Hinter jeder Ecke lauern neue Möglichkeiten – The Adjacent Possible

"The adjacent possible is a kind of shadow future, hovering on the edges of the present state of things, a map of all the ways in which the present can reinvent itself. The strange and beautiful truth about the adjacent possible is that its boundaries grow as you explore them. Each new combination opens up the possibility of other new combinations." Steven Johnson

„The adjacent possible is a kind of shadow future, hovering on the edges of the present state of things, a map of all the ways in which the present can reinvent itself. The strange and beautiful truth about the adjacent possible is that its boundaries grow as you explore them. Each new combination opens up the possibility of other new combinations.“
Steven Johnson

Ich finde immer mehr Gefallen an den Parallelen naturwissenschaftlicher Modelle zu der komplexen Wirklichkeit in Organisationen und der Gesellschaft. Die prozessuale Sprache, Sichtweisen und Modelle unserer Managementlehren können deren nicht-lineare Wirkungsketten längst nicht mehr annähernd abbilden. Im Gegenteil: sie führen uns zurück in die fahrlässige Illusion, mit Methoden und Rezepten planbar und zielorientiert Menschen und Organisationsentwicklung gestalten zu können.

Zugegeben hat sich meine Sichtweise auf innovative Veränderungen in festgefahrenen Umfeldern seit meinen längst vergangenen revolutionären Tagen gewandelt. Meine Absichten mögen gelegentlich noch radikal sein, meine Erfahrungen mit Veränderungen und die Kenntnis wichtiger Bausteine aus der Natur- und der Neurowissenschaft haben jedoch zu einer pragmatischeren Sichtweise geführt. Die Zerstörung ungewollter Muster, um darauf das schillernd Neue aufzubauen scheitert meistens oder hat Nebenwirkungen, die die Therapie schlimmer erscheinen lassen als die Krankheit.

Die Natur kennt kein Ziel. Sie experimentiert mit kleinen Veränderungen, die als kleine Fehlertoleranzen in jede Kopie einer Zelle bei deren Teilung oder Fortpflanzung eingebaut werden. Variation nennt man dieses Prinzip. Dann schaut die Natur geduldig zu, was passiert. Manches bewährt sich, das entwickelt sich in vielen Mutationen fort; anderes bewährt sich nicht und verschwindet. Variation und Selektion sind die Urprinzipien der Evolution.

So bin ich auf das Prinzip des „Adjacent Possible“ gestoßen. Der Begriff stammt von dem Biologen Stuart Kauffmann. Vereinfacht besagt bedeutet es, dass in der Biologie Entwicklungen immer nur im Bereich „benachbarter Möglichkeiten“ beginnend von einem bestimmten Ausgangspunkt stattfinden. Das Einzigartige an dieser Sichtweise ist, dass Horizonte und Möglichkeiten sich auftun je mehr man sich ihnen nähert. Jede neue Erfahrung öffnet die Pforte zu neuen Kombinationen und Möglichkeiten.

Hört sich trivial an und ist nicht wirklich neu. Wir finden in unserer Geschichte und vielen Lebensbereichen zahlreiche Beispiele: So ist zum Beispiel das Internet das „adjacent possible“ aus den ersten vernetzten Computern; oder unsere heutigen Demokratien sind das „adjacent possible“ der Aufklärung. Die Bedeutung dieses Prinzips sehe ich vor allem darin, dass es uns Grenzen und Möglichkeiten von Innovation und Veränderungen aufzeigt. Es sind eben nicht die großen Ziele, nicht geniale Geistesblitze, die zu weitreichenden Veränderungen oder Innovationen führen. Es sind vielmehr die zahlreichen Experimente, die ungezählten kleinen Schritte, die aktive Nutzung des evolutionären Potentials des jeweiligen Momentes, die Bewegung und Fortschritt bewirken. Wer dem einen großen Ziel nachläuft läuft Gefahr, bei jedem Schritt die vielen Chancen zu übersehen, die Portale zu neuen, möglicherweise viel erstrebenswerteren Möglichkeiten eröffnen.

Persönliche Entwicklung und Veränderung sind das Ergebnis von Iteration und Evolution. Kontinuierliche Verbesserung und KAIZEN können verstanden werden als Erkundung und Ausweitung des persönlichen oder organisationalen „adjacent possible“. Wir kennen nicht alle Einflüsse und Variablen, die unsere Entwicklung beeinflussen. Je aufmerksamer wir das Erkennbare  jedes Momentums beachten, um so mehr Möglichkeiten tun sich uns auf, Rollen, Stärken und Ressourcen zu nutzen.  Das ist eine fundamental andere Sicht- und Herangehensweise als imaginären Zielen und Ratgebern zu folgen, die uns letztlich nur von den Möglichkeiten unseres „adjacent possible“ ablenken. Unsere Chancen finden wir nirgendwo anders als in dem, was wir bereits sind. Wir müssen halt nur mit dem Marschieren beginnen. Hinter jeder Ecke lauern ein paar neue Möglichkeiten.

Damit es nicht ganz so philosophisch bleibt zum Schluss etwas sehr praktisches: Wo kommen denn nur die guten Ideen her? Die zusammenfassende Animation von Steve Johnsons Buch kann ich nur nachdrücklich empfehlen. Wir werden die genannten Prinzipien der schrittweisen, intuitiven und vernetzten Arbeitsweise des „adjacent possible“ wieder erkennen.

 

 

*Ich bitte alle mit den Wissenschaften über die Natur vertrauten Leser mir meine laienhafte Ausdrucksweise zu verzeihen. Ich bin in Sachen Biologie und anderer Naturwissenschaften interessierter Laie und kein Experte.

 

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