Politik im Mathematik-Kostüm

Bildquelle: Clara, stochastischer Papagei mit Hang zu venezianischen Masken und politischer Symbolik.

 

Als ich mich vor vielen Jahren entschieden habe, Wirtschaftswissenschaften zu studieren, wollte ich Gesellschaft verstehen. Als „68er Spätlese“ zeitgemäß, für mich naheliegend und „artgerecht“.

Ich interessierte mich für Wohlstand, soziale Gerechtigkeit, Krisen, Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Entwicklung und die Frage, warum manche Gesellschaften gelingen und andere scheitern.

Bekommen habe ich zunächst etwas anderes.

Gleichungen.

Kurven.

Modelle.

Gleichgewichte.

Mathematik.

Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. Mathematik ist ein achtbares und wunderbares Werkzeug. Ohne sie gäbe es keine Brücken, keine Computer und vermutlich auch keine funktionierende Waschmaschine.

Misstrauisch wurde ich allerdings, als man versuchte, mir Gesellschaft als Mathematik zu verkaufen. Aus Nationalökonomie wurde virtuose Mathematik, unsichtbare Hände und der der Geist des Homo oeconomicus schwebten angeblich über dem Campus wie heutzutage Dumbledore über Hogwarts.

Damals wie heute vernebelt auf diese Weise scheinbare Logik die Prämissen, auf denen sie beruht. Gesellschaftliche und politische Stimmigkeit wird reduziert auf mathematische Gleichungsbedingungen. Politische Entscheidungen und Weltbilder werden mit mathematischen Sachzwangkostümen verkleidet. So war es und so ist es geblieben.

Inzwischen bin ich älter geworden. Noch misstrauischer. Meinetwegen auch weiser, wie man will.

Jüngst erklärte unser Bundeskanzler auf einem Gewerkschaftskongress, Einschnitte bei der Rente seien letztlich eine Frage der Mathematik.

Bei solchen Sätzen zucke ich zusammen.

Nicht weil die Mathematik falsch ist. Sondern weil sie etwas beweisen soll, was sie gar nicht leisten kann.

Mathematik kann beschreiben. Sie kann berechnen. Sie kann Szenarien vergleichen. Sie kann Folgen abschätzen.

Aber sie kann nicht entscheiden, wie wir leben wollen.

Nehmen wir die Demografie.

Die Mathematik zeigt uns, wie unsere Gesellschaft altert. Die Statistik zeigt uns sinkende Geburtenraten und steigende Lebenserwartungen. Alles richtig.

Aber daraus folgt keine einzige politische Entscheidung. Außer, dass wir uns mit dem Thema beschäftigen sollten.

Demografie sagt nichts über Produktivität. Nichts über Innovation. Nichts über Familienpolitik. Nichts über Migration. Nichts über Bildung. Nichts über die Frage, wie attraktiv ein Land für junge Menschen sein möchte.

Vor allem sagt sie nichts darüber, welche Gesellschaft wir anstreben.

Österreich altert ebenfalls. Dänemark ebenfalls. Die Niederlande ebenfalls. Offenbar zwingt dieselbe Mathematik verschiedene Länder zu unterschiedlichen politischen Antworten.

Merkwürdig.

Noch merkwürdiger wird es beim Sparen.

Deutschland liebt das Sparen. Sparen gilt als Tugend. Wer spart, handelt verantwortungsvoll. Wer Schulden macht, steht schnell unter Verdacht. Für private Haushalte ist das im Allgemeinen zutreffend. Aber eben nicht für eine Volkswirtschaft. Der viel zitierte Vergleich mit der „schwäbischen Hausfrau“ und dem „schaffe, schaffe Häusle bauen“ ist nicht nur unzutreffend, er ist irreführend falsch!

Wenn Unternehmen nicht investieren, Bürger sparen, der Staat spart und gleichzeitig die Exportmaschine ins Stottern gerät, dann entsteht keine wirtschaftliche Dynamik.

Dann entsteht Stillstand. Oder Schlimmeres. Das nennt man Rezession, haben wir seit einigen Jahren. Dagegen Ansparen ist, als würde ein Alkoholiker seine Krankheit mit dem Umstieg von von Gin auf Whisky zu erklären versuchen.

Als Student lernte ich einmal einen einfachen Satz:

Was für den Einzelnen vernünftig sein kann, kann für eine Gesellschaft ruinös wirken.

Dieser Gedanke scheint gelegentlich verlorengegangen zu sein.

Wir diskutieren über Rentenformeln, Schuldenquoten und Haushaltslöcher, als seien sie Naturgesetze. Sind sie nicht! Sie sind politische Größen.

Über sie darf gestritten werden! Über sie muss sogar gestritten werden.

Hinter jeder dieser Zahlen verbirgt sich eine Vorstellung, wie wir künftig leben wollen.

Genau das scheint mir das eigentliche Problem unserer Zeit zu sein. Nicht die Mathematik. Sondern ihre politische Verkleidung.

Politik tritt immer häufiger im Mathematik-Kostüm auf. Sie präsentiert Entscheidungen als Sachzwänge. Sie erklärt Alternativen zu Rechenfehlern. Sie verwechselt Berechnung mit Gestaltung.

Gesellschaften entstehen nicht aus Gleichungen. Sie entstehen aus Vorstellungen.

Die soziale Marktwirtschaft begann als Vorstellung.

Der europäische Einigungsprozess begann als Vorstellung.

Der Wohlfahrtsstaat begann als Vorstellung.

Nicht Excel-Tabellen haben Europa aufgebaut. Menschen hatten Bilder im Kopf.

Heute dagegen regieren oft Buchhalter mit rudimentären Gleichungsphantasien. Sie verwalten Probleme. Sie rechnen Belastungen. Sie optimieren Kennzahlen, die zu oft mit dem Problem nichts zu tun haben.

Aber wer entwirft eigentlich noch Zukunft?

Vielleicht ist die größte Krise unserer Zeit weder wirtschaftlich noch demografisch. Vielleicht ist es die Krise unseres politischen Vorstellungsvermögens.

Die Mathematik kann uns sagen, was etwas kostet.

Sie kann uns nicht sagen, was es wert ist.

Und genau dort beginnt Politik. Die ist im Moment nicht sichtbar. Das sollte uns nicht nur zu denken geben. Es sollte uns daran erinnern, dass Zukunft immer zuerst im Kopf entsteht.

Wir brauchen Zukunftsbilder und Menschen mit Vorstellungskraft statt Weltbildnostalgiker und Sachzwangpriester. Damals hat man versucht, Gesellschaft in Mathematik zu verwandeln. Heute versucht die Politik, sich hinter der Mathematik zu verstecken. Beides ist weder sachgerecht noch nützlich.

0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x