Wien, Walzer, Wahnsinn – Notizen aus der überlaufenden Zivilisation

Das könnte auch meine Mahnung und Erinnerung werden. Irgendwann mal, hoffentlich noch lang hin!

 

  1. Zwischen Grabsteinen und Gedanken

Wien, Jahreswechsel.
Ironie der Geschichte: Auch der Zentralfriedhof ist eine der Sehenswürdigkeiten. Friedhof der Eitelkeiten. Friedhof der Weltgeschichte.
Ein Grab neben dem anderen. Große Namen, große Leben, große Gedanken. Beethoven, Schubert, Udo Jürgens, Curt Jürgens, Alfred Adler, Helmut Qualtinger, Kurt Weill … und dann wir.

Wir, die Lebenden, im Selfie-Modus.
Vor Mozart, neben Falco.
Auf den Spuren der Ewigkeit – mit Pudelmütze (eisiger Wind, politisch korrekt von Osten), Daunenjacke, Schrittzähler und Smartphone-Navigation zu ungezählten Gräbern und Geschichten.

Ich steh da. Still.
Hinterlasse einen kleinen Gedenkstein auf dem ein oder anderen bedeutsamen Grab. Und denke an alles, was war. Was ist. Was wohl wird. Und was vielleicht nicht mehr lange sein wird.
Denn auch Wien, diese herrlich geschichtstrunkene, kaffeegesättigte, kopfsteingepflasterte Stadt, ist längst Teil der überlaufenden Zivilisation.

  1. Vier Tage Wien – zu viel des Guten?

Vier Tage Wien waren wunderbar.
Und zu viel. Gleichzeitig.

Wir hatten uns für Kultur entschieden:
Neujahrskonzert im Landtmann, mit Yannick Nézet-Séguin, diesem fantastischen, federnden Dirigenten, der aus Musik ein Körpererlebnis macht. Eine Melange dazu – letzter freier Tisch, mit Bedacht reserviert und früh eingenommen.

Danach: Monet bis Picasso in der Albertina – ein Farbenrausch mit Gedränge.
Abends Silvesterpfad – Musik zwischen Marillenpunsch, Menschen und dem Verdacht, dass der frostige Wind von Putin persönlich geschickt wurde.

Kurz vorm Erfrierungstod ein wenig Schwung mit Donauwalzer. Da hat es selbst mich als Untänzer vom Pflaster enteist. Dann zurück in die Wärme.
Wien, du bist schön – aber du verlangst deinen Gästen einiges ab. Wie sagt der Wiener: Der Schmäh muss rennen. Soll er auch, das ist seine Natur.

  1. Bühne Stadt, Publikum Welt

Tourismus ist zur Weltsportart geworden.
Wien ist nicht mehr Stadt.
Wien ist Bühnenbild.

Und wir sind das globale Publikum.
Florenz, Rom, Barcelona, Venedig – sie alle teilen dieses Schicksal.
Ich kenne sie noch von vor dem Massentourismus.
Heute sind sie nur noch: Schlange. Schilder. Shop. Selfie.

Cafés mit 150 Metern Warteschlange – mindestens.
Schaufenster voll überteuertem Luxus oder billigem Schrott.
Straßen voll kleiner, pubertierender Mädchen – aus Südostasien, aus aller Welt.
Nicht dümmer als wir damals. Nur: viel, viel mehr.

Und dazwischen: Russen mit offen zur Schau gestelltem Reichtum.
Nicht nur Russen, nichts gegen sie. Doch sie fallen halt besonders auf.
Ekelhafter Reichtum. Goldene Zähne im Armani-Gesicht, mit aufdringlichem Parfum und lauter Stimme. Keine Erfindung. Nur Realität.

  1. AirBnB frisst die Stadt

Ich stehe vor einem dieser prachtvollen Altbauten.
Kein Klingelschild mit Namen. Nur: Top 1 bis Top 17. Top irgendwas.

Ein Code. Eine App. Ein Zimmer. Eine Nacht.
Früher wohnten hier Wiener Familien.
Zimmer mit Kronleuchter, Kaffeehauskultur gleich gegenüber.
Heute wohnen hier wir – für 400 Euro die Nacht.

Nein, ich habe es günstiger gewählt.
Doch das kann man bekommen. Im Sacher kostet eine Übernachtung 680 €.
Ein Stehplatz beim Neujahrskonzert im Musikverein? Ein Tausender.

Und die Wiener selbst? Ziehen ins Umland, können sich ihre Stadt nicht mehr leisten.
Georg Kreisler, der Großmeister des schwarzen Humors, hat es besungen:

„Wie schön wäre Wien ohne Wiener …“
Und nun haben wir den Salat.

  1. Ich klage nicht – ich beobachte

Ich hab früh gefrühstückt, um einen Platz zu bekommen.
Ich hab vorbestellt, reserviert, auf gut Glück gewartet.
Ich war höflich, hungrig, halb erfroren – und am Ende glücklich.

Ich bin Teil dieser Bewegung.
Teil der Masse, die sich durch Altstädte schiebt.
Teil der Verantwortung.

Ich will nicht zurück in die alte Zeit.
Die war auch voller Ausschlüsse, Rassismus, Muff.
Aber so wie es jetzt ist – kann es nicht bleiben.

  1. Und nun? Ein Plädoyer ohne Zeigefinger

Ich plädiere für Nachdenken mit Augenmaß.
Ich hab kein Patentrezept.
Keiner hat das.

Aber was wir bräuchten:

  • weniger Gleichgültigkeit
  • mehr Bewusstsein
  • kluge Regulierung, die schützt, ohne zu belehren
  • neue Formen des Reisens, die Raum lassen
  • echten Respekt statt Kaufrausch des Nonsens

Nichts gegen „kleine Mädchen“.
Nichts gegen Touristen.
Nichts gegen Rubel und Reichtum –
aber bitte mit Vermögenssteuer.

Sondern für das, was uns alle verbindet:
Die Sehnsucht nach Schönheit, Bedeutung, Echtheit.

  1. Was bleibt?

Ein Walzer im Wind.
Ein Kaffee, der schmeckt, weil er erkämpft wurde.
Ein stiller Moment am Grab von Beethoven. Oder Udo Jürgens.

Eine Reise, die mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt.
Und das Gefühl:
Wir müssten endlich anfangen, Verantwortung für unsere Spuren zu übernehmen.

Heute hinterlassen wir allerorten Schneisen der Verwüstung –
beim Klima, beim Tourismus, in den Städten, in den unendlichen Weiten der Welt, und in den Herzen.

Nicht mit Verboten.
Sondern mit Bewusstsein.
Nicht mit Nostalgie.
Sondern mit Haltung.

Wir brauchen nicht weniger Reisen. Doch mehr Haltung beim Ankommen.
Nicht nur in Wien. Überall.

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Uli Drescher
Uli Drescher
8 Tage zuvor

Habe die Ehre !
Gut beobachtet das Wiener/Welts-Allerlei.
Beim nächsten Mal auch hier rein:
* stylish und elitär: http://www.loosbar.at ,
* abgeranzt mit Schmäh: Café http://www.hawelka.at
Küss‘ die Hand – und die Füss‘ dazu ;/)

Anselm Bußhoff
Anselm Bußhoff
2 Tage zuvor

Lieber Martin, andernorts gibt es vielleicht keinen Zentralfriedhof oder Walzertakt, keine Lipizzaner und Kaffeehäuser, doch die Probleme sind die selben. Du deutest es an: Venedig, Barcelona, Florenz oder Rom. Die ewige Stadt hat im vergangenen heiligen Jahr mit seinem Papstwechsel einen weiteren Touristenboom erlebt. Schlangestehen vor dem Petersdom oder Massenauflauf vor dem Trevibrunnen – ich hab‘ Rom noch anders erlebt. Gerne würde ich mal wieder dort hin, aber mir graut‘s. Im vergangenen Jahr waren wir in Flandern mit seiner mit Bettenburgen zugebauten Küste. Es war keine Saison. „De Lijn“ fuhr ihren reduzierten Takt. Daher zeigte sich der Strand ebenso leer… Weiterlesen »

Zuletzt bearbeitet am 2 Tage zuvor von Anselm Bußhoff
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