Bretonische Miniaturen – Welterbe auf dem Fussballplatz

Festoù-noz in Ploemel

Ich hatte eigentlich vor, nach unserer Reise einen Blog über die Bretagne zu schreiben. Diese Idee hab ich aufgegeben. Nicht, weil es nichts zu erzählen gäbe. Sondern weil es viel zu viel wäre.

Die Bretagne besteht für mich inzwischen nicht mehr aus Orten. Sie besteht aus Begegnungen. Aus Ringelpullis, die ihren eigenen Kopf haben. Aus Kaffeeröstern, die ihre Maschine behandeln wie andere einen Oldtimer. Aus einer Verkäuferin, die ein Kassensystem überlistet. Aus einem Maler, der still an einer Hauswand auf mich wartet. Und zuletzt, gestern abend, aus einem Dorffest, das mir erklärt, warum Weltkulturerbe manchmal ganz unspektakulär aussieht.

Also schreibe ich keine Reisegeschichte. Ich sammle bretonische Miniaturen. Hier ist die erste, noch ganz frisch aus dem Kurzzeiterlebisgedächtnis.

Allez, Demat:

 

Während Frankreichs Nationalmannschaft, les Bleus bezeichnenderweise, in einem turbulenten und unbedeutenden WM-Spiel gegen drei englische Löwen untergeht, schwingt in Ploemel gefühlt das ganze Dorf das Tanzbein.

Nicht in einer Mehrzweckhalle. Nicht auf einem historischen Marktplatz. Sondern zwischen den Toren auf dem Rasen des lokalen Fußballvereins.

Ich vermute, an diesem Abend sind mehr Menschen da, als das Einwohnermeldeamt normalerweise zählt. Wahrscheinlich bringt der eine oder andere Enkel Oma und Opa aus dem Nachbardorf gleich mit. Von Säuglingen bis zu beneidenswert langlebigen Ältesten ist alles vertreten.

Niemand schaut zu. Alle tanzen. Paarweise. Gruppenweise. Alle! In kleinen und großen Kreisen. Immer die Finger eingehakt. Dann geht es los.

Die Musik klingt, als hätten sich eine irische Hafenkneipe und ein bretonisches Dorf darauf geeinigt, gemeinsam alt zu werden. Den Ton geben eine Quetschkommode und ein flötenähnliches Instrument an, dessen Klang mich unweigerlich an die Stimme von Abraxas nach einer Überdosis Wunschpunsch erinnert.

Wer den Vergleich nicht versteht, war vermutlich nie zwölf.

Die Musiker geben alles. Sie werden zweimal ausgewechselt. Die Tänzer offensichtlich nicht.Sie tanzen weiter. Freiwillig. Nicht nur durch die Nachspielzeit. Sondern gleich noch durch die Siegerfeier, so wie eine Zugabe aus freien Stücken. Weil es so schön ist.

Am Ende sehen sie aus, durchgeschwitzt, wie Herbert Grönemeyer nach vier Stunden Veltins-Arena. Nur glücklicher.

Natürlich gibt es Moules frites. Apfeltarte. Zuckerwatte in einem Rosa, das vermutlich ausschließlich Kinder mögen. Cidre. Wein.

Keine sichtbaren Sponsoren. Keine VIP-Lounge.

Die Band verkauft ihre letzte CD. Das ist aber auch die einzige Werbeunterbrechung hier!

Die Preise bewegen sich ungefähr in der Gegend der Selbstkosten.

Kleiderordnung? Alles erlaubt. Hauptsache, es gefällt.

Vor allem aber: Alles wirkt erstaunlich normal. Keine Schickimickis. Keine Selbstdarsteller. Keine Betrunkenen.

Und als irgendwann sogar der Wein ausgeht, passiert… nichts. Kein Gemecker. Kein Gedränge. Kein Shitstorm. Kein nörgelndes Gejohle. Man tanzt einfach weiter.

Ich beginne zu verstehen, warum die Festoù-noz UNESCO-Weltkulturerbe sind.

Nicht wegen der Musik. Nicht wegen der Tänze. Nicht einmal wegen der Tradition. Sondern weil man so etwas nicht organisieren kann.

Man kann es nicht beschließen. Nicht vermarkten. Nicht als Eventagentur buchen.

So etwas entsteht. Langsam. Über Generationen. Es emergiert. Das Wort verdanke ich Heinz von Foerster.

An diesem Abend bekommt es einen Rhythmus.

Als wir spät nach Hause gehen, tanzen immer noch Kinder zwischen den Erwachsenen über den heiligen Rasen des Dorfvereins.

Und ich frage mich, ob der Platzwart heute wohl der wildeste Tänzer des ganzen Abends gewesen ist.

Ich hoffe es.

 

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