Vor Dummheit wird gewarnt!

Francisco Goya (Capricos) 1799 (links) und Eugène Delacroix (Die Freiheit führt das Volk) 1830 (rechts)

 

„Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens“ lässt Schiller den Feldherrn Talbot in der „Jungfrau von Orleans“ sagen. Meine Mutter benutzte dieses Zitat häufig, wenn ihr Sohn mal wieder gegen die Unvernunft der Welt oder einzelner ihrer Bewohner zu Felde zog. Daran musste ich unweigerlich denken, als ich in den letzten Tagen auf zwei interessante Dokumente über die Dummheit und viel zu viele praktische Beweise ihrer Allgegenwärtigkeit gestoßen bin.

Fangen wir mit den Dokumenten an. Der Theologe und Widerstandskämpfer gegen die Nazis Dietrich Bonhoeffer schreibt in seinen Briefen und Aufzeichnungen aus der Haft:

Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse lässt sich protestieren, es lässt sich bloßstellen, es lässt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurücklässt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt lässt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch – und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich (Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft).

Eigentlich als Satire gemeint, dann aber doch voller Tiefsinnigkeit und Realitätsnähe, versucht sich der italienische Schriftsteller und Historiker Carlo Cipolla an einer Definition von Dummheit und einer Beschreibung ihrer Auswirkungen. Cipolla nennt 5 Gesetze der Dummheit.

Gesetz 1: Immer und unvermeidlich wird die Zahl der im Umlauf befindlichen Dummen unterschätzt.

Gesetz 2: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Person dumm ist, ist völlig unabhängig von jeder anderen Eigenschaft dieser Person. Egal ob im Lehrerzimmer, auf einem Kongress, in jedem Meeting, auf der Vorstandsetage und am Fließband: Dumme finden wir überall. 

Gesetz 3: Eine dumme Person ist jemand, der einer anderen Person oder einer Gruppe von Personen Schaden zufügt, ohne selber dabei Gewinn zu erzielen und dabei u.U. sogar zusätzlichen Verlust macht. Cipolla grenzt sie ab von Banditen (die nutzen sich selbst und fügen anderen Schaden zu), Intelligenten (die nutzen sich und anderen) und Unbedarften, Naiven (die nutzen anderen, ohne selbst etwas davon zu haben).

Gesetz 4:Menschen, die nicht dumm sind, unterschätzen stets das Gefährlichkeitspotential der Dummen. Vor allem vergessen Menschen, die nicht dumm sind, ständig, dass Verhandlungen und/oder Verbindungen zu jedem Zeitpunkt, an jedem Ort und in jedem Fall mit dummen Personen sich unweigerlich als teurer Irrtum herausstellen werden.

5. grundlegendes Gesetz: Eine dumme Person ist der gefährlichste Typ von Personen. Die logische Folge dieser Gesetzmäßigkeit ist dann: Dummheit richtet mehr Schaden an als Verbrechen.

Wir erinnern uns leicht an Naive, Intelligente und Banditen. Mit den Dummen fällt uns das schwer, obwohl – wenn wir so nachdenken – es doch recht häufig vorkommt, dass Leute Schaden anrichten, ohne selbst was davon zu haben. Dumme sind so gefährlich, weil Vernünftige sich deren Handlungs- und Denkmuster überhaupt nicht vorstellen können. Daher sind wir von Dummheit immer überrascht und es fallen uns keine Gegenstrategien ein, weil es kein sinnvolles Handlungsmuster gibt.

Überlegen wir mal: Ein Vorstand, der eine gesetzwidrige Anweisung gibt ist leicht als Bandit zu entlarven. Doch was ist mit Ingenieuren, die solche Anweisungen ausführen? Ein Politiker will Wahlen gewinnen, doch was ist mit Menschen, die Stimmungen wählen sogar gegen ihre Interessen? Krieg in Syrien und anderswo, Brexit, Trump, Nicht-Wählen, enthält das nicht alles Spuren von Dummheit? Ob im Straßenverkehr, im Meeting, in der Politik und in der Schule: wir begegnen ihr überall.

Alle Regeln, Gesetze und Verordnungen, Compliance Richtlinien und Appelle, das Auge des Gesetzes und alle Verhaltenskodexe zielen auf Banditen, deren unrechtes Verhalten zu sanktionieren und unattraktiv zu machen. Da sind wir eigentlich  – bei allen Unzulänglichkeiten – ganz gut aufgestellt. Im Gegenteil, mir fällt vieles ein, wo weniger sogar mehr sein könnte (Im Steuerecht oder in der Straßenverkehrsordnung zum Beispiel (wenn alle deren § 1 befolgen würden, bräuchten wir alle anderen Paragraphen nicht).

Doch wie sind wir denn gegen Dummheit aufgestellt? Welche Möglichkeiten haben wir, dagegen vorzugehen? Darüber sollten wir mal nachdenken und unser Arsenal dagegen erweitern. Was mit dazu als erstes einfällt: Aufhören zu schweigen. Sich zu trauen, dummes Verhalten auch als solches zu bezeichnen und Auseinandersetzung nicht aus dem Weg zu gehen. Das wäre mal ein Anfang.

Aktueller Anlass für diesen Beitrag und die Bildauswahl oben ist die Politik. Rechtspopulistische Reden der letzten Tage lassen jede politische Kategorie verschwimmen. Das sieht schon mehr aus wie der Kampf zwischen Aufklärung und inquisitorischem Mittelalter. Ich verstehe nicht und es macht mir Angst, wie Menschen, die ihre Väter gefragt haben, was sie in der Nazizeit gemacht haben, heute zu Feindlichkeit gegenüber anderen und Intoleranz Beifall klatschen können.

Das ist der aktuelle Anlass, aber die alltägliche Allgegenwärtigkeit von Dummheit in der Welt lässt schon länger viele Fragen offen. Also müssen wir Antworten finden.

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