Weniger rumdiskutieren, mehr umsetzen!

E. Chapiro: Marx und Engels bei der Rheinischen Zeitung (Ausschnitt)

 

Eigentlich war es geplant als eine Reise in die Vergangenheit. Nein, nicht zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts, so alt bin ich nun auch wieder nicht. Aber zurück in die späten 68er und 70er des 20. Jahrhunderts, wo dieser Marx und seine Schriften nicht unerheblichen Einfluss auf mich hatten (siehe hier). Im Kino war ich gestern abend, habe mir „den jungen Marx“ angeschaut. Ich wollte mich mit biographischer Geschichte unterhalten lassen, zu der es einen persönlichen Bezug in der eigenen Lebensgeschichte gibt. Manchmal überfallen einen eben solche Gelüste.

Es war nicht besonders gut besucht, das Kino. Junge Menschen im Publikum? Fehlanzeige. Ich hatte mich schon auf dem Weg dorthin gefragt, was Filmemacher heute dazu bringt, die Biographie des Karl Marx zu verfilmen. Besondere Aktualität oder ein starker Bezug zu brennenden Themen der Gegenwart drängen sich irgendwie nicht auf. Meine eigenen Gefühle: Ideologien und geschlossene Glaubenssysteme sind mir heute sehr fern. Neugierig, kritisch, hinterfragend ist die Grundhaltung. Was auch nur im Entferntesten nach dem „einzig wahren, letztgültigen Erklärungsmuster“ ausschaut erweckt meinen Argwohn. Sehr lange schon bezeichne ich mich nicht mehr als „Marxisten“ oder gar als „politisch links“, ich lehne jede Form von Kategorisierung in eine bestimmte Richtung rigoros ab.

Doch aus der Reise in die Vergangenheit von Marx und mir wurde dann doch eine Reflexion der Gegenwart. Was hat dieser Marx eigentlich heute noch zu sagen?

Vorurteile gab und gibt es reichlich. Marx wird immer noch mit dem politischen System der ehemaligen DDR, dem Stalinismus usw. in geistige Verbindung gebracht. Das schafft keine Sympathien, ist aber Unsinn, wie man aus der historischen Distanz mit abgenommener ideologischer Aufladung feststellen kann. Die ehemals sozialistische Theorie der Politik hat mit dem, was Marx dachte und wollte, sehr wenig zu tun. Marx selbst war mehr Philosoph und Ökonom, bei ihm finden sich wenige und nur sehr verstreute Äußerungen zu Staat und Politik. Marx war Wissenschaftler, ein kritischer Wissenschaftler. Der Marxismus als Weltanschauung ist eine Erfindung der historischen Sozialdemokratie und des Leninismus. Marx selbst damit in Verbindung zu bringen ist ein Mythos. Aus dem Ende des politischen Systems „Sozialismus“ kann daher nicht das Ende der Relevanz von Marx geschlossen werden. Trotzdem: sein Wirken vor mehr als 150 Jahren lässt natürlich auch nicht gerade Aktualität vermuten.

Interessant bleibt bis heute Marx Analyse des Kapitalismus: seine immanente Neigung des Systems zu zyklischen Krisen und die Wandlung von immer mehr Kapital in die fiktive Welt des Geldes, infolge ihre Abkopplung von der Realwirtschaft als tickende Zeitbombe. Das wirkt spätestens nach der Lehmann-Brothers-Pleite mit ihren Derivaten und Hybridprodukten als höchst aktuell. Können wir trotz einschlägiger Erfahrungen so etwas künftig ausschließen oder haben wir nicht eher das Gefühl: Das kann jederzeit wieder passieren. Das könnte Marx uns in den Stammbaum geschrieben haben.

Marx war Gerechtigkeitsfanatiker. Zusammen mit Friedrich Engels hat er die sozialen Verhältnisse des Frühkapitalismus sehr eindringlich beschrieben und mehr Chancengleichheit in allen Lebensbereichen gefordert. Zu seinen politischen Forderungen gehörte u. A. eine Erbschaftssteuer von 100%, auch das kommt nicht ganz unbekannt vor. Mit dieser Forderung befindet er sich sogar im Einklang mit anderen klassischen und konservativen Ökonomen wie zum Beispiel Walter Eucken. Die soziale Frage bekommt heute in unserer Gesellschaft neue Brisanz, egal wie weit entfernt wir von Verhältnissen des Manchester-Kapitalismus auch sind: Trotz wachsenden Wohlstands nimmt die Polarisierung zwischen arm und reich wieder zu. Das gilt für die Welt als Ganzes, ist selbst in einem wohlhabenden Land wie Deutschland zu beobachten.

Die Aufnahme des „Kommunistischen Manifests“ als Dokumentenerbe in das „Gedächtnis der Menschheit“ durch die UNESCO ist ein weiteres Argument, das die Bedeutung der Schriften von Marx unterstreicht.

Marx war ein großer Kritiker, selbst unter Seinesgleichen. Er war kein Dogmatiker, er war ein Wissenschaftler, dem Kritik nach wissenschaftlichen Kriterien Lebensinhalt war. Mir ist bei Betrachtung des Filmes mehr als ich es vorher wusste klar geworden, dass Marx nicht nur ein scharfsinniger und rhetorisch gewandter Denker und Theoretiker war. Er war in den sozialen Bewegungen seiner Zeit sehr engagiert, ein aktiver Mitstreiter. Das erinnert mich besonder an ein Marx-Zitat, das ein Projektteam, mit dem ich über mehrere Jahre zusammen gearbeitet hatte, für mich in ein großes Plakat hat drucken lassen: „Die Philosophen (für mich: Berater!) haben die Welt bisher nur verschieden interpretiert. Es kommt darauf an, sie zu verändern.“ Ein nettes Kompliment für zupackende statt herumtheoretisierende Arbeitsweise.

Wer heute Leitlinien für den Umgang mit komplex-adaptiven Problemen sucht, der sollte diesen Satz nicht vergessen. Weniger rumdiskutieren, mehr umsetzen! Nicht allein in der „großen“ Politik, überall. Also auch im Job, im Projekt. Wasser auf meine Mühlen. Er hat also doch noch was zu sagen, der alte Karl.

 

 

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