Die Hölle, das sind die Anderen!

Ulrich Hochmann: Grosse Spaltung, Granit, 1999 – http://ulrich-hochmann.de/galerie-2/spaltung-2/

 

Es mag vielleicht sonderbar erscheinen. Aber trotz gewisser Sorgen über die Spaltung der Welt in die Guten und die Bösen beneide ich manche die Gesellschaft spaltenden Öl-ins-Feuer-Schütter. Ich kann auch sagen warum, nämlich … weil … sollten diese einst in der Hölle landen, werden sie sich da wie zu Hause fühlen. Das muss ich erklären, dazu ein kleiner Exkurs in die Literaturgeschichte:

In  Jean Paul Sartres Drama „Geschlossene Gesellschaft“ (1944) erreichen drei Menschen nach ihrem Tod das Jenseits. Sie erwarten ein Inferno à la Dante, finden sich zu ihrem Erstaunen jedoch zu Dritt in einer Hotelsuite wieder. Allerdings gibt es kein Bett, kein Schlafzimmer, niemand kann die Augen schließen, denn im Reich der Toten gibt es keinen Schlaf. Einander unbekannt beginnen sie zueinander Beziehung aufzunehmen, sind neugierig, versuchen herauszufinden, wieso die jeweils anderen in der Hölle gelandet sind. Sehr bald entdecken sie, dass sie zu ihren eigenen Folterknechten bestimmt sind, indem sie sich gegenseitig ihre Lebenslügen entreißen. Dabei entsteht eine Eskalationsdynamik nach dem Muster: Jeder will von der Person Zuwendung, Liebe, Anerkennung, Wertschätzung, von der sie verachtet wird. Jeder ist verdammt dazu, die anderen beständig zu quälen und selbst von den anderen gequält zu werden. Und so gilt auf ewig: „Die Hölle, das sind die anderen“. Nacheinander proben alle den vergeblichen Ausbruch aus diesem Gefängnis. Als sich dann plötzlich die Tür öffnet, erschrecken alle vor der vermeintlichen Falle der Freiheit und drängen sich wieder aneinander. Wenn am Ende die letzten Worte „also – machen wir weiter“ fallen, hat sich nichts verändert. Die drei werden ihre Notgemeinschaft ewig aufrechterhalten müssen, ohne wirklich voranzukommen. Selbst Mord ist keine Lösung, denn sie sind schon tot und begreifen: Die Hölle, das sind die jeweils anderen. 

Das ist Fiction, auch wenn das ein oder andere bekannt vorkommt. Die Verlegung des Geschehens in die Sphäre des „schon tot“ ist die Metapher für Verkrustungen in Verständnis unserer Rollen. Sartres existenzialistische Philosophie will Tore öffnen zu Freiheit und Selbstbestimmung. Der Sinn des Lebens ist nicht vorherbestimmt, ein jeder soll seinen Sinn suchen und finden. Ein philosophischer Aufbruch nach den  Zeiten der Vorsehung und des Kollektivismus. Doch sind die Hölle wirklich die anderen? Oder sind wir es am Ende gar selbst?

Darüber mag ein jeder mal für sich nachdenken. Mich erfüllt der Zustand einer sich fortschreitend spaltenden Welt mit zunehmendem Gruseln. Im kalten Krieg standen sich nur zwei waffenstarrende Weltmächte zähnefletschend gegenüber. Die spaltenden Gräben rücken heutzutage immer näher. Alles wird polarisiert: der Präsidentenwahlkampf, der Brexit, das Tempolimit, die Seenotrettung Flüchtender, Frauenquote, die Maskenpflicht, Europa, Windräder oder die sexuelle Orientierung, …. (bitte selbst ergänzen). Polarisiert meint wirklich polarisiert; nicht „wir haben da mal eine unterschiedliche Meinung“. Die könnte ja sinnvoll sein, erkenntnisfördernd. Vorausgesetzt man hört zu, recherchiert, denkt mal nach, ist kritisch, selbstkritisch, offen für Neues, traut sich mal zu einer Idee ……. Ich beobachte mehr sich gegenseitig bestärkende Lagerbildung. Alle wissen alles besser, sie sind sich nur über die Details noch nicht einig. Verbarrikadierte Lager entfremden sich, werden unversöhnlicher, kleinteiliger und grundsätzlicher. Weil jedes Streitobjekt zur Glaubensfrage wird, zur entscheidenden Linie zwischen gut oder böse, es geht um Gerechtigkeit, Zugehörigkeit. Pro bonum contra malum! Wer nicht für das Gute ist, kann nur zu den Bösen gehören. Darin offenbart sich das Paradox des Guten: Je stärker man sich für das „gut Geglaubte“ einsetzt, desto mehr drängen moralische Urteile, Unterstellungen und Vermutungen die Anderen auf die dunkle Seite. Immer unversöhnlicher. So beobachte ich den Zustand unserer Welt, mit dem Rückspiegel der Geschichtsbücher vor Augen mit einigen Sorgen.

Wir leben in unsicheren Zeiten, Bankenkrise, Wirtschaftskrise, dann Corona, Zukunftsängste …….. . Ich vermute, dass in Zeiten kollektiver Verunsicherung, verloren gegangener Stabilität (oder Schein-Stabilität) quasi religiöse oder fanatische Sichtweisen besonders beliebt sind. Man will dazugehören, und zwar zu den Guten. Weil sich das einfach gut anfühlt! Das ist wie ein Virus, das einen geschwächten Organismus angreift, dessen Immunabwehr nicht mehr funktioniert. Sieht aus wie eine Rückabwicklung der Aufklärung, so flüstern mir Herz und Verstand einmütig. Jeder braucht was zum Festhalten, jeder will geborgen sein. Da sucht man seinesgleichen und verteufelt das Andere und die Anderen. Egal um wen oder was es sich handelt: es wird gnadenlos polarisiert und gespalten, jeder sucht Schutz unter seinesgleichen, die anderen sind die Hölle. Divide et impera, teile und herrsche. Akte symbolisierter Zugehörigkeit und Abgrenzung sind in der Geschichte nicht ganz unbekannt, von den Urzeiten über die Jakobiner bis zu den Nazis und weiter bis heute. Alle Täter haben nichts anderes gemein, als dass sie sich für die Guten halten.

Ich halte einzelne Personen, mögen sie noch so starke Anwärter auf einen Platz in der Hölle sein, nicht für unser eigentliches Problem. Personen sind austauschbar, sie reflektieren nichts als gesellschaftliche Zusammenhänge. Wie sonst sollte man das gleichzeitige Auftreten der beschriebenen Muster auf der ganzen Welt bis tief in die Nebensächlichkeiten unsere Alltags hinein erklären? Ich gebe zu: ich habe nicht wirklich eine Idee, wie Polarisierung und Spaltung überwunden werden können. Ich fürchte sie reflektieren den Status unserer Zeit. Trotz immensen Wissens müssen wir mit der Erkenntnis leben, das Meiste eben nicht zu wissen. Vielleicht sind wir ja auch in eine Sackgasse gefahren, haben den Wendepunkt verpasst oder kennen ihn gar nicht? Ich hab keine Ahnung, mache mir aber meine Gedanken. Vielleicht verschwindet das alles ja auch einfach wieder, so wie es gekommen ist? Komplexe Systeme wie die Welt kann man nicht vorhersagen. Braucht es eines Kulminationspunktes, an dem sich die zahlreichen aufgebauten Spannungen abrupt entladen? Ich fürchte, wir werden eine Weile mit polarisiert leben müssen. Ich hoffe, dass es nicht eines großen Knalls bedarf, damit Vernunft wieder zum bestimmenden Element wird. Aber welche Vernunft eigentlich? Und wer zum Teufel ist denn nun die Hölle?

Natürlich zähle ich zu den Guten, ich hoffe Ihr auch. Und ich wünsche mir, dass wir uns nicht an den gegenwärtigen Zustand gewöhnen. Das Privileg fortgeschrittenen Alters ist es, nicht alles für normal zu halten. Dazu habe ich schon zu vieles und vor allem anderes erlebt.

Im Übrigen wünsche ich mir, dass es hier jemanden gibt, der eine gute Idee hat und sie laut hinausposaunt. Herr Sartre, übernehmen Sie? Oder wer sonst?

 

 

 

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