Wissenstransfer auf Gutsherrenart

Jan Koblasa: David und Goliath; Steine am Einfelder See, Neumünster

Jan Koblasa: David und Goliath; Steine am Einfelder See, Neumünster

Es war einmal vor nicht langer Zeit ein DAX 30 Konzern, der das dringende Bedürfnis verspürte, ein Schlüsselthema unserer Zeit verstehen zu wollen. Höchste Zeit, dass die Kommandozentrale einer klassischen Konzern-Managementstruktur sich fragt, wie denn mit Dynamik in unsicheren Entscheidungsumfeldern besser als mit dem üblichen Command & Control umzugehen sei. „Führung in im Zeitalter der Komplexität“, mein Leib & Magenthema. Löblich der Gedanke mangels eigenen Wissens und gut gelaufener Experimente mit der VUCA-Welt (VUCA steht für Volatilität, Unsicherheit, Complexity, Ambiguität und beschreibt die wachsende Dynamik der Welt) externe Könner einzubeziehen. Noch besser die Bitte um Unterstützung nicht an Schablonen in Serie produzierende große Beratungsgesellschaften zu richten. Gezielt werden kleine Unternehmen und selbstständige Berater und Coaches gesucht, die irgendwie zu dem gefragten Thema aufgefallen sind.

Toll wenn ein bisher nicht zum Kundenkreis gehörendes Riesen-Unternehmen bei einem anruft. Schon allein, dass die auf einen aufmerksam geworden sind. Schönes Gefühl, Schulterklopfen, irgendwas hab ich also richtig gemacht. Natürlich steht ein großer Auftrag dahinter, vielleicht der größte Einzelauftrag, den man jemals erhalten hat. Ein Ideenwettbewerb ist geplant, ein „Call for Ideas“ wie es auf neuhochdeutsch heißt. Eine kleine auserwählte Schar von Leuten nimmt daran teil. Eigentlich schade, dass man die nicht namentlich kennt, wäre bestimmt eine illustre Runde.  Aus dem Ideenwettbewerb soll sich eine verkleinerte Schar von ganz wenigen Endspielteilnehmern rekrutieren, die in der Kommandozentrale zum Catwalk erscheinen darf.

Natürlich bekommt man die Eintrittskarte zu einem Großauftrag nicht umsonst. Am Eingang zur Manege steht an, eine Kostprobe seines Könnens abzuliefern. So weit so gut. Bestenfalls kann man hier über das Gleichgewicht von Kräften, Leistung und Gegenleistung, über Verhältnismäßigkeit und das Machtgleichgewicht der Partner nachdenken. Doch wir werden an dieser Stelle doch nicht kleinkariert denken, so viel Vertrauen muss sein. Eine Bezahlung für den Pitch hab ich ja gar nicht erwartet. Erst kommt die vertrauensvolle Begeisterung, dann der Kleinkram. Im Zeitalter von Governance und guter Kinderstube werden wir das zu Regelnde schon klären.

Eine Menge Arbeit hab ich mir gemacht, einige Tage für ein Ideenkonzept zu einem brandheißen Thema: großer Kunde mit viel Potential, relativ hohes Honorar, internationale Auftragsperspektive, das leitende Management als Zielgruppe und eine mit Leidenschaft besetzte  Aufgabenstellung. Da wird selbstbewusst geklotzt, das schulde ich meiner Professionalität, das will ich mir und der Welt beweisen!

Geschafft, ich bin im Endspiel. Das höre ich sehr gern. Ganz ehrlich, hab ich auch nicht anders erwartet. Viel Lob und Anerkennung für das Ideenkonzept. Also auf in die Kommandozentrale: Das Konzept präsentieren, eine Live-Sequenz aus dem Konzept mit Sparringspartnern. Gute Vorbereitung, eine Reise quer durch die Republik, Hotelübernachtung wegen eines frühmorgendlichen Termins sind eigentlich selbstverständlich. Der Auftritt ist gelungen, ein gutes Gefühl und besondere Anerkennung für die Gala begleiten mich auf die Rückreise quer durch das Land.

Ich habe den Auftrag nicht bekommen. Damit muss man immer rechnen. Das find ich zwar nicht gut, aber damit muss ich leben. Das gehört zum Spiel. Die Umstände und die letzte Erklärung, die ich eine Woche später erhalten habe sind es allerdings wert, an dieser Stelle öffentlich gemacht zu werden. Zur Warnung an Kollegen, die in ähnliche Situationen kommen und an mich selbst, sollte ähnliches erneut geschehen.

Der Konzern hat sich nach den Wissensduschen und Ideen von den anderen „Catwalkern“ und mir entschlossen, alles ganz anders zu machen, als in dem Ideenwettbewerb ursprünglich geplant. Ein Auftrag in der ursprünglich angedachten Form werde nicht vergeben. Ein anerkennendes Dankeschön habe ich noch erhalten und ein überschäumendes Feedback zu meiner inhaltlichen Arbeit und zum persönlichen Auftritt. Wie gesagt, Absagen lösen keine Begeisterung aus, aber die Umstände machen denn doch nachdenklich. Hat da jemand versucht, auf die billige Tour Know how zum Nulltarif abzugreifen, um dann seine eigene Suppe mit den Zutaten zu kochen?

Beleidigend das Nachspiel. Auch ohne Honorarvereinbarung für den Ideenwettbewerb habe ich eine Erstattung meiner Reisekosten für 1.000 Bahnkilometer und ein Business-Hotel erwartet, es handelt sich um den bescheidenen Betrag von ungefähr 250 €. Ich zitiere aus der Antwort auf mein Ansinnen:

„Wir haben uns viele Gedanken über die Formulierung der Ausschreibung gemacht, und absichtlich lediglich „erste Ideen“ angefragt, mit relativ allgemein gehaltenen inhaltlichen Angaben, um den ersten Aufwand nicht allzu groß werden zu lassen. Dass Sie sich doch die Mühe gemacht haben, haben wir, wie bereits erwähnt, sehr positiv zur Kenntnis genommen und als großen Pluspunkt für Sie vermerkt. Umgekehrt sehen wir es im Rahmen unserer Möglichkeiten als ein Zeichen unserer Wertschätzung, Ihnen im persönlichen Gespräch für die geleistete Arbeit ein offenes Feedback zu geben und damit einen zwar nicht monetären, aber nicht minder tief empfundenden Dank zu zollen.“

Die 250 € werde ich auch noch verschmerzen. Die gute Kinderstube und die Governance spreche ich dem „System Konzern“ allerdings ab, das so mit potentiellen Partnern umgeht. Vorwerfen tue ich niemandem etwas, nur mir selbst: Ich hätte das vorher mehr hinterfragen und spätestens vor der Reise eine Klärung gegenseitiger Erwartungen herbeiführen müssen. Danke also für diese Lehrstunde in Sachen Wissensmanagement bei Konzernen, deren Partnerschaftserklärungen gegenüber Lieferanten und Auftragnehmern. Ich bin sehr zufrieden, dass mir das nicht wieder passieren wird. Ich freue mich über jede Anfrage und jeden interessierten neuen Kunden, für die ich gerne mein Können einbringe.

Ganz sicher werde ich aber besonders bei Unternehmen mit Konzernstrukturen künftig mehr auf Gleichgewicht und Verhältnismäßigkeit bei Vorleistungen achten. Meinen Kollegen empfehle ich in gleicher Weise zu handeln, deshalb dieser öffentliche Post. Genießen können wir die Erkenntnis, dass wir uns und unser Können selbst gegenüber den vermeintlich Großen mit all ihren Stäben und Akademien nicht zu verstecken brauchen. Unsere Würde und Selbstachtung erst recht nicht!

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