Galoppierender Zorn

Quelle: Ubriel Soberanes auf https://unsplash.com/

 

Der schärfste Hund unter unseren Kabarettisten, der sehr geschätzte Georg Schramm, hat ein altes Zitat des Papstes Gregor des Großen aus dem 6. Jahrhundert ausgegraben: „Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.“ Wisst Ihr, was der Ex-Papst mit Georg Schramm gemein hat? Recht haben sie! Daher mein zweiter Post in ähnlicher Angelegenheit in kurzer Zeit.

Ein guter Freund hat mich darauf angesprochen, dass meine öffentlichen Gedanken zum Jahreswechsel deutlich spürbar zornigere Untertöne enthalten, als er sie sonst von mir kennt. Stimmt! Die zuerst ersehnte und dann unfreiwillig erzwungene Ruhe über die Feiertage haben nachdenkend meinen Zorn verstärkt. Ich bin zornig auf uns alle! Vor allem auf unheilige Allianzen von Dummheit, Unfähigkeit, Unwissen, Verantwortungslosigkeit. Dabei unterscheide ich sehr wohl zwischen Dingen, die wir demütig wirklich (noch) nicht wissen und Irrtümern, zwischen Gefühlen und Argumenten, zwischen Angst und der fahrlässigen Verbreitung von Falschinformationen, aus dem Zusammenhang gerissener Zitate, der Stimmungsmache durch aufbauschend verbreitete Informationsschnipsel. Ein jedes mag seinen Platz haben, aber auch seine Grenzen.

Das Böse, auf das der Zorn zielt, das sind keine bestimmten Personen (naja, vielleicht mit ganz wenigen besonderen Ausnahmen). Des Zornes Richtung zielt auf die Umstände und uns alle, die wir zulassen, was um uns herum so geschieht, statt Farbe zu bekennen. Besser zuzugeben etwas nicht zu wissen als Unsinn zu verbreiten.

„Der lang ersehnte Impfstoff ist zu wenig getestet.“ Das ist kein Argument, das ist ein Gefühl. Das darf  jeder haben, nur: er sollte es dann auch so benennen und nicht so tun, als wäre es eine bewiesene Tatsache und er wisse er mehr als andere. Zu jedem Unsinn finden sich amtliche oder akademische Würdenträger, die sich nicht zu schade finden ihn zu verbreiten, selbst wenn sie einer anderen Fachrichtung angehören. Urologen äußern sich schamlos zu Impfstoffen und epidemiologischen Fragen. Leider finden sie sensationslüstern mediale Verbreitung, die nächste Zweigstelle der YouTube University ist gleich nebenan.

Ich kann die pseudointellektuelle Pandemie der Besserwisserei über „Falsch-positiv“, die Reaktion von Teststreifen auf Cola-Tropfen, „An-und-mit-Covid“ Philosophien, R-Wert-Phantasien, Schnupfen-, Grippetote und Übersterblichkeits-Vergleiche nicht mehr hören. Mehr als jedes Pro- oder Contra-Argument wirkt die immanente Verharmlosung. Dieses Signal lösen selbst begründete Skeptiker aus. Das ist kein Argument gegen Skepsis, wohl aber gegen die Art und Weise ihrer Verbreitung. Beispiel gefällig? Niemand weiß, wie lange eine Impfung wirkt oder ob Wiederholungen nötig sind. Diese korrekt, sachlich zutreffende Information erzeugt im Kontext „unzulänglicher Wirkstoff“ ganz anderen Bedeutungsinhalt als im Kontext: das kennen wir, ist auch bei Tetanus, Polio u. a. der Fall, hat also mit der Qualität eines Wirkstoffes nichts zu tun. Ein Dummer kann an einem Tag mehr Blödsinn reden als zehn Weise in einem Jahr widerlegen können.

Völlig unbegreiflich und politisches Versagen, dass Minister, Kandidatenaspiranten, Behördenleiter, die beispielsweise keine aussagefähigen Infektionszahlen in Echtzeit liefern oder persönliche Hoffnungsambitionen über Faktenlagen stellen, nicht längst gefeuert sind. Hat selbst dieses drängende Jahr nicht ausgereicht, Faxgeräte durch digitale Technologien zu ersetzen, Übertragungswege zu untersuchen oder Lüftungsmöglichkeiten zu schaffen? Der Glaube an an die Wirksamkeit einer überholten Bürokratie beherrscht das politische Geschehen. Planungssicherheit wird wie gefordert so versprochen, wo offensichtlich jegliche Steuerungsversuche gescheitert sind. Was ist mit dieser wirkungslosen Corona-App die länger als die Inkubationszeit braucht, einen potentiell Infizierten zu informieren. Wer denn diese Information erhält und sie nicht weitergibt ist schlicht ein moralischer Outlaw. Inkompetenz, politisches Versagen, Charakter- und Rücksichtslosigkeit sind eine Perversion des Datenschutzes, die über ihre unmittelbare Wirkung hinaus nachhaltig Vertrauen in Institutionen und Ämter zerstört.

Die Freiheit zur Dummheit ist ein hohes Gut. Doch wo Wissenschaftler aus Sorge vor medialer und öffentlicher Demontage sich nicht mehr trauen, Interviews zu veröffentlichen, während zeitgleich (auch dumme) Facebook-Nutzer traumhafte Reichweiten erzielen, da ist es um die Meinungsfreiheit schlecht bestellt.

Kollektive Hilflosigkeit, der Ruf nach irgendeiner Obrigkeit statt Eigeninitiative und Verantwortung auf eine Katastrophe mit Ansage, diese Erkenntnis bestürzt, sie macht zornig. Unsere Gesellschaft versagt! Die verfügbaren Steuerungsinstrumente und Systeme sind ungeeignet, mit einer Situation wie dieser angemessen umzugehen. Diese Erkenntnis ist wertvoller als kollektive Besserwisserei und das Zerreden von Ideen. Ich freue mich über jeden Vorschlag, wie wir die Kapazitäten der Impfmöglichkeiten vergrößern. Stattdessen höre ich immer neue Claqueure, die das Vorrücken ihrer Klientel in der Abfolge der Impfreihenfolge fordern und inkompetente Zweifel an ihrer Wirksamkeit verbreiten.

Ich will hier keine Panik erzeugen oder dramatisieren. Ich plädiere auch nicht für monatelange ängstliche Lockdowns. Statt infantiler Besserwisserei und unkluger, sensationslüsterner Panikmache erreichen wir ganz schön viel, wenn eine große Mehrheit sich endlich verantwortlich verhält und Ansteckungen durch einfache Maßnahmen vermeidet. Abstand, Masken, Hygiene, frische Luft bewirken bei anständigem Verhalten vieles . Mancher Kneipenbesuch sowie Kulturveranstaltungen könnten so wieder schneller möglich sein als mit vielen der halbherzigen bisherigen Maßnahmen. Doch erst mal muss das Infektionsgeschehen auf ein anderes Niveau. Das haben wir in den letzten Monaten selbst vergeigt, müssen wir jetzt ausbaden.

Das reicht natürlich nicht aus. Dazu brauchen wir Hoffnung, mehr dezentrales eigenverantwortliches Handeln, eine vernetzte Gesellschaft mit Austausch und offener Diversität, die mehr auf sich und ihre Fähigkeiten vertraut als auf Obrigkeit und Steuerungsillusionen. Die Impfung eines großen Teils der Bevölkerung werden wir auch brauchen. Dazu Leute die die Ärmel hochkrempeln statt Besserwisserei und bequemliche Rücksichtslosigkeit.

Über allen Gipfeln ist Wut. Und jetzt kommt der Zorn hinzu!

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Uli Drescher
9 Monate zuvor

Prima Martin ! doch „Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens“ (Fr. Schiller); aber recht hast Du mit Deinem Zorn. Dennoch: Fröhliche Tage und gesunde Zeiten, Uli

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