten Diskurs. Es ist halt bequemer, „unter sich zu sein“ und mit schnellem Konsens oberflächlich nur nahe Liegendes zu erörtern. Gemeinsames erzeugt im ersten Moment mehr Applaus als Kritisches. Moderatoren tun gut daran, Elemente mit „Streitpotential“ in ihr Gestaltungskonzept zu integrieren. Dazu demnächst ein gesonderter Beitrag. Weil Dissens so wichtig ist.

 

 

 

 

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