Gelingende Puffersituation
Vor einigen Wochen haben wir im Kreis der Leselampe (dazu werde ich noch separat was schreiben) zusammengesessen. Wir haben über das Buch von Hartmut Rosa über „Situation und Konstellation“ debattiert.
Natürlich sind wir auch bei den Begriffen Jugaad und Jeitinho gelandet, die eine zentrale Rolle spielen. Zwei Wörter aus Indien und Brasilien für die Fähigkeit, mit Situationen spielerisch und kreativ umzugehen, statt Regeln zu befolgen. Begriffe, für die es kein deutsches Wort gibt für ein Können, das sich nicht aus Handbüchern speist, sondern aus Erfahrung, Aufmerksamkeit und dem Gespür für den Augenblick, das Momentum.
Ich weiß nicht, warum. Aber plötzlich stand meine Mutter wieder in der Küche. Vor mir eine Waschschüssel voller Kartoffelteig.
Neben mir meine Mutter, damals schon weit über achtzig, fast blind. Das hat sie nicht daran gehindert, Kartoffelpuffer zu zaubern wie niemand sonst. Einfach einzig!
Vor einigen Jahren habe ich mit meinem Freund Thomas einen kleinen Film über die Kartoffelpuffer meiner Mutter gedreht. Dazu entstand ein Blogbeitrag über Wissen und Können. Beides gibt es noch auf meiner Webseite.
Damals dachte ich, es geht in dieser Geschichte um Wissen und Können. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Da steckt wohl noch was ganz anderes drin.
Die Kartoffelpuffer meiner Mutter waren legendär. Nicht nur in der Familie. Auch Freunde, Bekannte und zufällige Futtergäste erinnern sich mit Speichefluss im Mund (Pawlow lässt grüßen) daran. Wer einmal mit am Küchentisch gesessen hat, vergisst die Puffer nicht.
Wir haben sie gegessen bis zum Platzen. Und wir haben alles versucht, um hinter ihr Geheimnis zu kommen. Wir haben zugeschaut. Jahrelang. Wir haben nachgefragt. Wir haben das Rezept aufgeschrieben. Wir haben nachgemacht. Meine Geschwister. Ich. Freunde. Schwieger-, selbst Enkelkinder.
Das Ergebnis war immer dasselbe. Die Puffer waren ordentlich. Manchmal sogar gut. Aber nie so wie bei meiner Mutter.
Dabei war alles bekannt. Die Zutaten. Die Arbeitsschritte. Die Kartoffeln. Die Pfanne. Das Rezept liegt offen auf dem Tisch. Trotzdem fehlt etwas. Bis heute weiß niemand, was genau.
Vielleicht liegt es an den Kartoffeln vom Bauern Heinz „umme Ecke“? Vielleicht an der uralten Gusseisenpfanne, die niemals mit Spülmittel in Berührung gekommen war? Vielleicht daran, dass der Teig in einer Waschschüssel angerührt wurde, deren Größe erkennen ließ, wie viele Menschen sich um diesen mit Puffern belegten Küchentisch versammelten.
Oder lag es an meiner Mutter. Sie prüfte den Teig nicht mit Messbechern oder Küchenwaagen. Sie steckte ihre Finger hinein. Dann wurde geknetet, die Teigmasse zwischen die Finger durchgequetscht. Nicht kurz. Nicht lang. Sondern richtig.
Was „richtig“ bedeutet, das wusste nur meine Mutter. Sie hätte es gerne erklärt. Das war nicht das Problem. Doch erinnern wir uns an ein legendäres Fußballtor und die Frage des Fernsehkommentators an den Schützen, wie er das erlebt und was genau er in dieser 89. Spielminute gedacht habe? Besser diese Frage wäre nie gestellt worden, jede Antwort kann die Qualität der Sendung nur ins Lächerliche ziehen.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr beschäftigt mich eine ganz andere Frage. Warum glauben wir eigentlich, dass wir Kartoffelpuffer meiner Mutter nachbauen können? Wir haben doch alles.
Das Rezept. Die Zutaten. Die Beobachtungen. Erfahrung aus unzähligen Familienfesten.
Trotzdem ist es nie gelungen. Vielleicht, weil wir einer stillen Täuschung aufsitzen.
Einer Täuschung, die tief in unserer Sprache steckt.
Wir sprechen ständig vom Machen.
Wir machen Karriere. Wir machen Innovation. Wir machen Kultur. Wir bauen Vertrauen auf. Wir erzeugen Motivation. Wir gestalten Zukunft.
Unsere Sprache liebt Täter. Sie liebt Menschen, die etwas herstellen, produzieren und bewirken. Genau dadurch lenkt sie unseren Blick.
Denn plötzlich erscheint die Welt wie eine Werkstatt. Als wäre alles das Werk eines geschickten Herstellers.
Meine Mutter hätte darüber vermutlich gelacht.
Sie hat keine Kartoffelpuffer gemacht. Die Kartoffelpuffer sind gelungen.
Das ist der entscheidende, kleine Unterschied, der es in sich hat.
Kartoffelpuffer gelingen. Apfelkuchen gelingen. Freundschaften gelingen. Partnerschaften gelingen. Gute Gespräche gelingen. Vertrauensvolle Zusammenarbeit gelingt.
Natürlich leisten Menschen einen Beitrag zum Gelingen. Meine Mutter steht nicht untätig daneben und wartet auf ein Wunder. Sie hast Kartoffeln geschält, gerieben, gewürzt, sie stand stundenlang am Herd. Aber sie hätte nie behauptet, sie produziere Kartoffelpuffer.
Sie hat Bedingungen erschaffen, der Rest musste ganz einfach gelingen.
Vielleicht haben wir für solche Phänomene andere Begriffe. Emergenz zum Beispiel. Das klingt beeindruckend, beinahe wissenschaftlich. „Die Puffer emergieren!“ Meine Mutter hätte vermutlich gefragt, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe.
So manches kann eben nicht „gemacht“ werden. Es entsteht. Es wächst. Es entwickelt sich. Es gelingt. Meinetwegen auch: es emergiert.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass unsere Sprache uns einen Streich spielt.
Sie bevorzugt Täter: Wer hat das gemacht? Wer war verantwortlich? Wer hat Erfolg gehabt? Wer hat versagt? Wer hat geführt? Wer hat entschieden?
Die Grammatik sucht Verursacher. Das Leben präsentiert Situationen.
Vielleicht suchen wir deshalb so gerne nach Helden und Schuldigen. Nach Machern und Versagern. Nach Menschen, denen wir Erfolge zuschreiben oder Misserfolge in die Schuhe schieben können.
Die Situation verschwindet aus dem Blick.
Dabei entstehen viele der wichtigsten Dinge unseres Lebens gerade nicht durch Herstellung. Vertrauen kann man nicht produzieren. Freundschaft lässt sich nicht fertigen. Liebe nicht herstellen. Bildung nicht eintrichtern. Kartoffelpuffer nicht nachmachen
Günstige Bedingungen schaffen, das geht. Aufmerksamkeit schenken. Üben, lernen, zuhören, Erfahrungen sammeln. Doch irgendwann beginnt die Situation zurückzusprechen.
Dann gelingt etwas. Oder eben nicht.
Vielleicht haben mich die Begriffe Jugaad und Jeitinho deshalb so beschäftigt. Sie benennen etwas, das meine Mutter längst praktiziert hat.
Sie arbeitete nicht nach einem Plan, für den es ein Rezept gegeben hat. Sie hat mit einer Situation gearbeitet. Mit diesen Kartoffeln. Mit dieser Pfanne. Mit diesem Teig. An diesem Tag. Mit diesen Menschen, die gleich um den Tisch sitzen werden. In dem Film hab ich es genannt: Meine Mutter denkt beim Zubereiten der Teigmasse mit den Händen.
Eine Theorie erklärt nicht, was meine Mutter macht. Meine Mutter erklärt die Theorie.
Die alte Uhr aus der Küche hängt heute in meinem Wohnzimmer. Am Takt des Jahrhunderte alten Uhrwerks erkenne ich, ob sie richtig tickt. Dann höre ich wieder das Brutzeln aus der Pfanne, sehe meine Mutter am Herd. Die Hände im Teig. Das Lächeln in ihrem Gesicht.
Und höre ihren letzten Satz aus dem Film, diesen sehr authentischen, verbürgten Satz :
„Mach du dein Ding, mein Junge. Ich kümmere mich um die Puffer.“
Damals fand ich den Satz einfach nur schön. Heute höre ich ihn anders. Jeder das, was er im Gefühl hat. Jeder das, was er besonders gut kann.
Manches gelingt eben nur, wenn man aufhört, es unbedingt machen zu wollen.

Mein Freund, gelungen!
Die Erinnerung an den Tag mit deiner Mutter berührt mich. Danke.