Schöne Neue Arbeit

Blühende Landschaften? Da haben wir ganz andere Bilder im Kopf! Kannst Du Dir vorstellen, dass die Bergleute auf dem Bild ihre Lebensumgebung trotz harter Arbeit unter schwierigsten Bedingungen verbunden mit allgegenwärtiger Lebensgefahr wahrscheinlich als „kleines Paradies“ empfunden haben? Gelsenkirchen, wo Schornsteine den Himmel abstützen, Stadt der 1000 Feuer, die die Nacht erleuchten und der 1000 Freunde, die zusammen stehen, auf Kohle geboren: Ruhr York.

Bergleute, Zeche Hugo Revier 7, Gelsenkirchen 1913

Maloche prägte das bescheidene Leben, doch die Leute waren stolz und unbeugsam, solidarisch und in Bescheidenheit zufrieden. Ihre Arbeit gab ihnen Sinn, ohne sie lief nichts im sich industrialisierenden Deutschland. Das erfüllte sie mit Stolz und gab ihnen Selbstbewusstheit, obwohl der Rest der Welt sie in der Liga gesellschaftlicher Underdogs verortete. Arbeit prägt das Leben! Leben und Arbeiten waren sich kaum irgendwo so nah und allgegenwärtig wie im Pott des Industriezeitalters, wo die Menschen das Herz auf der Zunge tragen und ihre Seele auf Zehenspitzen daherkommt.

Doch hier geht es nicht um Gefühle oder Heimatstadt, darüber habe ich schon an anderer Stelle geschrieben (hier). Hier geht es um New Work, die schöne Neue Arbeit, von der wir alle träumen und die wir gerne hätten. Der Begriff stammt von dem Philosophen Frithjof Bergmann, er prägte ihn 2004 auf der Suche nach alternativen Arbeitsformen jenseits von Ausbeutung und Knechtschaft. Bergmann suchte die Hoffnung auf Selbstbestimmung, die Aussicht auf Verwirklichung eigener Talente und Träume für arbeitende Menschen (siehe auch hier). Seine hehren Gedanken und meine Gefühle rund um Arbeit und Heimat geraten allerdings in Wallung, wo New Work, Neue Arbeit zu einer diffusen Wolke aus einer romantisch hippen Start-up-Kultur in einer Designer-Garage zusammengerührt werden, hierarchiefrei, duzen, coffee latte con irgendwas for free, Tischkicker, Campus, Bürohund, krawattenfrei und einer Büroausstattung gemäß den letzten Bildern aus dem Google-Office. Was würden wohl Bergleute über sowas denken? Braucht es die beschriebenen Artefakte wirrer Gedankenwolken für zufriedene und selbstbestimmte Arbeit? Zufriedenheit first, ohne sie keine gute Arbeit oder schafft gute Arbeit erst die Voraussetzungen für alle Wünsche nach Selbstbestimmung? Ein gutes Gespräch über die Arbeitswelt von Morgen haben meinen Freund Thomas Knüppel und mich zu einer Reise an die Wurzeln und einer filmischen Betrachtung inspiriert.

„Happy working people“ ist der Claim von intrinsify.me, es ist auch meiner, sonst wäre ich nicht dort und bei NextWork (regional) engagiert. „Realitätsfremde Sozialromantik“ mag mancher gestandene Manager denken. Doch ich sehe das anders.

Natürlich geht es mir darum, dass Arbeit Sinn macht, dass Menschen nicht unter ihr leiden, sie statt dessen einen Beitrag zur eigenen Selbstverwirklichung leistet. Paradox, aber wahr: Das erreichen wir nur dann, wenn Unternehmen sich am Markt orientieren und nicht Wohlfühlgedanken ihrer Mitarbeiter in den Mittelpunkt ihres Denken und Handelns stellen. Bitte nicht missverstehen: ich will hier nicht dem ausbeuterischen Manchester-Kapitalimus das Wort reden. Schlechte Absichten (sofern überhaupt vorhanden) müssen nicht zwangsläufig negative Wirkungen haben, so wenig wie gute Absichten zwangsläufig positive Folgen nach sich ziehen. Alle gut gemeinten Ziele einer „humanen Arbeitswelt“ (so nannte man das in den 70er Jahren) oder von Selbstbestimmung, Wohlfühloasen und sinnhafter Arbeit haben nur dann eine Chance auf Verwirklichung, wenn das Unternehmen überlebt. Ich sage das so deutlich, um eine klare Position nicht zu verwässern. Es geht in erster Linie nicht um den gesunden Mittelweg oder ein fröhliches „sowohl als auch“, die Regeln sind hier knallhart: Wer nicht auf wirtschaftliche Weise Kundenbedürfnisse befriedigt wird nicht überleben. Das ist die Grundregel der Wirtschaft, das ist ihr Zweck. Wer den Zweck nicht erfüllt braucht über Ziele gar nicht erst nachzudenken. Moral ist hier völlig wirkungslos.

Nur gut organisierte Wertschöpfung schafft wirtschaftlichen Erfolg und ein Gefühl von Wirkung und Zufriedenheit. Niemand möchte gerne in einem Unternehmen arbeiten, das am Markt wirkungslos ist und nur auf oberflächliche „Happiness“ setzt. Arbeit ist immer Arbeit für andere, sonst ist es lediglich Beschäftigung. Die macht weder satt, noch schafft sie Sinn und Zufriedenheit. Das lässt sich auch moralisierend nicht wegdiskutieren, das ist sehr real. Zusammenarbeit findet nur statt, wo Arbeit ist. Deshalb muss sie primär genau diese Arbeit organisieren, erst dann kann sie „menschlich“ werden.

Wertschöpfung und Gewinn in den Vordergrund zu stellen heißt nicht Profitmaximierung anzustreben oder eine „shareholder value“ Ideologie zu vertreten. Ausdrücklich nicht! Gescheite Unternehmer denken an das Überleben ihres Unternehmens und an Gewinne, die an langfristigen Zielen ausgerichtet sind. So stehen Gewinn und happy working nicht in einem Widerspruch, im Gegenteil: Gewinn schafft die Voraussetzungen für Sinn und Selbstbestimmung, er ist die externe Referenz, die unternehmerische Orientierung schafft.

Willst Du also was bewegen in Deinem Unternehmen, so beginne bei der Wertschöpfung. Mitarbeiter, die Möglichkeiten haben, Kundenbedürfnisse exzellent zu befriedigen, erfahren sehr unmittelbar die Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit und werden in gleicher Weise kreativ sein, die besten Rahmenbedingungen in ihrem Arbeitsumfeld zu schaffen. Happy working people sind Ergebnis, keine Ursache.

Wer Steine ins Rollen bringen will, muss sie erst nach oben tragen.

Wissterbescheid!

 

 

Ein wenig „Making of“ zu diesem Film:

Ein Thema wie geschaffen für alte Industrieumfelder als Kulisse. Diese haben Thomas und mich sehr bewegt, tief in das Thema eintauchen und mit allen Sinnen begreifen lassen. Für mich besonders, weil sie ein Stück Heimat und Jugenderinnerung sind. Manches unbedachte Gerede erzeugt vor einem solchen Hintergrund und einer solchen Geschichte eine spürbar andere Wirkung als im lichtdurchfluteten Workshopraum.

Die Zusammenarbeit von Thomas und mir beim Übersetzen bewegender Gedanken in künstlerische Videos nimmt immer neue und sich entwickelnde Formen an (Danke, Thomas!). Dieser Film hatte natürlich eine gemeinsame Idee, aber kein wirkliches Drehbuch. Wir haben vor, während und nach den Aufnahmen viel interaktiv entwickelt. Idee, Bild, Kulisse, Locations, Schnitt, Musik, geschriebener und gesprochener Text sind in zahlreichen Dialogen so entstanden bzw. gewählt worden oder erst bei der Arbeit entstanden. Ich finde das diesmal ganz besonders gelungen.

Findling, zuletzt gesehen in Gelsenkirchen, Halde Rheinelbe, Südwesthang.

Einen schmerzlichen Verlust gibt es zu beklagen: Der Findling französischen Ursprungs, den Thomas aus seiner Requisitenkiste mitgebracht hatte. Der Stein ist verschwunden. Nach allen Mühen ihn die Halde empor zu schleppen ist er so perfekt hinuntergerollt, dass er nach unerwartet weiter Talfahrt in einer tiefen und trüben Wasserstelle versunken ist. Wir haben es noch platschen sehen und gehört, dann war er weg. Nachdem wir eine Stunde auf das lichtspendende Wolkenloch gewartet hatten ein Segen, dass gleich beim ersten Rollversuch perfekte Bilder der Talfahrt gelungen sind Es sind die einzigen Dokumente der vorerst letzten Reise des Findlings. Ohne diesen Stein mit seinen wunderbaren Rundungen wäre ein ein zweiter Versuch der Schussfahrt ins Tal nicht mehr möglich gewesen. Die Welt wird sehen, wohin die Spur des Steines führen wird. Sie nahm ihren Lauf von der sogenannten Himmelstreppe, einem Kunstwerk von Herman Prigann auf dem Gipfel der Halde Rheinelbe (im Südosten Gelsenkirchens an der Stadtgrenze zu Wattenscheid, das heute zu Bochum gehört). Wenn das kein Zeichen ist!

Glück auf!

 

 

 

 

 

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Andreas
Andreas
3 Jahre zuvor

… ein wunderbarer Film mit „Gänsehaut-Garantie“ und Inspirationsimpuls. Ging mir sehr gut damit. Danke dafür.

Liebe Grüße

Andreas

Anja
Anja
3 Jahre zuvor

Großartiger Film. Mit wenigen Worten klar auf den Punkt gebracht, regt sehr zum Nachdenken an. Die Kulisse passt perfekt!

Anja

Lars
Lars
3 Jahre zuvor

Eine großartige kleine Filmperle.

Hans
Hans
3 Jahre zuvor

Interessant. Bezüglich Ausbeutung und Knechtschaft im Bergbau romantisch eingefärbt!

Tobias L
3 Jahre zuvor

Geniales Video, das den Bergmannspirit perfekt transportiert. Erfülltes Arbeiten braucht eben nicht notwendigerweise Kickertische und die große Sinnfrage. Solange es ein Kundenbedürfnis zu befriedigen gibt und die Rahmenbedingungen stimmrn, kann auch harte Arbeit Happy working people hervorbringen.

sebastian
3 Jahre zuvor

Finde ich wirklich gut gemacht. Danke dafür

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2 Jahre zuvor
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